Judoka Andreas Tölzer träumt von einer Olympia-Medaille

Andreas Tölzer ist eine der deutschen Medaillenhoffnungen bei den Olympischen Spielen.
Andreas Tölzer ist eine der deutschen Medaillenhoffnungen bei den Olympischen Spielen.
Foto: Georg Hübl
Es war ein langer Weg. Andreas Tölzer ist 32 Jahre alt und steht auf der Judo-Matte, seit er in die Grundschule ging. Jetzt will er bei den Olympischen Spielen in London eine Medaille gewinnen. Wir haben den Vize-Weltmeister in der Klasse über 100 Kilo seit Anfang des Jahres jeden Monat einmal besucht. Herausgekommen ist die Geschichte eines großen Traumes.

Köln.. 28. Januar: Der Wind weht den Schneeregen gegen die Fenster. Für Andreas Tölzer kein Problem, er trainiert sowieso in der Halle des Kölner Bundesleistungszentrums für Judo. „Laufen ist nicht mein Ding“, sagt er. Die Belastung für seine Knie wären zu groß, er wiegt 145 Kilo. Eine kleine Landmasse in Turnschuhen, aber er braucht das Gewicht. „Sonst schieben dich die Gegner weg.“ Wer bei Olympia im Judo gewinnen will, darf sich nicht wegschieben lassen.

28. März: Kaffee? Andreas Tölzer schüttelt den Kopf. „Ich trinke sowieso zuviel Kaffee, wahrscheinlich waren es heute schon zwölf Tassen.“

Tölzer hat gerade das Grand-Prix-Turnier in Düsseldorf gewonnen. Im Finale musste er gegen einen Georgier auf die Matte. „Er hat ein gewisse Gefährlichkeit“, sagt Tölzer. „Ich habe aber meine Wertungen gemacht und lag 2:0 vorne. Dann ist es wie im Fußball, das bringt man nach Hause.“

Olympia ist noch weit weg, und doch nah. Tölzer war bis zum 11. März für zwei Wochen in Tokio im Trainingslager. Das Heimatland des Judos. Er erzählt von einem Erdbeben der Stärke 5,7. „Ich habe gedacht, hoppla, was passiert den jetzt? Aber die Japaner blieben ruhig, sie sind daran gewöhnt.“ Er erzählt vom Frühstück. „Ich esse gerne Sushi und Fisch, aber morgens ist Thunfisch mit Reis nichts für mich.“

Tölzer ist keiner, der nur reden muss. Ein angenehmer Charakterzug in der oft überdrehten Welt des Profisports. Manchmal braucht der Sportsoldat der Bundeswehr einen langen Anlauf für wichtige Sachen. „Die Schulter macht mir Sorgen.“

Auf der Matte kippen die Judoka über ihre Gegner blaue Flecken aus wie Frau Holle Schneeflocken über die Erde. Vor dem Abflug nach Japan hat es Tölzer erwischt, er fiel auf die linke Schulter. Irgendetwas stimmte nicht, er konnte nicht voll trainieren, aber ein MRT beim Arzt zeigte: nichts gerissen, nichts gebrochen. „Das hat mich beruhigt.“

27. April: Andreas Tölzer genießt es, sich voll auf seinen Sport konzentrieren zu können. Er hat nach der dreijährigen Ausbildung alle schriftlichen und praktischen Prüfungen zum Trainer-Diplom bestanden. Die Prüfungen sind ein paar Wochen her und nun auch im Kopf abgehakt. Tölzer kann sich gut vorstellen, bald als Trainer zu arbeiten.

Es ist einer der ersten schönen Tage des Jahres, der Vize-Weltmeister sitzt draußen und telefoniert. Die Sonne strahlt, aber Tölzer klingt bewölkt. Es geht um Eintrittskarten für seinen Wettkampf in London. Er braucht drei Karten. Eine für seinen Heimtrainer, zwei für seine Eltern. „Alles ausverkauft“, sagt er. „Im Internet gibt es noch welche für 210 Euro das Stück.“ Er hat bestellt. „Hoffentlich kriege ich die auch.“

Und wieder der lange Anlauf. Tölzer war zwei Wochen in Kienbaum. „Ich konnte nur im Kraftraum trainieren.“ Die Schulter. Sie schmerzt weiter. „Zwei Ärzte, drei Meinungen“, sagt Tölzer.

