Raúl ist das Schalker Feierbiest

Manfred Hendriock
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Nach der magischen Nacht gegen Inter Mailand träumt Schalke nun vom Champions-League-Finale. Am liebsten gegen Real Madrid.

Gelsenkirchen. Es war eine dieser legendären Schalker Nächte. Eine dieser Nächte, in denen die Zapfhähne nicht still stehen und in denen Geschichten erzählt werden, die man später an seine Enkel weitergeben wird. Es war eine dieser Nächte, in denen man kaum zur Ruhe kommt.

Als der große Senor Raúl auf die Empore vor der Nordkurve stieg und dort den Kontakt zu den Fans suchte, da wusste man, dass es emotional werden würde. Noch nie war der spanische Weltstar so sehr eins mit Schalke wie in dieser Nacht nach dem 2:1 gegen Inter Mailand. Für Raúl (33) war diese Berührung eine ganz besondere Erfahrung. Denn in Spanien gibt es das nicht, dass die Spieler so nah zu den Fans kommen und mit ihnen feiern. Alle waren ergriffen, aber Raúl war an diesem Abend das größte Schalker Feierbiest.

Es klang nicht aufgesetzt, als er später erzählte, dass er solche Momente erleben wollte, als er sich dazu entschloss, nach 16 Jahren bei Real Madrid eine neue Herausforderung anzunehmen: „Dafür bin ich nach Schalke gekommen.“ Doch dass es so schön werden würde und er mit Schalke nun im Halbfinale der Königsklasse gegen Manchester United steht, das hätte er selbst kaum für möglich gehalten. Valencia, Inter Mailand – es kann bald ein neues Lied gesungen werden von den Eurofightern, die auszogen, um den Großen das Fürchten zu lehren. „Alle haben gedacht, dass Schalke ein leichter Gegner ist“, erzählte Raúl, „aber wir haben gezeigt, dass das nicht so ist.“

Schalke hat es als Mannschaft gezeigt – fast so, wie damals vor 14 Jahren, als es im Uefa-Cup diese erste Story der Eurofighter gab. Trainer Ralf Rangnick ist beinahe selbst verblüfft über dieses Team, das er vor vier Wochen übernahm und dem so ein schlechter Ruf vorauseilte. Wenn er nun die Spieler durchgeht, dann stellt er fest, dass kein Miesepeter dabei ist – keiner, der das Kollektiv stört. Alles gute Jungs. „Aber was mir besonders imponiert“, sagt Rangnick, „ist, dass Raúl sich als Teil dieser Mannschaft sieht.“ Der Superstar ist etwas Besonderes. Auch, weil er so normal ist.

Ein Star ohne Allüren

Christoph Metzelder, der Raúl am besten kennt, weil er schon drei Jahre lang mit ihm bei Real Madrid zusammengespielt hat, verfasst beinahe – pardon – eine kleine Liebeserklärung an den Mitspieler. „Raúl ist einer aus der Generation der Fußballer, die langsam ausstirbt. Er hat null Starallüren.“ So waren die Eurofighter. So war später Ebbe Sand. So sind die Spieler, die auf Schalke auch viele Jahre später als Helden verehrt werden. Wie Klaus Fischer oder der unvergessene Rolf Rüssmann. Das sind die Geschichten, die in diesen Schalker Nächten erzählt werden.

Vielleicht wird es nun am 26. April die nächste solche Nacht geben – dann, wenn Manchester United zum Halbfinal-Hinspiel in die Arena kommt. Es ist so eine herrliche Ausgangslage, weil es die gleiche ist wie gegen Inter: „Wir sind klarer Außenseiter, aber es gibt immer eine Chance“, beschreibt dies Ralf Rangnick. Schließlich, und das ist gar nicht hoch genug zu bewerten, hat Schalke von den zehn Spielen in der Königsklasse sieben gewonnen: Alle fünf Heimspiele, dazu auswärts in Lissabon und Mailand.

United bisher nur Gegner auf der Konsole

Nun also Manchester United – ein Team, das Benedikt Höwedes früher nur von der Playstation kannte. Oder bei dem man ans Stadion Old Trafford denkt – „da sollte man mal gewesen sein“, lacht Manuel Neuer. Raúl dagegen denkt vor allem an Sir Alex Ferguson – „ein großartiger Trainer, ich bewundere ihn sehr“. Doch bei aller Bewunderung verspricht Raúl: „Wir werden es Manchester so schwer wie möglich machen und können langsam davon träumen, ins Finale zu kommen.“ Hasta la vista – Schalke finalista? Und dann, ja dann würde Raúl wirklich gerne gegen Real Madrid spielen. Seine alte Liebe, sein Verein.

Die lange Nacht auf Schalke, irgendwann ging sie dann doch zu Ende. Alex Ferguson, der das Spiel in der Loge von Schalke-Boss Clemens Tönnies verfolgt hatte, machte sich so seine Gedanken – die Fans indes gingen voller Glück nach Hause. Doch am nächsten Morgen waren sie schon wieder da. Vor der Geschäftsstelle standen sie in der langen Schlange nach Karten für den Knüller gegen ManU. Stilecht um genau 11.04 Uhr ging’s los. Zweieinhalb Stunden später war das Spiel ausverkauft.