Özils Wohlgefühl in der Weltklasse

Frank Lamers

Mainz. Vor der EM-Qualifikation gegen Kasachstan lässt Real Madrids Mesut Özil alle schwärmen. Dem gebürtigen Gelsenkirchener macht es "einfach Spaß zu kicken" - und das zusammen mit den Weltstars der Königlichen. Und bei der Nationalmannschaft.

Diesmal hat Teammanager Oliver Bierhoff das Schwärmen übernommen. Mesut Özil? Wunderbarer Fußballer, klar. Weiß man. Aber „dieses Lächeln auf seinem Gesicht“ darf auch nicht unerwähnt bleiben, auch nicht bei der Pressekonferenz vor der EM-Qualifikationspartie der deutschen Nationalelf gegen Kasachstan am Samstag im Fritz-Walter-Stadion in Kaiserslautern. Dieses Lächeln auf Mesut Özils Gesicht ist nämlich etwas Besonderes. Mit diesem Lächeln wirkt er so entrückt, so weit entfernt von allem, ja, irdischem. Ist er schon mit einem Engel verglichen worden? Sicher. Wegen dieses Lächelns, das sein Gesicht strahlend aufhellt. Immer dann, wenn ein Ball in der Nähe seiner Stollenschuhe auftaucht.

Oliver Bierhoff erwähnt also in Mainz, wo sich das Team von Bundestrainer Joachim Löw auf die Auseinandersetzung mit den Kasachen vorbereitet, dieses Lächeln. Und später erscheint Mesut Özil im kurfürstlichen Schloss, dem Ort der Pressekonferenz, und lächelt nicht. Überaus aufmerksam wirkt der 22-Jährige, so, als wolle er die Menschen, die von ihm bedeutende Dinge erfragen wollen, nicht enttäuschen. Er ist schließlich nicht irgendein deutscher Fußballer. Er ist nicht einmal irgendein deutscher Nationalspieler. Er ist der Kreative, dessen Dienste sich die Königlichen von Real Madrid nach der Weltmeisterschaft im vergangenen Sommer in Südafrika gesichert haben. Mesut Özil haben sie berufen und Sami Khedira, den deutschen Wertarbeiter. Das adelt. Das ändert den Menschen aber nicht.

Khedira ist ein sachlicher Typ, einer, der sich die Struktur des Spiels rational erschlossen hat, der hinzulernt, wenn Hinzulernen erforderlich scheint. Khedira hat nach dem Umzug in die spanische Metropole einen Sprachlehrer beschäftigt. Ein Sprachlehrer, der ihn überall hin begleitete, Tag für Tag. Özil lernt ebenfalls spanisch. Er misst dem aber keine allzu große Bedeutung bei. Er verstehe schon viel, erklärt er auf Anfrage. Mittlerweile, fügt er an, würde er auch „ein bisschen sprechen“. Das war es. Thema abgehandelt. Bei Özil sind immer alle Themen schnell abgehandelt. Wie fühlt er sich von den anspruchsvollen Madrilenen mit ihrem Starensemble und ihrem Megastar-Trainer Jose Mourinho aufgenommen? Punkt eins: „Die Mitspieler unterstützen mich.“ Punkt zwei: „Der Trainer hat mir sein Vertrauen geschenkt.“

Özil berichtet in knappen Sätzen auch von seinem Leben in Madrid. Mit Christiano Ronaldo, Sergio Ramos und Sami Khedira unternimmt er mehr als mit anderen Kollegen. Etwas trinken gehen, etwas essen gehen. Zum Beispiel. Der filigrane Mittelfeldstratege, für den der Bundestrainer sogar das über Jahre hinweg entwickelte und verteidigte Spielsystem änderte, um seine Stärken zu stärken, hat sich eine Höflichkeit angeeignet, die so entzückend ist wie sein Lächeln. Doch nur über eine Aussage ist es möglich, sich an Mesut Özil heranzutasten. „Es macht mir einfach Spaß zu kicken“, erklärt er. Für Real Madrid. Mit den anderen Jungs, die so klasse Fußball spielen können.

Der will doch nur spielen. Dieser Ruf, der nicht in allen Fällen Gültigkeit hat, wenn freudig oder wenig freudig anstürmende Hunde von ihren Besitzern angekündigt werden: Für Özil gilt er immer. Er hat im „Affenkäfig“ in Gelsenkirchen gekickt. Er hat Schalke verlassen, weil man ihm dort nicht wohl gesonnen genug erschien. Und er findet sogar eine Begründung für seinen Wechsel vom beschaulichen Bremen ins glamouröse Madrid, in der weder gigantischer Ruhm noch gigantisches Salär vorkommen. Özil sagt, er habe sich „weiterentwickeln“ wollen.

Das ist natürlich spannend. Kann sich denn ein Fußballer, dem der Himmel in die Wiege gestürzt ist, überhaupt weiterentwickeln? Özil denkt kurz nach. „Ja“, antwortet er dann, „ich bin ruhiger geworden vor dem Tor. Torgefährlicher.“ Das wird Joachim Löw, sein Frühförderer, der Trainer, dem er „dankbar“ ist, gerne gehört haben. Drei Treffer hat Özil bisher in 22 Partien für die Nationalelf erzielt. Zulieferer der Stürmer war er, vollstreckt hat meist Miroslav Klose, die Stammkraft im Adlertrikot. Weil Klose bei Bayern München aber ein Dasein als Banker fristet und Mario Gomez im selben Verein die Tore am Fließband produziert, könnte das doch interessante Konsequenzen für die Personalauswahl des Bundestrainers haben. Vor allem, wenn Özil sich dazu hinreißen ließe, zu verkünden, wem er das Spielgerät lieber zukommen lässt.

Erstens: „Beide Spieler sind weltklasse.“ Zweitens: „Ich freue mich, dass ich mit ihnen zusammen kicken kann.“ Drittens: „Letztlich entscheidet der Trainer.“ Danke, Herr Özil. Das war auch lustig.