Veröffentlicht inOlympia

Fahnenträgerin Keller steht nicht für große Sprüche

Natascha Keller.jpg
Foto: Sascha Fromm
Das Geheimnis ist gelüftet: Hockeyspielerin Natascha Keller wird bei der Eröffnungsfeier der Olympischen Sommerspiele die deutsche Fahne tragen. Die Hockey-Spielerin ist kein Glamour-Girl, besticht aber durch kluge Worte.

London. 

Als am Mittwoch um kurz nach 12 Uhr deutscher Zeit eine junge Frau in Olympiakleidung den Pressesaal des Deutschen Hauses im Londoner Museum of Docklands betrat, klickten die Kameras im Dauertakt. Journalisten zückten hektisch ihr Smartphone und flüsterten ihren Redaktionskollegen in Deutschland fix zwei Worte zu: Natascha Keller. Aber da es dutzendfach erklang, wurde aus dem Flüstern ein lauter Ruf. Nach Tagen, nein, nach Wochen des Spekulierens war das bestgehütete Geheimnis gelüftet: Hockey-Rekordnationalspielerin Natascha Keller wird am Freitag bei der Eröffnung der XXX. Olympischen Sommerspiele die Fahne tragen und die deutsche Mannschaft ins Londoner Olympiastadion führen.

Weil sie bereits zum fünften Mal bei Olympia dabei ist, zählte Natascha Keller neben dem Schützen Ralf Schumann (sieben Olympiateilnahmen) und der Kanutin Katrin Wagner-Augustin (vier Goldmedaillen bei bisher drei Olympischen Spielen) zu den ganz heißen Kandidaten. Doch als Michael Vesper, der Chef de Mission und Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes, am Dienstagabend bei einem Small Talk der Berlinerin in einem Nebensatz mitteilte, dass sie ausgewählt worden sei, verschlug es ihr zunächst die Sprache. „Ich habe dann vorsichtshalber nachgefragt, ob ich es richtig verstanden habe“, sagte die 35-jährige Berlinerin, „das Schlimmste war dann, dass ich es am liebsten der ganzen Welt mitgeteilt hätte, aber es niemandem verraten durfte. Ich bin doch eine so schlechte Schauspielerin.“

Keine Superstars wie Dirk Nowitzki im Team

Natascha Keller ist keine gute Schauspielerin und erst recht kein Glamour-Girl. Große Sprüche sind nicht ihr Ding, aber wer sie kennt, der schätzt ihre klugen Worte. Deutschland setzt bei der Auswahl des Fahnenträgers nach Basketball-Supermann Dirk Nowitzki vor vier Jahren in Peking nicht auf Star-Appeal, sondern auf sportliche Meriten. Superstars sind ohnehin im deutschen Team Mangelware. Der einzige, Totilas, ist zu Hause geblieben. Und ein Pferd hätte wohl eher nicht die Fahne tragen können.

„Bei meiner fünften Olympiateilnahme hatte ich mir vorgenommen, alles zu genießen. Und jetzt erlebe ich schon zu Beginn ein solches Highlight“, freute sich Natascha Keller, die 2004 in Athen Gold mit dem deutschen Team gewonnen hatte. Es war damals etwas ganz Besonderes für sie. Auch wenn ihr olympische Medaillen ziemlich vertraut waren. Es waren zwar nicht ihre eigenen, doch in der Hand hatte sie schon einige. Zwei in Gold, drei in Silber. Sollte ein Wissenschaftler mal auf die Idee kommen, auf die Suche nach einem speziellen Hockey-Gen zu gehen, dann kommt er jedenfalls nicht herum, sich intensiv in die Geschichte der Familie Keller zu vergraben.

Opa Erwin Keller gewann 1936 Silber

„Ich weiß nicht, ob es so ein Gen gibt“, sagte Natascha Keller, „aber uns ist schon als Kinder der Spaß am Hockey vermittelt worden. Wir sind immer mit zum Platz gegangen, wenn der Papa gespielt hat. In der Wohnung sind einige Fensterscheiben zu Bruch gegangen. Das Klavier haben wir als Tor benutzt.“ Opa Erwin war der erste Keller, der 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin als Silbermedaillengewinner ein Kapitel Hockey-Geschichte schrieb.

Es sollte ein Fortsetzungsroman werden. 1972 stieg Carsten Keller, der Sohn von Erwin und der Vater von Natascha, noch eine Stufe höher auf dem olympischen Podest. Es war kein normaler Sieg, es war eine Revolution des Hockeys. Denn bis dahin galten die Inder und Pakistani als unbezwingbar.

Es war nicht der letzte Coup der Kellers. Nataschas Brüder Andreas und Florian gewannen auch Gold: Andreas 1992 in Barcelona, Florian 2008 in Peking. Wie gleichermaßen bekannt und gefürchtet der Name Keller im Hockey-verrückten Pakistan ist, zeigt eine Episode aus den Achtzigern, als ein Reporter des pakistanischen Rundfunks seine Reportage mit einer Schreckensmeldung begann: „Bei Allah, schon wieder ein Keller.“ Diesmal war es nicht Carsten, sondern Andreas, der den Pakistani Furcht einflößte.

Deutschland startet gegen die USA

Furcht einflößen will auch Natascha Keller der Konkurrenz in London. Bevor es am Sonntagabend im ersten Vorrundenspiel gegen die USA ernst wird, will sie aber erst einmal die Eröffnungsfeier genießen. „Die Fahne ist gar nicht so schwer“, sagte sie nach dem ersten Test, „und es haben sich schon einige Teamkolleginnen angeboten, mir die Fahne mal abzunehmen, wenn ich nicht mehr kann.“ Eine ganz spezielle Art von olympischem Teamgeist.