Doping ist auch bei den Paralympics ein Thema

Ronny Blaschke
Auch bei den Paralympics gibt es immer wieder Manipulationen. 21 Athleten sind bei den letzten drei Sommer-Paralympics des Dopings überführt wurden. Tests sollen zwar abschreckend wirken, doch das System hat noch viele Lücken und der Aufklärungsbedarf ist groß.

London. Steffi Nerius schaute nach links, nach rechts, sie blickte in ahnungslose Gesichter. Boosting? Nein, diesen Begriff habe sie noch nicht gehört. Die Speerwurf-Weltmeisterin von 2009 und dreimalige Olympia-Teilnehmerin betreut in London neun deutsche Paralympics-Teilnehmer, sie hat sich intensiv mit den Themen Medizin und Doping im Behindertensport befasst. Dass sie auf einer Pressekonferenz über den Antidopingkampf noch etwas lernen kann, hätte sie nicht gedacht. „Jeder Athlet sollte sich ein Team aufbauen, damit man Sicherheit hat“, sagte Nerius. Der Aufklärungsbedarf ist groß.

Boosting wurde bei den Paralympics in Peking 2008 genutzt

Mehr als 4200 Athleten nehmen an den Paralympics teil, Einnahmen und Einschaltquoten brechen Rekorde. Wächst damit auch die Versuchung der Manipulation? „Über Boosting sollte man sprechen“, sagt Jürgen Kosel, Chefarzt des deutschen Teams. Als Boosting wird das absichtliche Zufügen von Verletzungen beschrieben, um Blutdruck und Herzfrequenz zu steigern – und damit die körperliche Belastungsfähigkeit. Bei Sportlern mit einer Rückenmarksschädigung leistet der Körper eine natürliche Steigerung nicht mehr.

Laut einer anonymen Umfrage des Internationalen Olympischen Komitees bei den Paralympics 2008 in Peking gaben 17 Prozent der Befragten zu, Boosting genutzt zu haben. Durch das Brechen der Zehen, Elektroschocks oder das Einklemmen der Hoden. Die Deutsche Presse-Agentur zitiert eine Studie von 1994, wonach Rollstuhlfahrer durch Boosting auf einer Strecke von 7,5 Kilometern zehn Prozent schneller waren. Seit 1994 ist Boosting verboten. Doch die Methoden sind nur schwer zu kontrollieren.

1984 gab es erstmals Kontrollen bei den Paralympics

Für London hatte das IPC 1250 Dopingkontrollen angekündigt, so viele wie nie zuvor. Die Organisatoren wollen abschrecken, doch wie schon Olympia garantiert eine hohe Kontrolldichte nicht eine hohe Findungsrate. „Es wäre sinnvoll, auch während der Trainingsphase zu kontrollieren und nicht nur im Wettkampf“, sagt Mario Thevis von der Sporthochschule Köln.

1984 hatte es erstmals Kontrollen bei Paralympics gegeben, 21 Athleten sind bei den letzten drei Sommer-Paralympics des Dopings überführt worden, 18 von ihnen im Gewichtheben. Sie hatten meist Steroide für einen schnellen Kraftzuwachs genutzt. Nach Olympischen Spielen werden Proben acht Jahre aufbewahrt – für modernere Kontrollmethoden. Nach Paralympics wurden ausgewählte Tests nur Monate gesichert - aus Kostengründen.

Die Kontrollmethoden seien ausbaufähig wie alle Strukturen im Behindertensport, bemerkt Solveig Wörzberger vom Deutschen Behindertensportverband: „Unsere Kaderathleten haben schon lange die selben Pflichten wie die Kaderathleten im Deutschen Olympischen Sportbund. Und die selbe Verbotsliste.“ Der DBS führt seit zwanzig Jahren Kontrollen durch. Eine bemerkenswerte Zu- oder Abnahme von Dopingfällen ist nicht zu erkennen. 2010 und 2011 wurden je zwei Sportler mit unerlaubten Mitteln ertappt. Lässt das System, das aus Kostengründen nur die Spitzenathleten regelmäßig kontrolliert, Missbrauch unentdeckt?

Allein 2011 konnten sieben Athleten ihre positiven Proben aufheben lassen: Ihnen waren wegen ihrer Behinderungen Medikamente gestattet, die auf der Verbotsliste stehen. Zum Beispiel Diuretika, die das Gewicht reduzieren. Oder Betablocker, die zu einer höheren Konzentration führen können.

Ein Problem der Aufklärung

Eine Uni-Studie zeigt, dass Doping im Behindertensport oft ein Problem der Aufklärung ist. Daher setzt der DBS auf Prävention, verteilt Broschüren, organisiert Fortbildungen. Denn es gibt strukturelle Probleme: In Kathetern kann eine Vermischung des Urins mit Darmbakterien Doping-Spuren erzeugen. Die Internet-Datenbank, die den Aufenthaltsort der Athleten speichert, ist für blinde Sportler nicht zugänglich. Und die Qualität der Kontrollsysteme in den Paralympics-Nationen ist höchst unterschiedlich.

Im Deutschen Haus in London berät die Apothekerin Kerstin Neumann die deutschen Paralympier, sie verweist auf dopingrelevante Spuren in Nahrungsergänzungsmitteln. Die Trainerin Steffi Nerius genießt es, in der Apotheke keine Rücksicht mehr auf den Beipackzettel nehmen zu müssen. „Meine Sportler haben es da nicht so leicht“, sagt sie. „Sie sind sehr vorsichtig und stellen viele Fragen.“