Schwarzgelber Riesen-Klopps im Revierderby gegen Schalke

Frank Lamers
BVB-Trainer Jürgen Klopp versuchte es ausgerechnet im Revierderby mit einem anderen System.
BVB-Trainer Jürgen Klopp versuchte es ausgerechnet im Revierderby mit einem anderen System.
Foto: Ina Fassbender / Reuters
Doppelmeister Borussia Dortmund verlor das Revierderby gegen den FC Schalke 04 mit 1:2 und damit den Anschluss an die Bundesligaspitze. Es lag aber nicht allein daran, dass Trainer Jürgen Klopp mit dem System gezockt hat.

Dortmund. Jürgen Klopp war nach Niederlagen schon lauter unterwegs. Und bei dieser Niederlage handelte es sich nicht einmal um irgendeine x-beliebige. Verloren wurde das Revierderby, verloren wurde im eigenen Garten gegen den ungefähr seit dem Urknall wenig geliebten Nachbarn Schalke. Klopp aber gratulierte brav dem ausdauernd lächelnden Siegerkollegen Huub Stevens und widmete sich ansonsten sachlich der Kritik an einem Mann, der ihm sehr nahe steht.

Klopp, Jürgen Klopp.

Doch war es tatsächlich er selbst, der Trainer von Borussia Dortmund, der zentral dafür verantwortlich gemacht werden konnte, dass den BVB-Fans mit diesem 1:2 gegen die Königsblauen ein Euphorieblocker verabreicht wurde, der sich in schwarzgelbem Blut nur äußerst langsam abbaut?

Nach einer halben Stunde kehrte BVB zum bewährten System zurück

Klopp fand: so ein bisschen. Schließlich hatte er versucht, im Derby ein neues System zu etablieren, eines mit defensiver Dreierkette anstelle der traditionellen Viererformation. Der Wille, der dahinter wirkte, war ein guter. „Ich wollte der Mannschaft helfen“, erklärte der Trainer. Sein Ziel sei es gewesen, eine Ordnung zu schaffen, die gewährleistete, „dass Spieler auf den Positionen spielen, die ihrem Naturell entgegen kommen“, fügte er an.

Ein Multifunktionsakteur wie Kevin Großkreuz dürfte sich allerdings noch immer fragen: Von welchem Naturell bin ich, und wenn ja, von wie vielen? Konservative Beobachter vermuteten bei der Spielauswertung schließlich, der Kevin habe während der Partie vier Pöstchen bekleidet. Mitte links, links offensiv, rechts hinten, links hinten. Progressivere hatten ihn auch auf der rechten offensiven Flanke entdeckt.

Das Pöstchengehumse folgte jedoch dem Systemgehumse. Nach einer halben Stunde mit integriertem Volleytreffer zum 1:0 durch Ibrahim Afellay ordnete der Trainer bereits die Rückkehr zum bewährten 4-2-3-1 an. Und nur mit Bezug auf das Systemgehumse verkündete Klopp: „Ich nehm’ das auf meine Kappe.“ Über das Pöstchengehumse schwieg er hinweg. Ähnlich wie seine Spieler.

Die waren nicht einmal dazu bereit, den kleinen Zettel mit dem Schuldanerkenntnis des Chefs gegenzuzeichnen. Die Innenverteidiger Mats Hummels und Neven Subotic merkten lediglich an, dass sie sich in der Viererreihe vielleicht noch wohler fühlten als mit Kamerad Sven Bender in der Mitte und verwaisten Flügeln.

Löw und Kirch traut Klopp für den Ernstfall wenig zu

Verblüffende Systemkorrekturen, wilde Postenverschieberei, das Alles-auf-meine-Pöhler-Kappe-Wort des Trainers und sein „Dank an jeden einzelnen Zuschauer“ dafür, das Niveau des BVB ertragen zu haben, versperrten auch nur den Blick auf die aktuelle Not des Doppelmeisters. Klopp hatte korrigierend reagiert, weil Jakub Blaszczykowski, Mario Götze, Ilkay Gündogan, Marcel Schmelzer und der irgendwie beinahe vergessene Patrick Owomoyela verletzt nicht am Spielbetrieb teilnehmen konnten. Und dass er mit einer Systemkorrektur reagierte, legte erstmals offen, dass er Eins-zu-Eins-Pöstchen-Alternativen wie Chris Löwe oder Oliver Kirch nicht zutraut, im ernstesten aller für den BVB möglichen Bundesligafälle bestehen zu können.

Die Außendarstellung war bis zu diesem Derby mit seinem aus Dortmunder Perspektive fatal kurz nach der Pause durch Marco Höger erzielten 2:0 und dem nichts mehr bewirkenden 2:1 durch Robert Lewandowski eine völlig andere. Als personell blendend ausgestattet verkaufte sich der Erfolgsklub der vergangenen beiden Jahre. Binnenklima förderndes Motto: Hier kann jeder reinkommen. Hier sind alle klasse. Gravierender als die Erkenntnis, dass der eine oder andere Hinterbänkler gewogen und für zu leicht befunden wurde, könnte aber die sein, dass gegen die homogenen Schalker auch die grundsätzliche Qualität der Borussen nicht reichte, die ersatzweise angetreten waren.

Oder zumindest die Chemie mit ihnen durcheinander gerät. Bei einem mittlerweile auf zwölf Punkte angewachsenen Rückstand auf die Bayern und der anliegenden kräftezehrenden Aufholjagd in der Liga plus nationalen Pokal- und Königsklassen-Auftritten werden nämlich ganz sicher mehr als 13 oder 14 Topakteure benötigt.

Ein Verteidiger weniger

Nach der selbst vorgenommenen Systemkritik, die Stevens etwas hinterlistig in Anbetracht der Verteidigerreduktion durch Klopp durch das Wörtchen „Risiko“ ergänzte, wollte aber niemand im Dortmunder Reich auch noch eine Grundsatzdiskussion entfachen. Sportdirektor Michael Zorc bedauerte, dass man einen „rabenschwarzen Tag erwischt“ habe und „kollektiv und individuell“ nicht auf der Höhe des Geschehens gewesen sei.

Und der Trainer behauptete: „Mit diesen Leuten, die da unten auf dem Platz waren, können wir natürlich viel besser spielen.“ Was gegebenenfalls am Mittwoch gegen Real Madrid notwendig werden könnte.