Alles nur Show - Ein Besuch in der Wrestling-Schule

Im Training werden verschiedene Griffe und Bewegungen einstudiert.
Im Training werden verschiedene Griffe und Bewegungen einstudiert.
Foto: WAZ FotoPool
Die Westside Xtreme Wrestling in Oberhausen schult in ihrer Talentschmiede „Westside Dojo“ jeden Samstag den eigenen Nachwuchs. Es geht hart zur Sache, damit den Zuschauern die perfekte Illusion geboten werden kann.

Oberhausen. Wer die Turnhalle der Sankt-Michael-Hauptschule in Oberhausen betritt, der vermutet nichts Ungewöhnliches. Es liegt dieser typische Gummimatten-Geruch in der Luft, Generationen von pubertären Pennälern haben hier schon geturnt. Doch mit klassischer Leibesertüchtigung im Schulunterricht hat der in der Mitte der Halle platzierte Ring nichts zu tun. Dort geht es richtig zur Sache, der Schweiß läuft, es wird geschrien: „Was sind denn das für Anfängerfehler? Wir drehen hier keinen Film! Es darf nichts wiederholt werden!“

Bei den einstudierten Kampfszenen tut sich keiner ernsthaft weh

Wrestling-Coach Big van Walter ist in Rage. Der Österreicher trainiert die Schüler im „Westside Dojo“, in der Nachwuchsschmiede der in Oberhausen beheimateten Wrestling-Organisation WXW, Westside Xtreme Wrestling – in ihrer Art einzigartig in NRW. Jedes Wochenende treffen sich die Showkampf-Neulinge in dieser Halle und arbeiten hart an sich und der perfekten Illusion ihrer Fights. Die besteht darin, dass der Zuschauer denkt, dass sich die Kämpfer bis zur Erschöpfung im Ring prügeln und umherschmeißen.

Die Kampfszenen sind einstudiert, keiner tut sich ernsthaft weh. Was im Ring passiert, ist vorher zwischen den Wrestlern abgesprochen. Zwar nicht bis ins Detail, aber es gibt feste Punkte, an denen sich die Kämpfer orientieren können. Der Kampf ist in eine Geschichte eingebettet, die die Kontrahenten in gut und böse aufteilt. So soll sich dann das Publikum entscheiden, auf wessen Seite es steht. Während man für die Inszenierung ein gewisses schauspielerisches Talent braucht, ist für den Kampf Fitness die Grundvoraussetzung, wie WXW-Boss Christian Jakobi erklärt: „Hier schubsen sich keine dicken Männer durch den Ring. Dieses alte Bild vom Wrestling ist überholt. Um eine perfekte Show bieten zu können, brauchen wir perfekt durchtrainierte Athleten.“

Wrestling-Trainer Walter ist bei Würfen erbarmungslos

Dafür sorgt Trainer Big van Walter, Original und Aushängeschild der WXW. Am Anfang jeder Einheit steht das einstündige Fitnesstraining. Erst danach geht es ans Eingemachte. Es werden Bewegungsabläufe, Kampfszenen und das richtige Hinfallen erlernt. Viele Griffe basieren auf dem traditionellen Ringen, werden aber oft spektakulärer vorgeführt.

Würfe sind das Spezialgebiet von Trainer Walter, er ist dabei erbarmungslos. Beim Training schleift er jeden und jede – es trainieren auch Frauen im „Westside Dojo“. Jakobi erklärt: „Wir haben jedes Jahr ein Probetraining für neue Schüler. Die müssen dann beweisen, dass sie den Willen haben, diese harte Schule über Jahre durchzuziehen. Für die nächste Vorstellungsrunde haben sich bis jetzt ebenso viele Frauen wie Männer angemeldet.“

Auch Frauen steigen in Oberhausen in den Ring

Die 19-jährige Alice ist seit knapp einem Jahr im Ring, bis zu ihrem ersten Kampf vor Publikum wird es wohl noch einige Jahre dauern. Die laute Kritik von Walter galt ihr und ihrer Kollegin Melanie. Für Alice sind diese harten Töne kein Problem: „Ich muss das verpacken.“ Bei allen Trainingskämpfen legt der Coach Wert darauf, dass das Geschehen glaubhaft rüberkommt: „Das ist bei uns das A und O. Die Schüler müssen es schaffen, die Zuschauer ab der ersten Sekunde in ihren Bann zu ziehen. Wenn sie diese Illusion nicht realisieren, können sie gleich einpacken.“

Walter weiß genau, wovon er spricht. Mit 450 Kämpfen gehört er zu den erfahrenen Wrestlern der WXW. Sein Hobby führte ihn schon nach Japan und in die USA. Er hat einen Vollzeitjob bei einem Speditionsunternehmen, der Verdienst durch Wrestling sichert sein „schönes Leben auf einem Bauernhof“ nicht ab.

Wrestling ist in Deutschland kein Millionengeschäft

Die WXW finanziert sich über die Eintrittsgelder ihrer Shows und über die Verkäufe ihrer DVDs. Jakobi: „Wir sind in Deutschland ganz weit davon entfernt, dass Wrestling so ein großer Markt wird, wie etwa in den USA.“ Dort ist es ein Millionengeschäft, besonders für das Bezahl-Fernsehen. „Wir kommen am Monatsende bei null raus. Davon leben kann hier keiner“, erklärt der WXW-Chef. Doch egal, ob alte Hasen wie eben Coach Walter oder Neulinge wie Alice, sie alle eint insgeheim der Wunsch, von diesem ungewöhnlichen Hobby einmal den Lebensunterhalt bestreiten zu können. Dafür quälen sie sich Woche für Woche. Und der Turnhallengeruch bleibt in ihren Nasen.

 
 

EURE FAVORITEN