Otto Rehhagel findet Schalkes Felix Magath gut

Foto: Ulrich von Born / WAZ

Essen. Griechenlands Nationaltrainer Otto Rehhagel findet Felix Magath gut, traut sich aber keine Prognose über seine Arbeit auf Schalke zu: "Wollen mal sehen, wo Schalke nach zehn Spielen steht. Das ist die Wahrheit."

Der Mann weiß natürlich, dass er nicht annähernd so alt aussieht, wie er ist. Wird ihm doch seine anhaltende Dynamik, ja, Jugendlichkeit tagtäglich bestätigt. Auch hier im Essener Traditionscafe Overbeck, wo wir uns mit Trainer Otto Rehhagel, der mit Griechenlands Fußball-Nationalmannschaft auf dem Sprung zur WM 2010 steht, über Fußball im Allgemeinen und seine persönlichen Perspektiven unterhalten.

Herr Rehhagel, Sie werden demnächst 71 – die meisten Menschen zählt man in diesem Alter zum alten Eisen. Wie lange wollen Sie sich diesen doch extrem stressigen Job noch antun?

Rehhagel: Ich habe nur einen einzigen Plan. Wir spielen am 5. September in der Schweiz. Da müssen wir sehen, dass wir nicht verlieren. Mein Vertrag läuft bis zum Ende der WM-Qualifikation. Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. Qualifizieren wir uns, läuft der Vertrag noch bis zur WM im nächsten Jahr.

Und dann? Was könnte Sie noch reizen?

Rehhagel: Ich weiß, im Fußball passiert immer was. Alle zwei Monate. Und ich habe das Glück, dass ich noch fit bin. Deshalb kann ich mir noch alles vorstellen. Schon Kant hat gesagt: Der Sinn des Lebens ist Arbeit. Und: Konrad Adenauer ist mit 72 noch Bundeskanzler geworden.

Da Sie aber wohl kaum noch in die Politik wechseln wollen, dürften sich Ihre Vorstellungen nach wie vor auf den Fußball beziehen.

Rehhagel: Ich könnte mir schon vorstellen, noch mal in einem Verein in beratender Funktion tätig zu sein. Ich hab’ ja einen unglaublichen Erfahrungsschatz und sehr gute Verbindungen.

Hat es Sie in den vergangenen Jahren noch einmal gejuckt, in die Bundesliga zurückzukehren?

Rehhagel: Also, ich habe schon ein paar konkrete Angebote gehabt. Aber ich habe denen immer gesagt: Ich stehe bei den Griechen im Wort und daran halte ich mich, bis die sagen: Otto, das war’s.

In der Bundesliga fällt auf, dass immer mehr Trainer darauf pochen, mehr Macht im sportlichen Bereich zu bekommen. Sie haben dies ja bereits vor zwanzig Jahren in Bremen praktiziert. Obwohl Sie ja mit Willi Lemke auch einen Manager an Ihrer Seite hatten.

Rehhagel: Willi hat unseren Erfolg vermarktet. Aber er hatte keine Stimme im Sport. Er saß weder in der Kabine noch auf der Bank. Er hat den Verein verkauft, und das hat er gut gemacht.

Aber im Sport haben Sie sich das alleinige Sagen erarbeitet, wie jetzt auch im griechischen Verband. Sehen Sie sich deshalb als eine Art Trendsetter?

Rehhagel: Ach, als junger Trainer kannst du dir das doch nach wie vor nicht erlauben. Felix Magath, der das zuletzt in Wolfsburg durchgezogen hat, der hat ja auch schon was geleistet. Da ist es natürlich einfacher. Und im Übrigen: Wenn du zum Beispiel in München bist, wird du nie die Macht in einer Hand haben.

Klingt da so etwas wie Verbitterung durch? Schließlich sind Sie ja dort seinerzeit nicht gerade auf die feine englische Art entlassen worden - kurz vor dem Saisonende und nach Erreichen des Uefa-Cup-Endspiels.

Rehhagel: Nein, überhaupt nicht. Franz hat sich längst bei mir entschuldigt. Und außerdem ist das Leben viel zu kurz, um sich jahrelange Bitterkeit leisten zu können. Nebenbei: Für mich kamen danach ja noch Kaiserslautern und Griechenland – was will man mehr?

Aber empfinden Sie nicht doch so etwas wie Genugtuung darüber, dass auch Jürgen Klinsmann in München gescheitert ist?

Rehhagel: Ich bin immer auf Seiten der Spieler und der Trainer. Aber der Jürgen ist eben noch ein junger Mann, der muss eben auch manche Dinge noch lernen.

Woran ist Klinsmann Ihrer Meinung nach denn gescheitert?

