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Warum der Fußballkommentator Marcel Reif so polarisiert

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Fussball DFB Pokal Saison 2014 2015 Achtelfinale SG Dynamo Dresden Borussia Dortmund BVB Foto: imago
Marcel Reif wurde zuletzt mehrfach von BVB-Fans angegangen, auch in Foren und sozialen Medien wird er hart kritisiert. Woher kommt diese Abneigung?

Essen. 

Marcel Reif ist einer der besten deutschen Fußballkommentatoren – zumindest, wenn man nach den Auszeichnungen geht, die er in rund 30 Jahren Kommentatorentätigkeit bekommen hat: Der Deutsche Fernsehpreis ist darunter, der Grimme-Preis – und als 1998 vor dem Spiel von Borussia Dortmund bei Real Madrid ein Tor umfiel und das Spiel erst mit 76 Minuten Verzögerung begann, lieferte er sich mit Günther Jauch ein legendäres Zweigespräch, das beiden den Bayerischen Fernsehpreis einbrachte.

Auf der anderen Seite stehen Nutzerkommentare in sozialen Netzwerken, die vermuten lassen, dass hier ein Blinder am Werk wäre, der zudem von Fußball keinerlei Ahnung hat – und das sind noch die harmlosen Schmähungen. Zuletzt schlug dem Fernsehkommentator Reif gar blanker Hass entgegen: als er vor dem Revierderby auf dem Weg zum Dortmunder Stadion war und ein erregter Mob auf sein Auto einhämmerte und daran herumwackelte. Als am Rande der DFB-Pokalpartie in Dresden BVB-Fans den Kommentator erst mit Beleidigungen und Schmähungen und dann mit Bierduschen eindeckten. Und als später auf Twitter zu lesen war: „Schade, dass die Polizei dazwischen gegangen ist.“

Woher kommt dieser Hass?

Fakt ist, dass alle Fußballkommentatoren immer wieder Zielscheibe von wüsten Beschimpfungen werden. Wer Fußballspiele vor Millionen von Zuschauern kommentiert, kann es nicht jedem Recht machen. Und Reif, der beim Bezahlsender Sky eigentlich weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit arbeitet, gibt als eines der bekanntesten und profiliertesten Gesichter eben eine besonders gute Zielscheibe ab – was allerdings auch mit seiner Art zu tun hat: Reif ist der rhetorisch wohl beste Mann an den TV-Mikrofonen, er verwendet ganz nebenbei Formulierungen, auf die viele Kollegen niemals kämen. Das weiß er auch und lässt es gelegentlich deutlich spüren – das macht nicht unbedingt beliebt.

Außerdem bewahrt sich Reif anders als viele Kollegen stets eine kritische, oft ironische Distanz zum Geschehen, die aufgeregte Emotionalität jüngerer Kollegen geht ihm ab. Auch scheut er vor deutlicher Kritik nicht zurück – was bei vielen Anhängern offenbar nicht gut ankommt. In Dortmund wirft man ihm seit Jahren vor, Anhänger von Bayern München zu sein, in München unterstellt man, er sympathisiere mit dem BVB. In Wahrheit ist er Anhänger des 1. FC Kaiserslautern. Klar ist: Der Mann polarisiert mit seiner Art – und das eben schon deutlich länger als die meisten seiner Kollegen.

Ärger mit dem BVB gab es schon 1995

1995, damals noch Sportchef bei RTL, begleitete Reif ein Champions League-Spiel des BVB bei Steaua Bukarest. Die Partie endete 0:0 und Reif begann das Gespräch mit dem damaligen Trainer Ottmar Hitzfeld mit dem Satz: „Herr Hitzfeld,ich bin bereit, Ihnen zum Weiterkommen zu gratulieren, wenn Sie den Zuschauern Ihr Mitgefühl ausdrücken für die Art und Weise, wie es denn zustande gekommen ist.“ Eine Gesprächseröffnung, die man in der Dortmunder Chefetage als derart ungeheuerlich empfand, dass man öffentlich scharfe Kritik übte. Beim nächsten Champions-League-Heimspiel gegen Atletico Madrid skandierten nicht wenige BVB-Fans: „Und schon wieder keine Ahnung, Marcel Reif!“ Und: „Schwuler, schwuler Marcel Reif!“ Auch einige Jahre später grüßten ihn BVB-Fans in der Innenstadt von Madrid mit dem Schlachtruf „Reif, du Drecksau!“

Doch spricht hier die Mehrheit der Fußballfans und -zuschauer? Anders als bei Politikern kann im Fall Reif nicht auf Meinungsumfragen zurückgegriffen werden, wie groß die Lager der Anhänger und Gegner sind, bleibt offen. Doch die Zahl derjenigen, die den Kommentator gut oder zumindest nicht schlecht finden, dürfte größer sein als die der Gegner. Denn würde ein relevanter Teil von Zuschauern regelmäßig Abschalten oder gar das Sky-Abo kündigen, weil der 65-Jährige kommentiert, hätte ihm sein Sender längst das Mikrofon zugedreht. (we)