Aljoscha Pause spricht über seinen Dokumentarfilm "Trainer"

Regisseur Aljoscha Pause mit Trainer André Schubert.
Regisseur Aljoscha Pause mit Trainer André Schubert.
Foto: imago
Der Journalist und Dokumentarfilmer Aljoscha Pause hat einen sehenswerten Film über das Leben am Spielfeldrand gedreht. "Trainer" gewährt ungewöhnliche Einblicke in einen öffentlichen Beruf. Eine Saison lang begleitete Pause André Schubert, Stephan Schmidt und Frank Schmidt.

Essen.. Auf die Frage, was ihn motiviert, sagt der Journalist und Dokumentarfilmer Aljoscha Pause: „Die Aussicht, eine besondere Geschichte erzählen zu können.“ Und genau das gelingt dem 41-Jährigen immer wieder mit seinen ungewöhnlichen Fußball-Filmen. Die Karriere des Profis Thomas Broich dokumentierte er für den Film „Tom meets Zizou“ acht Jahre lang. Für seinem neuen Film „Trainer“ hat Grimme-Preisträger Pause die Fußball-Trainer André Schubert (FC St. Pauli), Stephan Schmidt (SC Paderborn) und Frank Schmidt (1. FC Heidenheim) eine Saison lang begleitet. Die sehenswerte Reise durch die Trainer-Republik, die einmalige Einblicke gewährt, läuft in ausgewählten Kinos und ist ab Ende Juni auf DVD erhältlich.

Herr Pause, Sie durften unmittelbar vor Spielen in der Kabine filmen. Fühlt man die Anspannung, riecht man Angst?

Aljoscha Pause: Es riecht ehrlich gesagt nach einer Mischung aus Gras, Erde und einem Gel zur Muskellockerung, etwas mit Eukalyptus-Geruch. Leicht stechend in der Nase. Aber nicht unangenehm. Man spürt die Anspannung. Vor der letzten Ansprache des Trainers kann man eine Stecknadel fallen hören. Es war eine beeindruckende Erfahrung. Und wir hatten Glück. Als wir das erste Mal bei Heidenheim in der Kabine waren, haben sie gewonnen. Fußballer neigen zum Aberglauben. Als Glückbringer durften wir wiederkommen.

Zentrales Thema ihres Films ist der Druck, erfolgreich zu sein. Spürt man den?

Pause: Jeder Spieler und Trainer geht unterschiedlich mit den Momenten vor dem Spiel, mit der Aufgeregtheit, mit den Ängsten, um. Es ist ja wie bei einem Bühnenauftritt, bevor sich der Vorhang öffnet. Junge Menschen spielen vor bis zu 80000 Zuschauern und sollen koordinativ ihr Bestes zeigen. Das ist eine hohe Anforderung, allein schon mental. Das versucht man zu kanalisieren und da helfen Rituale. Man macht sich noch mal Mut, eine letzte Adrenalinausschüttung. Und alle gehen noch mal auf Toilette. Das wiederum ist nicht anders als in der Kreisliga.

Sie waren mit Kamera- und Tonmann in der Kabine. Wurden Sie noch wahrgenommen und gehörten Sie irgendwann dazu?

Pause: Ich habe mir am Anfang schon Gedanken gemacht, ob jemand fremdeln könnte. Aber ich habe vorab um Vertrauen geworben, mich vor die Mannschaften gestellt und eine Ansprache gehalten. Ich habe erklärt, dass wir keine Sensationen suchen und den Film seriös und ehrlich machen wollen. Die Spieler sollen ein gutes Gefühl bei der Sache haben und sagen, wenn sie etwas stört. Dann würden wir es nicht zeigen.

Gab es diese Bitte?

Pause: Nein. Obwohl Andre Schubert in St. Pauli und Stephan Schmidt in Paderborn im Laufe der Saison entlassen wurden. Für sie hätte es günstiger laufen können.

Haben Sie denn bewusst auf besonders kritische Szenen verzichtet?

Pause: Ein Ersatzspieler von Paderborn hat Stephan Schmidt sehr persönlich kritisiert. Das war ein Rachefeldzug. Dem wollte ich keine Bühne geben.

Warum ein Film über Trainer?

Pause: Die Trainerzunft steht im Beurteilungsfokus wie kaum eine andere Berufsgruppe. Ich fand es spannend, an sie heranzurücken, die Perspektive zu ändern, mich auf solidarische Weise mit dem Trainerberuf auseinanderzusetzen und dessen Sicht zu zeigen.

Warum haben Sie zwei Zweitliga-Trainer - Andre Schubert und Stephan Schmidt – und einen Drittliga-Trainer - Frank Schmidt – begleitet?