Rehhagel: Er hat schlicht und einfach zu viel verloren. Sie haben sich alle zuviel versprochen und nach der WM unglaubliche Erwartungen gehabt.

Ist Klinsmann schlicht überschätzt worden?

Rehhagel: Bei der Weltmeisterschaft habt Ihr doch alle ein Theater gemacht, das war wahnsinnig. Wenn ich einen Fremden, sagen wir aus Neuseeland, hierherhole, der denkt, wir sind Weltmeister geworden. Wir sind aber nur Dritter geworden. Wissen Sie, wer wirklich gut war? Die 90er Mannschaft. Die ist Weltmeister geworden, und wissen Sie wo? In Italien. Das ist Wahnsinn, oder nicht? Das ist eine sensationelle Leistung, die musst du erst mal wiederholen!

Also ist Klinsmann doch überschätzt worden?

Rehhagel: Also, der Jürgen hatte doch durch die Medien einen riesigen Einfluss auf die Szene. Da hatte man doch gedacht, die hätten dort das Fußballspielen erfunden, die anderen sind alle blöd.

Finden Sie sich eher in einem Coach wie Felix Magath wieder, der zum Beispiel darauf verzichtet, die Laktatwerte der Spieler zu messen?

Rehhagel: Ich finde das sehr gut, was Felix macht und dass jetzt auch geschrieben wird: Der Herr Magath hat doch ein bisserl Recht, wenn er keine Laktat-Werte misst.

Wird Magath denn auch auf Schalke Erfolg haben?

Rehhagel: Wir werden das alle mit Interesse verfolgen. Für mich zählt nur eins: Wollen mal sehen, wo Schalke nach zehn Spielen steht. Das ist die Wahrheit.

Eine typische Rehhagel-Wahrheit lautet: Schau nicht auf das Alter eines Spielers.

Rehhagel: Richtig. Jung und alt ist dummes Zeug, eine historische Fehleinschätzung von Leuten. Es gibt nur: Passt – oder passt nicht. Schauen Sie doch mal auf das Durchschnittsalter, wenn jemand Europapokalsieger wird oder Weltmeister. Es gibt nur eine Wahrheit: Die Qualifikation der Spieler. Und nach der muss ich mich richten.

Im internationalen Fußball geben derzeit die Spanier den Takt vor. Ist deren Kurzpassspiel richtungsweisend?

Rehhagel: Die Spanier haben Erfolg, weil sie erstklassige Spieler haben, die der liebe Gott geschickt hat. Wie Iniesta oder Xavi. Wir haben nicht solche Spieler. Du musst warten, bis du die richtigen Spieler hast, dann kannst du jedes System spielen. Wenn ich gegen einen übermächtigen Gegner antrete, dann kann ich doch nicht sagen: Wir spielen jetzt so wie der FC Barcelona. Das wäre doch Quatsch, dann krieg ich einen Fünfer.

Das heißt, man muss auf jemanden wie Lionel Messi warten?

Rehhagel: Richtig. Der liebe Gott schickt die Menschen zur Erde. Und er hat Puskas in Budapest aufwachsen lassen, Fritz Walter in Kaiserslautern, Pele in Rio de Janeiro, Maradona in Buenos Aires und Franz Beckenbauer in München. Borussia Dortmund zum Beispiel hat zur Zeit keinen Schütz und keinen Konietzka. Du musst warten, bis eines Tages ein Juwel auftaucht.

Wenn alles nur von den Fähigkeiten der Spieler abhängt – wozu brauche ich dann noch einen Trainer?

Rehhagel: Die größte Herausforderung unseres Lebens ist der Umgang mit Menschen. Das gilt im Fußball ganz besonders. Und halb im Scherz gesagt: Ein Trainer muss heutzutage selbst den Vorstand mittrainieren …

Ihre Erfolge machen Sie eigentlich unangreifbar. In den Medien gelten Sie dennoch als extrem dünnhäutig. Bedauern Sie heute, dass sie im Umgang mit Journalisten manchmal vielleicht zu emotional reagiert haben?

Rehhagel: Meine Devise war immer: Kritik muss sein, okay. Aber eine konstruktive Kritik. Aber viele Leute werden, wenn sie sich ärgern, persönlich.

Aber hätten Sie sich dennoch nicht manchmal mehr Gelassenheit gewünscht?

Rehhagel: Man hat mir oft gesagt: Otto, du musst dir ein dickes Fell anschaffen. Mit meiner heutigen Lebenserfahrung sage ich: Es gibt kein dickes Fell. Jeder ist verletzlich. Als Journalist muss man wissen: Es gibt eine gewisse Grenze – und die sollte man nicht überschreiten.

 
 

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