Der Radsport ist privilegiert

Marcel Kittel im Gelben Trikot.
Marcel Kittel im Gelben Trikot.
Foto: Yoan Valat / dpa
Dass ARD und ZDF die Tour de France nicht mehr stundenlang übertragen, ist kein Grund für Kritik - zumal Eurosport mit 280 Stunden einen Übertragungsrekord aufstellt. Die Wimbledon-Anhänger sind aber auf den Bezahlsender Sky angewiesen. Ein Kommentar.

Essen. Die Tour de France hat begonnen, und unmittelbar vor dem Start gab es Menschen wie Rolf Aldag, die dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen vorwerfen, dass sie diesem Radsportspektakel die kalte Schulter zeigen. „Ziemlich unverständlich“ sei das, findet der Ex- Radfahrer und geständige Doping-Sünder. Und so einen Satz muss man erst einmal sacken lassen.

Man kann ARD und ZDF jede Menge vorwerfen, man kann darüber schimpfen dass Kirmesboxkämpfe hochgejazzt werden, dass in der kalten Jahreszeit Wintersport wie in einer Endlosschleife gezeigt wird, aber dass die Sender eine Sportart, deren Glaubwürdigkeit auf dem Niveau von Wrestling liegt, täglich nicht mehr stundenlang überträgt, ist nun wirklich kein Grund für Kritik.

Für neue Leute hat die Unschuldsvermutung zu gelten

Es ist zu viel passiert in den vergangenen Jahrzehnten. Tatsächlich haben mittlerweile so viele Radfahrer gebeichtet, dass selbst Fachleute überfordert sind, wenn sie eine ansatzweise vollständige Liste der Sünder anbieten sollen. Und an der Spitze des internationalen Radsportverbandes thronen immer noch die ewig gleichen Leute – muss man mehr wissen?

Logisch ist es richtig, dass neue Leute am Start sind, dass die Unschuldsvermutung zu gelten hat. Und es ist auch völlig legitim, dass ein Marcel Kittel, der sich jetzt das Gelbe Trikot überstreifen durfte, darauf hinweist, dass „eine lange Zeit vergangen ist“ und es nun „uns junge Fahrer gibt.“ Allein, wie oft hat man solche Beteuerungen gehört, und wie oft sind die Fans enttäuscht worden?

Tatsache ist, dass gerade die Radfahrer in einer privilegierten Rolle sind. Die Tour wird in der Sommerpause gefahren. Just zu einem Zeitpunkt, da der Fußball ruht, was ellenlange Berichterstattung in den Zeitungen garantiert. Und will man sich ernsthaft über die Fernsehberichterstattung beklagen, im Wissen, dass Eurosport mit 280 Stunden einen neuen Übertragungsrekord aufstellt?

Was sollen die Tennisfans da sagen, denen vollkommen klar ist, dass man mit einem Ball umgehen können muss und man mit Doping allein kein Champion wird? Die Wimbledon-Anhänger sind in diesen Tagen auf den Bezahlsender Sky angewiesen. Hier erfahren sie unter anderem in einer allabendlichen Zusammenfassung von Moderator Uli Potofski, wie sich Sabine Lisicki oder Tommy Haas schlagen.

Gegen eine Tour-Zusammenfassung ist nichts zu sagen

Die Sendung ist informativ, unterhaltsam, vorbildlich. Mehr will man gar nicht. Es ist genau das Format, das man von ARD und ZDF für seine Zwangsgebühren erwarten darf. Als Tennisfan, aber selbstverständlich auch als Radsport-Fan. Gegen eine tägliche Tour-Zusammenfassung am Abend ist nichts zu sagen. Im Gegenteil.

 
 

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