Schalkes Leroy Sané ist ein Junge für besondere Momente

Peter Müller
Am liebsten würde er die Welt umarmen: Leroy Sané nach seinem Tor zum 2:0 gegen Frankfurt.
Am liebsten würde er die Welt umarmen: Leroy Sané nach seinem Tor zum 2:0 gegen Frankfurt.
Foto: imago/Chai v.d. Laage
Der Senkrechtstarter schließt Sololäufe in hohem Tempo mit Toren ab. Trainer André Breitenreiter lobt nach dem Sieg gegen Frankfurt das gesamte Team.

Gelsenkirchen. Für solche Momente gehen Zuschauer ins Fußballstadion. Schalke 04 führt gegen Eintracht Frankfurt mit 1:0, verteidigt hinten mit allen Kräften, kratzt den Ball sogar von der Linie, und dann kommt in Minute 91 der entscheidende Konter: Klaas-Jan Huntelaar legt einen Kopfball in den Lauf von Leroy Sané, und der 19-Jährige zündet den Turbo. Rast los, degradiert drei Gegenspieler inklusive Torhüter Lukas Hradecky zu Slalomstangen – und schiebt den Ball dann eiskalt ins Tor. In diesem Augenblick wird die Statik der Arena einer Bewährungsprobe unterzogen. Die Leute toben vor Freude, die Lautstärke erreicht Warnwerte. Von ganz hinten setzt Ralf Fährmann zum Sprint über das gesamte Feld an – auch Schalkes Torwart will ganz vorne mitfeiern.

Unbekümmert und selbstbewusst

Wieder tätscheln sie alle den Wuschelkopf des Nachwuchsstürmers, der schon am Sonntag in Stuttgart für den 1:0-Sieg sorgte und solche tollen Treffer auch in der vergangenen Saison in Madrid und Berlin erzielt hatte. Es ist diese Mischung aus Unbekümmertheit, Selbstvertrauen und Talent, gegen die Gegenspieler bei hohem Tempo nichts mehr ausrichten können. Der U-21-Nationalspieler besitzt zudem noch die Frechheit, von außen kommend selbst abzuschließen, auch wenn mitgelaufene Mitspieler besser postiert sind. Diesmal wartet Leon Goretzka in der Mitte vergeblich auf den Pass nach innen. „Den Ball muss ich eigentlich zu Leon spielen“, sagt der Torschütze selbstkritisch, aber auch grinsend: „Aber ich kam einfach so durch, ich war zu gedankenlos und habe den Ball reingeschoben.“

Vermutlich möchte er sich nicht vorstellen, was ihm geblüht hätte, wenn die Nummer schiefgelaufen wäre. „Ein Tor wie beim Eishockey“, sagt Schalkes Manager Horst Heldt und lacht dabei. „Wenn es gut geht, ist alles wunderschön.“

André Breitenreiter, der Sané diesmal erst in der 70. Minute einwechselte, bemüht sich darum, das Lob für den Liebling der Fans nicht zu groß werden zu lassen. „Leroy hat den letzten Angriff grandios vollendet“, sagt Schalkes Trainer, „aber er ist nur ein Teil einer Mannschaft, und ich finde, wir haben wieder als Mannschaft hervorragend agiert.“ Auch Manager Heldt, der den Vertrag mit dem vor der Saison von Tottenham umworbenen Sané bis 2019 verlängerte, will verhindern, dass der Junge am Rad drehen könnte: „Leroy ist auf einem guten Weg“, sagt er. „Er muss noch viel lernen, er hört aber auch gut zu, wenn der Trainer etwas sagt.“

Ein noch lange nicht ausgereifter Spieler

Wie in Stuttgart, als Sané zur Pause einen Anpfiff kassierte, weil er es mit der Defensivarbeit nicht so genau genommen hatte. Obwohl er selbst der Meinung war, nicht gut gespielt zu haben, verließ ihn in der entscheidenden Szene nicht der Instinkt: Auch das Siegtor in Stuttgart war das Resultat einer außergewöhnlichen Einzelleistung.

Der Sohn des früheren Wattenscheider Bundesliga-Torjägers Souleymane Sané ist ein noch lange nicht ausgereifter Spieler, doch er besitzt jetzt schon die Qualität, mit einer Aktion für den Unterschied sorgen zu können. „Er hat noch viel Luft nach oben“, meint André Breitenreiter, „aber mit 19 darf man auch Fehler machen.“

Breitenreiter hat Freude daran, diesen kessen Kerl zu entwickeln, der exemplarisch für das gesamte Team steht: Es tut sich etwas auf Schalke, die junge Mannschaft hat sich auf Platz drei vorgearbeitet. Der neue Trainer ist kommunikativ, ehrgeizig und pflegt einen ausgeprägten Gemeinschaftssinn. Das kommt an – nicht nur bei den Fans, auch bei den Spielern. „Er hat von Beginn an erklärt, wie er sich das Zusammenleben vorstellt, und sie sind ihm gefolgt“, schwärmt Horst Heldt. Auch Leroy Sané hat verstanden, dass der Einzelne nichts ohne das Team ist. „Ich bleibe auf dem Boden“, versichert er. Wo soll er auch sonst hin, wenn ständig so viele Gratulanten auf ihm liegen.