Carmen Thomas' "Schalke 05" - Ein historischer Versprecher

ZDF-Moderatorin Carmen Thomas 1973 im Gespräch mit Wolfgang Overath.
ZDF-Moderatorin Carmen Thomas 1973 im Gespräch mit Wolfgang Overath.
Foto: imago
Vor 40 Jahren moderierte die heute 66-jährige Carmen Thomas als erste Frau das ZDF-"Sportstudio". Ein heute legendärer Versprecher sorgte damals für große Aufregung - und sicherte Thomas, neben dem Unmut einiger Zuschauer, einen Platz in den Geschichtsbüchern der deutschen TV-Landschaft.

Berlin.. Carmen Thomas hat Fernsehgeschichte geschrieben: Als erste Frau führte sie am 3. Februar 1973 durch eine Sportsendung im deutschen TV. Eineinhalb Jahre war sie als Moderatorin für "Das aktuelle Sportstudio" im Einsatz. Im Gedächtnis blieb sie aber vor allem wegen ihres Versprechers "Schalke 05". dapd-Korrespondent Bernd Fischaleck sprach mit der 66-Jährigen über die Widerstände zu Beginn ihrer Karriere, die Geschlechterfrage im Sportjournalismus - und natürlich auch über ihren Fauxpas vor laufenden Kameras.

Frau Thomas, am Sonntag jährt sich Ihr erster Einsatz im "Sportstudio" zum 40. Mal. Blicken Sie mit Freude auf dieses Datum zurück oder verbinden Sie das auch mit schlechten Erinnerungen?

Carmen Thomas: Es war ein Super-Privileg, wie eine Art Sechser im Lotto. Es gab ja nur zwei Sender. Wenn Sie da abends im Hauptprogramm eine eineinhalbstündige Livesendung mit Publikum hatten, war der Fernseh-Format-Himmel ausgereizt. Und so etwas als Frau, mit 26, zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Fernsehens machen zu dürfen - das war absolute Spitzenklasse. Es wurde später der Schlüssel, ab 1974 die Sendung "Hallo Ü-Wagen" als erste Mitmach-Sendung entwickeln zu können. Und die war total nach meinem Geschmack. Das Kalkül ist damit aufgegangen, denn schon damals war es wie heute: Diejenigen, die wirklich interessante Positionen zu vergeben haben, schauten kaum nach begabtem Nachwuchs. Da fielen im Wesentlichen immer nur bekannte Namen.

Also ging es Ihnen nicht in erster Linie um den Sport?

Thomas: Eigentlich war ich ja schon seit 1968 als Politik-Moderatorin beim WDR beschäftigt. Gegenüber dem Sport war ich etwas skeptisch, auch weil ich als Turnerin eine Vergangenheit als Leistungssportlerin hatte. Ich kannte diesen Teil des Funktionärs-Unwesens aus der Nähe. Der Sport hatte damals kein besonders gutes Image bei Intellektuellen. Aber natürlich war er gesellschaftlich extrem wichtig. Und die Männerbastion schlechthin war das "Sportstudio". Das war das Allerheiligste. Dort wünschte sich die Mehrheit der Männer eine "weiberfreie Zone".

Bis Sie kamen.

Thomas: Das Schwierige war, dass verhältnismäßig wenige eine Frau in dieser Position wünschten. Männer nicht, aber auch die Mehrheit der Frauen waren zu der Zeit mehr auf Stutenbiss erzogen, weil ihr Schicksal damals tatsächlich so wesentlich von Männern abhing. Aus der Ecke der Frauenbewegung kam der Vorwurf, ich würde mich als Feigenblatt der Männer missbrauchen lassen. Es war - wie es eine Zuschrift damals passend schrieb - "eine Arbeit mit wenig Rückhalt fast gegen eine ganze Nation".

Sie waren also eine Pionierin?

