Richterschelte beim Phantomtor ja, Urteilsschelte nein

Reinhard Schüssler
Tor ist, wenn der Schiedsrichter pfeift. Das DFB-Sportgericht hat sich erwartungsgemäß an die Rechtslage gehalten. Deshalb: keine Kritik an dem Urteil, dafür aber Schelte für Richter Hans E. Lorenz, der offenbar glaubte, dass er sich in einer Bütt befand. Ein Kommentar von Reinhard Schüssler

Humor ist, wenn man trotzdem lacht? Um nicht als humorloser Zeitgenosse zu gelten, hätte Stefan Kießling nach dieser Interpretation herzhaft lachen müssen, als ihn der Vorsitzende des DFB-Sportgerichtes am Montag in Frankfurt mit den Worten begrüßte: „Jetzt haben sie endlich einmal eine Einladung vom DFB bekommen.“

Der Leverkusener Phantomtor-Schütze dürfte es freilich kaum lustig gefunden haben, dass Hans E. Lorenz bei der für alle Beteiligten sehr wohl ernsten Angelegenheit zu Witzen auf seine Kosten aufgelegt war. An Stammtischen oder in einer Bütt mag Lorenz damit punkten – in Ausführung seines Amtes hätte er sich diese flapsige, einen wunden Punkt in Kießlings Karriere treffende Bemerkung besser erspart, mehr noch: ersparen müssen.

Platini hatte keinen Spielraum gelassen

Keine Kritik haben die Sportrichter dagegen für das Urteil verdient, mag dieses auch jedem Gerechtigkeitsempfinden Hohn sprechen. Aber vor Gericht muss nun einmal nach Rechtslage entschieden werden, und die war in diesem Fall (Tatsachenentscheidung) eindeutig. Uefa-Präsident Michel Platini hatte denn auch keine andere Regelauslegung gefordert, sondern an Bayer Leverkusens Fairness appelliert. Dem Werksklub im Umkehrschluss nun Unfairness vorzuhalten, weil er – anders als von dem Franzosen erhofft – kein Wiederholungsspiel anbot, wäre freilich erst recht unfair.

Nebenbei: In ihrer Urteilsbegründung machten die Sportrichter ihr eigenes Unbehagen deutlich, indem sie sich für die Torlinientechnik stark machten. Eine Technik, die Platinis Uefa – anders als die Fifa – nach wie vor ablehnt. Dabei ist diese eindeutig im Sinne des Fair Play.