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Annegret Richter zieht den Hut vor Gina Lückenkemper

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Kultstätte der Leichtathletik: Gina Lückenkemper (l.) zeigt Annegret Richter im Dortmunder Stadion Rote Erde ihre EM-Bronzemedaillen. Foto: Matthias Graben / FUNKE Foto Services
Sprinterin Annegret Richter holte vor 40 Jahren Olympia-Gold über 100 Meter. Von der 19-jährigen Gina Lückenkemper hält sie viel. Ein Doppelinterview.

Dortmund. 

Vor 40 Jahren hat Annegret Richter in Montreal olympisches Gold über 100 Meter gewonnen. Einige Sprintgenerationen später wächst wieder in Dortmund das größte deutsche Talent heran. Gina Lückenkemper holte gerade bei der EM Bronze über 200 Meter und mit der Sprintstaffel. Vor den Olympischen Spielen in Rio brachten wir die beiden schnellen Frauen zusammen. Die 65-Jährige traut ihrer 19-jährigen Nachfolgerin für die Zukunft enorm viel zu.

Frau Lückenkemper, Sie haben Ihre beiden Bronzemedaillen von der Europameisterschaft in Amsterdam mitgebracht. Wo sind Ihre Goldmedaillen von 1972 und 1976, Frau Richter?

Annegret Richter: Zu Hause.

An der Wand?

Richter: Nein. Im Schrank. Zusammen mit den beiden Silbermedaillen von 1976.

Kann man da neidisch werden?

Gina Lückenkemper: Auf jeden Fall.

Richter: Ach was! Du hast noch Zeit. Du bist doch erst 19.

Lückenkemper: Doch, doch. Olympische Medaillen und dann auch noch in Gold, das ist etwas ganz Besonderes. Das ist eine Hausnummer.

Wie haben Sie Ginas Läufe bei der EM erlebt?

Richter: Ich habe sie natürlich im Fernsehen verfolgt. Mir hat unheimlich imponiert, wie Gina im Finale über 200 Meter im Endspurt dagegen gehalten hat. Sie war nicht verkrampft, was die große Gefahr beim Sprinten ist. Wunderbar. Ich kann nur den Hut vor ihr ziehen, wie sie diese erste große Aufgabe gemeistert hat.

Was haben Sie gedacht, als die Gegnerinnen auf der Zielgeraden plötzlich neben Ihnen waren?

Lückenkemper: Im rechten Augenwinkel habe ich die Ukrainerin kommen sehen. Nein, nein, dich lasse ich nicht vorbei, ist mir durch den Kopf gegangen. Keiner nimmt mir diese Medaille weg. Sie gehört mir. Ich ergebe mich nie, ich kämpfe bis auf das letzte Unterhemd.

Richter: Genau das ist die richtige Einstellung, um nach vorn zu kommen. Aber noch einmal: Das Bemerkenswerte ist, dass du nicht die Schultern hoch ziehst und verkrampfst, wenn es eng wird.

Lückenkemper: Das liegt daran, dass ich es gewohnt bin, hinterher zu laufen. Meine Reaktionszeit ist leider ziemlich mies. Wenn ich im Training mit meinem Freund Florian Drossart laufe, dann renne ich auch hinterher. So habe ich es gelernt, nicht zu verkrampfen.

Haben Sie schon einmal Annegret Richters Goldläufe gesehen?

Lückenkemper: Offen gestanden nein. Das muss ich bei Youtube unbedingt mal nachholen.

Mit Annegret Richters Start wären Sie noch schneller.

Richter: Ja, mein Start war wirklich gut. Aber lange Zeit bin ich nur die 100 Meter gelaufen. Die 200 Meter waren für mich eine Horrorstrecke. In den Jahren von 1972 bis 1976 habe ich dann mein Training von viermal auf bis zu achtmal in der Woche gesteigert und habe mich dann verbessert.

Welchen Tipp geben Sie Gina für die nächste Zeit?

Richter: Sie sollte sich Ihre Unbekümmertheit bewahren. Man erwartet jetzt von außen viel von dir, aber bleibe so, wie du bist. Locker, natürlich, sympathisch. Wichtig ist auch, dass du gesund bleibst.

Wie wollen Sie sich diese Unbekümmertheit bewahren?

Lückenkemper: Ich habe meine Familie und mein Umfeld. Sie behandeln mich so wie immer. Meine Mama schickt mich auch weiterhin nach draußen, um den Müll wegzubringen. Ich bin doch ein Mensch, der nur ein wenig schneller rennt als viele andere.

Sie haben schon häufiger gesagt, dass Sie das Olympische Dorf besonders reizt. Warum?

Lückenkemper: Ich bin unheimlich auf die Atmosphäre gespannt. Man kann Athleten aus allen möglichen Sportarten treffen.

Wen würden Sie ganz speziell dort gern mal treffen?

Lückenkemper: Ach, ich lerne sowieso immer gern Leute kennen. In unserer deutschen Mannschaft gibt es einige, wo ich sage: Wow! Zum Beispiel die Vielseitigkeitsreiterin Ingrid Klimke. Der habe ich sogar schon mal Hallo gesagt. Ich finde es klasse, wie sie mit Pferden arbeitet. Ich reite ja auch selbst.

Was haben Sie 1972 und 1976 im Olympischen Dorf erlebt?

Richter: Die Atmosphäre ist einzigartig. Die Sportler aus allen Nationen kommen zusammen. Die ganzen Sprachen, diese Leichtigkeit im Dorf. Ich hoffe, es ist auch heute noch so.

Lückenkemper: Ich werde dir nach den Spielen darüber berichten. Hast du eigentlich noch etwas von deiner olympischen Kleidung?

Richter: Oh ja. Meine Anzüge zum Beispiel. Damals gab es noch einen normalen und einen sogenannten Treppchenanzug. Nur für die Siegerehrung. Ich habe mich dann gefragt, nimmst du ihn mit zum Endlauf oder nicht? Wenn du es aufs Podium schaffst und du hast ihn nicht dabei, ist es blöd. Andererseits: Wenn ich Fünfte geworden wäre und er wäre in der Tasche gewesen, hätte es vielleicht Spott gegeben. Ich hatte ihn dabei und durfte ihn glücklicherweise anziehen.

Was trauen Sie Gina in ihrer Karriere noch zu?

Richter: Einiges. Sie wird weit nach vorne kommen, ohne dass ich jetzt eine Zeit über 200 Meter für sie prognostizieren kann. Ich weiß nicht, ob sie mal unter 22 Sekunden laufen wird, aber sie hat ein sehr, sehr großes Talent. Gina, denk dran, du musst immer auf deinen Körper hören. Manchmal muss man auch mal einen Tempolauf weglassen, wenn man sich nicht so gut fühlt. Das ist ganz normal. Andererseits muss man sich auch mal quälen können.

Lückenkemper: Ja, das ist ein guter Tipp. Ich habe mit Uli Kunst einen Trainer, der das nötige Fingerspitzengefühl für die richtige Dosierung hat. Das Vertrauen zwischen uns ist sehr groß. Er hört auf mich, wenn ich sage, jetzt ist genug. Ich auf ihn, wenn ich mich noch mal anstrengen soll.