Thomas: Ja schon. Es gab ja eigentlich keine Vorbilder, abgesehen von den Wirtschaftsjournalistinnen Fides Krause-Brewer und Julia Dingwort-Nusseck. Das Frauenbild war ansonsten vor allem geprägt durch schöne Programmansagerinnen und Assistentinnen, die - überspitzt gesagt - durch freundliche Zuarbeit, geschlitzte Kleider und Wimpernklimpern auffielen. Die Verantwortlichen beim ZDF waren auch ratlos. Es gab Tabus, welche Sportarten Frauen nicht machen sollten. Boxen und Ringen galten zum Beispiel als zu brutal. Es wurden auch wohlmeinend englische, französische und italienische Top-Gäste besorgt, um zu zeigen, dass die Neue auch drei Fremdsprachen kann - was für das Publikum natürlich eine Zumutung war. Denn übersetzte Interviews sind ja in Wahrheit immer langweilig.

Ist das deutsche Sport-TV heute weiter?

Thomas: Das ist doch Mathematik: Die Frauen sind immer noch in der Unterzahl. Dabei sind die vorhandenen Kolleginnen top. Katrin Müller-Hohenstein finde ich super, auch Andrea Kaiser oder die Kolleginnen bei Sky. Und es ist so unendlich traurig, dass eine so überragende Journalistin wie Monica Lierhaus derart aus der Erfolgsbahn geworfen wurde. Frauen im Sport-TV werden jedoch erst dann selbstverständlich sein, wenn die Sonderstellung verschwindet, wenn die Balance gelebt wird, die schon Plato forderte: Männer und Frauen als zwei Hälften zu begreifen, die nur zusammen ein Ganzes bilden können. Aber im Zweifel helfen Männer den Frauen bei interessanten Positionen doch lieber in den Mantel als in ein wichtiges Amt.

Sie haben sich seit einigen Jahren aus den Medien zurückgezogen. War das eine bewusste Entscheidung?

Thomas: Mein Herzens-Medium war seit jeher der Hörfunk. Mein TV-Doppelleben dauerte ja "nur" von 1969 bis 1979. Die Lebensänderung ab 1998 gehört mit zu den positiven "Schalke 05"-Folgen. Denn angesichts dieser Mobbing-Kampagne gegen meinen Chef, die ja in Wahrheit hinter der 05-Legende steckt, wurde früh deutlich, wie viel unabhängiger mehrere Standbeine machen. Daher wurde ich ab 1976 Buchautorin und Fachfrau für Kommunikation, gründete vor 15 Jahren die erste Moderations-Akademie für Medien und Wirtschaft und zog mich aus der Öffentlichkeit zurück.

Jetzt haben Sie es selbst erwähnt: Nervt es Sie, fast 40 Jahre später noch nach diesem Versprecher gefragt zu werden?

Thomas: Ein Zuschauer hat das einzig Richtige dazu gesagt: "Wenn Sie es nicht selbst gesagt hätten, hätte es eine Werbeagentur für Sie erfinden müssen." "Schalke 05" ist zu einer unkaputtbaren Marke geworden. Dass ich 14 Bücher geschrieben habe, ist eigentlich der "Bild"-Zeitung zu verdanken. Denn das Beispiel zeigte: Wer schreibt, bleibt mehr als alle, die senden. Dabei galt der Widerstand eigentlich meinem Chef Hajo Friedrichs. Er war SPD-nah, kam auch aus der Politik und versprach zur Einführung, nun Fußball mit Intelligenz zu paaren. Das löste natürlich keine Begeisterung bei den Kollegen aus. Der Innenwiderstand verbündete sich mit "Bild am Sonntag" und "Bild". Die Folge: der Zeitungsenten-Verriss der "BamS" schon vor der Ausstrahlung meiner zweiten Sendung, und die "Schalke 05"-Schlagzeile in der "Bild" erst mehr als 14 Tage nach dem Versprecher - mit einem scheinheiligen Kommentar auf Seite zwei: Wie kleinlich vom ZDF, die Moderation wegen eines Zahlendrehers beenden zu wollen. Dabei war davon keine Rede. Tatsächlich folgten noch eineinhalb Jahre "Aktuelles Sportstudio" bis zum Beginn von "Hallo Ü-Wagen". Aber die Legende lebt und lebt. (dapd)

 
 

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