Schalke-Fans sehnen sich nach Ehrlichkeit

Andreas Ernst
Die Schalke-Fans (v.l.) Hans-Joachim Teske, Metin Özcilingir, Raphael Brinkert, Karl-Heinz Jüttner, Marc Hanisch und Ömer Eryigit diskutierten mit WAZ-Sportchef Dirk Graalmann (unten, l.) und WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz (unten, r.). (Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool)
Die Schalke-Fans (v.l.) Hans-Joachim Teske, Metin Özcilingir, Raphael Brinkert, Karl-Heinz Jüttner, Marc Hanisch und Ömer Eryigit diskutierten mit WAZ-Sportchef Dirk Graalmann (unten, l.) und WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz (unten, r.). (Foto: Matthias Graben / WAZ FotoPool)
Foto: WAZ FotoPool
Die Fans des FC Schalke 04 wollen mehr Ehrlichkeit - und sorgen sich wegen der finanziellen Schieflage. Das ergab die Diskussion zur Schalke-Krise von sechs Fans mit Chefredakteur Ulrich Reitz und Sportchef Dirk Graalmann.

Essen. Zu Beginn ist’s einen Moment lang ruhig. Die Diskussion der sechs Schalke-Fans mit WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz, WAZ-Sportchef Dirk Graalmann und Überraschungsgast Manni Breuckmann hat noch gar nicht richtig angefangen, da geht der Blick zum Fernseher. Champions-League-Auslosung. Inter Mailand ist schließlich Schalkes Viertelfinal-Gegner – und alle sind einer Meinung. „Die können wir“, sagt Karl-Heinz Jüttner (59) aus Raesfeld, gekommen mit Fanschal. Danach geht’s 90 Minuten lang zur Sache – auf der Suche nach Lösungen für die Krise. Vor allem die 250 Millionen Euro Schulden belasten die Schalker Fanseele. Tenor: Schalke braucht eine Markenstärke, Offenheit, Ehrlichkeit. Sprich: die Rückkehr zum Wertegerüst.

Der Verein hat sich geändert. „Früher waren Schalke-Aufkleber auf dem Opel Kadett – heute auf den Autos von Managern, weil Schalke schick ist. Das ist gut“, sagt Ömer Eryigit (32) aus Essen. Er ist mit Schalke groß geworden. Schalke steht wie kein anderer Verein für das Ruhrgebiet. Doch – sagen die Fans – nicht nur in den vergangenen Wochen, als es um die Entlassung von Felix Magath ging, ist die Stimmung schlechter geworden. „Der Imageverlust, den der Verein erlitten hat, ist riesengroß“, ergänzt Metin Özcilingir (42) aus Gladbeck, seit seinem fünften Lebensjahr Fan. Er gibt Aufsichtsrats-Chef Clemens Tönnies die Schuld. „Ich werd mit dem Mann nicht warm. Der ist nicht authentisch. Nicht jeder, der Wurstverkäufer ist, ist Uli Hoeneß. Wo werden wir als Fans vom Vorstand und dem Aufsichtsrat mitgenommen?“ Er ergänzt: „Wir reden von einer Art Guerillakrieg auf Schalke." Die Fans, nicht nur Özcilingir, vermissen klare Worte, sie kritisieren die WAZ für ihre Berichterstattung am Tag des Champions-League-Achtelfinals – wollen die Quellen für die Nachricht wissen. „Wenn wir sicher sind, dass die Nachricht stimmt, muss sie raus. Sie müssen sich darauf verlassen, dass die Quellen sauber sind“, erklärt Ulrich Reitz. Die Quelle sei nicht Peter Lange, Mitglied der Geschäftsleitung der WAZ Mediengruppe und Aufsichtsrat der Schalker, gewesen. Auch die Indiskretion der Klubführung stört die Fans.

Zum Beispiel Jüttner, der seit 1979 Vereinsmitglied ist. Er hat Tönnies’ Worte bei der Vorstellung Felix Magaths noch im Ohr: „Er hat gesagt: ,Herr Magath, Sie können alles umdrehen, was Sie für umdrehenswürdig halten – sei diese Veränderung noch so schmerzhaft.’ Jetzt sind wir durch Schmerzen gegangen. Ich sage: Lasst Magath doch seinen Vier-Jahres-Vertrag durchziehen.“ Magath wird ohnehin nicht nur kritisiert. „Ich finde“, sagt Marc Hanisch (34) aus Bochum, „Magath hat sich professionell verhalten, indem er gesagt hat, er kann kein Schalke-Fan sein.“

Doch die Personen Tönnies und Magath sind nur das erste Diskussionsthema. Hanisch geht es vor allem um die finanzielle Lage. Er bezeichnet S04 als das „Griechenland der Bundesliga“. „Wie definieren wir Erfolg? Wenn wir an den Fleischtöpfen Champions League und Pokal so viel Geld für eine Sondertilgung von 50 Millionen Euro verdienen können – das ist Erfolg.“ Hanisch kritisiert die Mitglieder – er ist es seit 20 Jahren. „Wer wählt denn Tönnies alle zwei Jahre? Jemand, dem die finanzielle Konsolidierung wichtiger ist als die kurzfristige Meisterschaft, der würde nicht gewählt.“ Sein nicht ganz ernst gemeinter Lösungsansatz ist drastisch: „Wie wollen wir die 250 Millionen Euro Schulden wegkriegen? Es gibt eine geordnete Insolvenz, wir gehen fünf Jahre aus der Bundesliga raus.“ Ernst meint Harnisch, dass der schwarz-gelbe Nachbar als Vorbild dienen könnte: „Die hatten 2005 den Moment, wo es nicht mehr weiterging.“

Ungewohntes Lob für den BVB gibt es auch von Raphael Brinkert (33) aus Haltern, der die Schalker Facebook-Fanseite ins Leben gerufen hat, die inzwischen 174.000 Usern gefällt: „30 Kilometer weiter hat ein Verein vorgemacht, wie ein kompletter Turnaround geht, wie es gelingt, Ruhe reinzubringen und Talente einzubauen.“ Und noch ein weiterer Verein hat es Brinkert angetan: Der FC Barcelona. „Schalke fehlt eine klare Leitidee – so wie Barcelona mit dem Motto ,Mehr als ein Verein’.“ Brinkerts Vorschlag: „Man muss sich an einen Tisch setzen, offen und ehrlich über die Markenstärke des FC Schalke 04 diskutieren.“ Dass der Verein trotz mehrerer Aufrufe bisher nicht auf seinen Facebook-Auftritt reagiert hat, hält er für falsch.

Hans-Joachim Teske (58) aus Gelsenkirchen, seit seinem sechsten Lebensjahr Schalke-Fan, schlägt ein anderes Konzept vor: „Man muss sich mehr auf die Jugendarbeit besinnen, die auf Schalke hervorragend ist. Wenn man nur um Platz zehn spielt, aber die Mannschaft ist unsere junge Mannschaft – dann würden die Schalker mitziehen.“ Teske war Lehrer an der Schalker Partnerschule am Berger Feld, kennt einige Spieler, wie er sagt. Ralf Rangnick ist für Teske eine gute Wahl: „Wenn die den Neururer geholt hätten, wäre ich verrückt geworden. Rangnick halte ich für das Beste, was machbar ist.“

Und vielleicht gelingt mit Rangnick der Pokalsieg und der Einzug ins Champions-League-Halbfinale. „Ich glaube, dass die Saison gut zu Ende geführt und vielleicht Inter Mailand geschlagen wird“, sagt Teske in der 90. Minute der emotionalen WAZ-Diskussionsrunde. Da nicken alle sechs Schalke-Fans.