Doping bei Olympia: Einzelfall statt Sippenhaft

Alexander Kruschelnizki (links) und Anastassija Brysgalowa.
Alexander Kruschelnizki (links) und Anastassija Brysgalowa.
Foto: dpa

Nun ist es also doch passiert: Der erste russische Athlet, der trotz aller Bedenken bei Olympia in Pyeongchang starten durfte, steht unter Dopingverdacht. Der Mann heißt Alexander Kruschelnizki und spielte offenbar unter dem Einfluss von Meldonium, als er mit seiner Partnerin Anastassija Brysgalowa Bronze im Curling-Mixed gewonnen hat. Der Pawlowsche Reflex tritt bei jenen auf, die schon immer gegen den Start der Russen waren, sofort: Haben wir’s doch gewusst!

Schon gewinnt man den Eindruck: Diese Leute haben nur gewartet, dass sie ihre Klischees und die Fortsetzung von Staatsdoping bestätigt sehen. Auch denen sei nochmals in Erinnerung gerufen: So einfach ist die Sache nicht.

Richtig ist, dass Meldonium die Durchblutung fördert und deshalb im Spitzensport eine eher traurige Berühmtheit erlangt hat. Auch die russische Tennisspielerin Maria Scharapowa wurde 2016 wegen Meldonium-Dopings für zwei Jahre gesperrt. Erst vor drei Jahren war der Arzneistoff auf die Dopingliste gesetzt worden.

Eine Sippenhaft widerspricht allen rechtsstaatlichen Prinzipien

Natürlich liegt der Verdacht nahe, dass Meldonium systematisch und verbotenerweise verabreicht und genommen wurde. Vermutlich ist der genannte Curling-Sportler nicht der einzige im russischen Team, das in Pyeongchang ohne Flagge und Hymne an den Start geht. Aber nur weil einem Athleten nachgewiesen werden kann, dass er betrogen hat, heißt die Schlussfolgerung nicht, dass alle anderen Athleten ebenso betrügen. Genau darin liegt ja das Missverständnis: Eine Sippenhaft, wie von den IOC-Kritikern gefordert, widerspricht allen rechtsstaatlichen Prinzipien, dass jeder einzelne Fall einzeln untersucht werden muss.

Es ist folglich ein gutes Zeichen, dass der Fall Kruschelnizki aufflog. Denn anders als häufig befürchtet, verdeckt das IOC keinen Dopingfall, um sich weitere Kritik am OAR-Team zu ersparen. Noch während Olympia wurde nun einer von 168 russischen Sportlern vermutlich überführt. Für alle anderen 167, so sehr auch diese Erkenntnis schmerzen mag, gilt die Unschuldsvermutung noch.

Indizienketten, mögen sie auf uns auch noch so überzeugend wirken, verführen zu einem voreiligen Urteil. Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, dass alle russischen Sportler frei von Schuld sind. Aber genauso wenig, dass sie alle schuldig sind.

Diskutieren Sie mit dem Autor Pit Gottschalk bei Twitter

 
 

EURE FAVORITEN