Pause: Frank Wormuth, Chefausbilder der Trainer beim DFB, hat mir bei der Auswahl geholfen. Ich wollte unterschiedliche Typen mit Potenzial und Persönlichkeit. Und die habe ich gefunden, wie der Film zeigt. Mein Idealbild sah ursprünglich je einen Trainer aus den ersten drei Ligen vor, um Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu zeigen. Ich habe Monate lang intensive Gespräche mit Bundesliga-Trainern geführt, mit Felix Magath, Mirko Slomka, Christian Streich, Thomas Schaaf oder Dieter Hecking. Sie haben sich alle Zeit genommen, waren angetan und aufgeschlossen. Aber keiner von ihnen war bereit, die kompromisslose Weise, die ich eingefordert habe, mitzumachen und sich hinter die Kulissen begleiten zu lassen. Sie wollten sich wohl nicht angreifbar machen.

Aljoscha Pause über die Gespräche mit Armin Veh und Jürgen Klopp

Einige der Herren haben trotzdem ihren Auftritt im Film.

Pause: Ich habe mit ihnen und Armin Veh oder Jürgen Klopp ja lange hintergründige Gespräche geführt. Diese besonderen Elemente wollte ich nicht missen. Und sie tun dem Film gut, ordnen Sachen ein, geben gewissen Situationen besonderes Gewicht.

Der Saisonverlauf für die Trainer hat Ihnen in die Karten gespielt. Schubert wurde früh entlassen, Stephan Schmidt nach dem 32. Spieltag und Frank Schmidt hat mit Heidenheim am letzten Spieltag den Aufstieg knapp verpasst.

Pause: Für die Dramaturgie ist es optimal gelaufen. Und auch, dass es kein Happyend gibt, macht für den Film Sinn. So ein Projekt ist ein großes Abenteuer. Das klingt aber nur wildromantisch, wenn es einem erzählt wird oder man es hinter sich hat. Vorher ist es schwierig und risikoreich. Man muss sich auf etwas einlassen. Aber mit Mut, Gottvertrauen und Reporterglück hat es geklappt. Ich wurde rein- und rangelassen.

Welche Rückmeldung haben Sie von Ihren drei Hauptdarstellern bekommen?

Pause: Es fühlen sich alle getroffen. Das ist wirklich schön zu hören. Denn ich trage ja Verantwortung. Frank Schmidt war richtig begeistert. Andre Schubert findet den Film gut und wichtig, hätte sich natürlich gewünscht, in besseren Momenten begleitet worden zu sein. Auch Stephan Schmidt sagt, der Film sei gelungen. Auch, das schwingt im Subtext mit, wenn er sich eine andere erste Saison als Profi-Trainer gewünscht hätte.

Auffällig ist, dass einige Spieler vor Ihrer Kamera sehr offen über ihre Trainer reden.

Pause: Das fand ich auch interessant. Es hat geholfen, dass fast alle, wie ich erfahren habe, „Tom Meets Zizou“ gesehen haben. Da hat Thomas Broich sich vieles von der Seele geredet und gesagt, was viele gerne mal sagen würden.

Einer wird besonders deutlich. Deniz Naki, der passend für Ihren Film von St. Pauli zu Paderborn wechselt, kritisiert seinen Ex-Trainer Schubert.

Pause: Ich hatte ihn zu Stephan Schmidt befragt und er hat von Schubert erzählt, ihn hart attackiert. Ich habe mich dann gefragt: in wieweit bin ich meinem Protagonisten Schubert verpflichtet? Und wie sehr darf ich Naki diese Bühne geben? Ich bin ja kein Boulevardjournalist, sammele hintenrum Stimmen und haue dann beide in die Pfanne. Andre Schubert hat sich dann selbst geäußert. Und die Repliken waren auch heftig. So wurde es ein deutliches und ehrliches Streitgespräch. Wie im richtigen Leben. So stehen nun zwei subjektive Wahrheiten neben einander. Das gefällt mir.

Gibt es schon ein neues Projekt?

Pause: Ich habe was im Köcher, auch wieder im Fußball, aber das ist noch nicht spruchreif. Einige Trainer haben gesagt, ich soll mal einen Film über Manager machen. Auch hochinteressant. Ich fühle mich aber gerade selbst wie am Ende einer langen und intensiven Bundesliga-Saison: Ziemlich platt. Wir hatten über 100 Stunden Material für den Film, so viel wie in acht Jahren mit Thomas Broich.

Letzte Frage, die uns in der Redaktion beschäftigt hat: Peter Neururer hat einen Gastauftritt und sitzt nicht im Hemd, sondern mit Motorrad-Klamotten vor Ihrer Kamera. Hätte er sich nicht eben umziehen können?

Pause: (lacht) Da haben nicht nur Sie gestaunt. Ich muss zu Peters Ehrenrettung sagen: Wir haben ihn vorher gefilmt, wie er auf seiner Harley die Straßen unsicher macht. Das hat aber nicht mehr in den Film gepasst.

 
 

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