Nur Austria ist glücklich

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Oberstdorf.. Das neue Jahr war gerade mal 16 Stunden alt, da herrschte schon wieder Klarheit über die Rangordnung in der Springerwelt, da hatten sich all die guten Vorsätze der Konkurrenz als Wunschdenken entpuppt. Rot und Weiß sind die Farben der Saison. Die Österreicher drücken der 58. Vierschanzentournee ihren Stempel auf. Selten zuvor dominierte eine Nation das Gipfeltreffen der Skiadler so wie diesmal der Österreichische Ski-Verband (ÖSV). In die Sporthistorie geht auch das Abschneiden der deutschen Mannschaft ein. So schwach wie bei dieser Tournee hatte sich noch nie ein deutsches Team präsentiert. Pascal Bodmer belegte als Bester Platz 16.

Während die Schützlinge von Bundestrainer Werner Schuster mit ihren Sprüngen den deutschen Fans den Kater aus der Sylvesternacht kaum vertreiben konnten, fuhren die österreichischen Anhänger unter den 25000 Zuschauern mit einem Rachenkatarrh nach den unzähligen Schreien der Begeisterung über die Grenze. ÖSV-Cheftrainer bra Alexander Pointner brachte sechs Springer in die Top Ten. Die Bilanz in Garmisch-Partenkirchen las sich ähnlich staunenswert: Drei unter den ersten Vier, sechs unter den Top Zwölf.

Nachdem in Oberstdorf Andreas Kofler triumphiert hatte, zeigte an der Partenkirchener Olympiaschanze der erst 19-jährige Gregor Schlierenzauer die stärkste Vorstellung, gewann mit 277,7 Punkten vor seinem Teamkollegen Wolfgang Loitzl (272,5), dem Schweizer Doppel-Olympiasieger von 2002, Simon Ammann (272,4), und Andreas Kofler, der in der Gesamtwertung mit 537,1 Zählern vor dem Vorjahressieger Loitzl (517,9) führt.

„Wir schauen momentan ziemlich alt aus, weil wir niemanden haben, der in die Spitze reinspringen kann“, erkannte Bundestrainer Schuster, „die Arrivierten bleiben momentan einfach unter ihren Möglichkeiten.“ Bester der Arrivierten und damit zweitbester Deutscher war der 30-jährige Michael Neumayer auf Rang 17. Martin Schmitt erreichte sogar nur den 25. Platz. Immerhin steigerte das deutsche Team mit vier Springern die Zahl seiner Finalteilnehmer gegenüber Oberstdorf um 100 Prozent. „Es bleibt uns nichts übrig, als weiter zu arbeiten, um uns möglichst schnell zu verbessern“, erklärte Schuster. Dies gilt vor allem für Michael Uhrmann, der sich nach seinem 38. Platz selbst Trost spendete: „Irgendwann werde ich wieder besser springen, auch wenn mir das im Moment keiner glaubt.“

Solche fast schon verzweifelten Versuche des Selbstzuspruchs hat Gregor Schlierenzauer nicht nötig. Der Abiturient aus Rum in der Nähe von Innsbruck ist trotz jugendlichen Alters von 19 Jahren mit 27 Weltcup-Siegen bereits der erfolgreichste österreichische Skispringer aller Zeiten. Nicht nur der aus Österreich stammende Bundestrainer Schuster bezeichnet Schlierenzauer als ein Skisprung-Genie. Schuster darf sich dieses Urteil erlauben, weil er den Tiroler in seiner Jugend trainierte. „Das ist gewaltig“, jubelte Schlierenzauer, „neues Jahr, neues Glück. Und das, obwohl ich in Oberstdorf vor Magenkrämpfen kaum noch in die Hocke gekommen bin.“

Als Neunter war das Jahrhunderttalent in Oberstdorf hinter den Erwartungen zurückgeblieben, weil er durch eine Magen-Darm-Infektion Substanz verloren hatte. Beim Neujahrsspringen stand er nach Akupunktur-Behandlungen wieder voll im Saft. Dass er nicht nur mit dem Gefühl für den eleganten Flug ins Tal gesegnet ist, sondern auch ein locker-lustiger Plauderer ist, bewies er mit seinen Ausführungen über die Einzigartigkeit des Neujahrsspringens. Ob in Tiroler Mundart oder in fließendem Englisch, für Schlierenzauer ist es ein Mythos.

Heute mit der Qualifikation und morgen mit dem dritten Springen geht es in Innsbruck am Bergisel weiter im Tourneeprogramm. Und auf seiner Heimschanze will Gregor Schlierenzauer auf jeden Fall gewinnen: „Meine Schwester hat gesagt, ohne den Siegerpokal brauche ich gar nicht erst nach Hause zu kommen.“

 
 

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