Er ist 1100 Kilometer hin und zurück zu Knut Nowak nach Abensberg gefahren. Nowak ist der Physiotherapeut, auf den Tölzer schwört, er hat ihn schon nach einem Brustmuskelriss fit bekommen. „Er hat die Schulter eine Stunde bearbeitet“, so Tölzer. „Hat richtig weh getan.“ Aber es hat geholfen.

Der 32-Jährige wird an diesem Samstag sein letztes Bier vor Olympia trinken. „Mein bester Kumpel heiratet, und ich bin Trauzeuge.“ Am Sonntag muss Tölzer früh aufstehen. Er fliegt für drei Wochen zum bulgarischen Berg Belmeken, auf dem eine Sportschule liegt.

29. Mai: Zwei Stunden ist er mit den Jungs von der Nationalmannschaft vom Flughafen in Sofia per Bus auf 2150 Meter Höhe zum Belmeken gekurvt. Drei Wochen nur Kerle, nur Judo, kaum Komfort. „Da hast du auch mal Schimmel an der Zimmerdecke, und Internet-Empfang hast du nur, wenn du dich auf dem Balkon verrenkst.“ Aber es hat sich gelohnt: „Meine Kraftwerte und Körperfettwerte sind so gut wie nie.“

Er führt den Besuch durch seine Trainingshalle. Wer mit Schuhen auf der Matte herum trampelt, riskiert Ärger. „Wir rutschen da mit dem Gesicht drauf rum, deshalb haben Schuhe dort nichts verloren.“ Hinten liegt der Kraftraum. Morgens trainiert Tölzer dort zwei Stunden. 210 Kilo schafft er im Bankdrücken. Dann macht Tölzer Pause, abends folgen zwei Stunden Judo-Training. Tag für Tag für Tag.

30. Juni: Tölzer war noch ein paar Tage bei einem Turnier in Prag und bei einem Lehrgang in Slowenien. „Da konnte ich mich nochmal ordentlich mit ein paar Ukrainern kloppen“, sagt er und lacht. Die Schulter hält.

Auf dem Parkplatz steht sein silbergraues Mercedes-Coupe, Tölzer geht es nicht schlecht. Aber sein großer Gegner, der Franzose Teddy Riner ist ein Star. Der fünfmalige Weltmeister ist mehrfacher Millionär. Er ist erst 23 Jahre alt und wie ein Hurrikan durch die Judo-Szene gerauscht. Tölzer ist froh: „Wegen der Setzliste kann ich ihn in London erst im Finale treffen.“

Vielleicht für diesen Moment hat Tölzer einen Joker im Ärmel. Der „Tölzer Umdreher“ ist sein Markenzeichen, eine Bodentechnik, die jeder Judoka in der Weltspitze kennt und fürchtet. Doch im vergangenen halben Jahr hat Tölzer eine neue Technik entwickelt, seine Geheimwaffe. „Ich habe sie noch nirgendwo gezeigt“, sagt er. „Wenn sie in London in den Kampf passt, packe ich sie aus. Ein paar Jungs werden dann überrascht sein.“

Am Tag zuvor war er in Mainz bei der Einkleidung der Olympia-Mannschaft. „Du fährst mit einem Einkaufswagen an den Regalen vorbei, hast eine Liste zum Abhaken dabei und lässt dir die Sachen geben.“ Alles in seiner Größe da? Tölzer lacht. „Ja. Und wenn mich jemand gefragt hat, habe ich immer nur gesagt: Groß!“

19. Juli: Tölzer wird langsam nervös, aber noch nicht „schwer nervös“, wie er es formuliert. „Man redet eben immer mehr über Olympia.“ Zur Eröffnungsfeier wird er nicht gehen. 2004 in Athen war er dort. „14 Stunden unterwegs, nur Warten, nur Rumstehen, das kostet Kraft.“ In London wird er es machen wie in Peking: „Dort habe ich im Olympischen Dorf vor dem Fernseher gesessen und mir ab und an ein Eis aus dem Kühlschrank geholt.“

Tölzer lässt sich nicht ablenken, der Weg zum Ziel war einfach zu lang. Der Freitag, 3. August, soll sein Tag werden. Sein Gold-Tag.

 
 

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