Niersbachs Aufstieg zum DFB-Chef ist logisch

Peter Müller
Er war Sportjournalist, er war Beckenbauers rechte Hand: Nun wird er 2012 Zwanzigers Nachfolger im höchsten Amt des Fußballverbandes

Essen. Ascochinga wird wohl auf ewig das Synonym für das mieseste Weltmeisterschaftsquartier bleiben, das der Deutsche Fußball-Bund je für seine Elitesportler gewählt hat. WM 1978 in Argentinien, das Gastgeberland stand unter einer Militärdiktatur – und Ascochinga war Pampa, gefühlt: das Ende der Welt. Das umzäunte Gelände, in dem sich die deutsche Nationalmannschaft aufhielt, wurde von Soldaten mit Maschinengewehren bewacht, der DFB-Tross verließ es nur zu den Spielen.

Zum Tross zählten auch die damals noch die bei der Mannschaft wohnenden Journalisten. Einer von ihnen war Wolfgang Niersbach, ein junger Reporter vom Sport-Informationsdienst. In den Wochen von Ascochinga, wo Franz Lambert an der Hammond-Orgel für sensibel geplante Zerstreuung sorgte, war das Formulieren und Übermitteln von Nachrichten nicht gerade vergnügungssteuerpflichtig. Man musste ein Vollblutjournalist sein und seinen Job lieben, um diese Bedingungen aushalten zu können.

Auf Wolfgang Niersbach traf das zu, und doch wechselte der Düsseldorfer zehn Jahre später die Seiten. Irgendwann hatte es ihm nicht mehr gereicht, die Fußballwelt zu beobachten und zu beschreiben, er entschloss sich dazu, sie mitzugestalten: 1988 organisierte er als Pressechef die Medienarbeit bei der Europameisterschaft in Deutschland, und 1990 gehörte er als DFB-Mediendirektor bereits zum vertrauten Zirkel des Teamchefs Franz Beckenbauer, als sich die Nationalelf in Italien zum Weltmeister krönte.

Zwanziger will vorzeitig zur Seite treten

Nie hätte Niersbach damals vermutet, dass er diesem gigantischen Verband einmal als Präsident vorstehen könnte. „Das war weder mein Ziel noch meine Lebensplanung“, versicherte der 61-Jährige am Mittwoch, nachdem sich das Präsidium und die durchaus einflussreichen Vertreter der Regionalverbände in einer Sitzung in Frankfurt auf ihn als Wunschkandidaten festgelegt hatten. Im Oktober 2012, so ist der derzeitige Plan, will Amtsinhaber Theo Zwanziger vorzeitig zur Seite treten.

Niersbachs Aufstieg wird von Logik begleitet. Er war Beckenbauers rechte Hand im Organisationskomitee der Weltmeisterschaft 2006, er war Kontaktpfleger, Strippenzieher, Hintergrundarbeiter, immer bestens vernetzt. Dass Deutschland im Allgemeinen und Beckenbauer im Speziellen in jenem unvergessenen WM-Sommer weltweit Glanz verbreiten konnte, lag auch an Niersbach, dem Macher.

Also wurde er Generalsekretär des DFB, ein weiterer verständlicher Schritt. Wie der nächste, der jetzt bevorstehende, der natürlich gut überlegt sein wollte. „Ich hatte einen gewaltigen Respekt vor dem Amt, aber auch Selbstvertrauen, um zu sagen: Ja, ich traue es mir zu“, erzählte Niersbach nach der Kandidatenkür. Zusatz: „Aber nur, weil ich diese breite Rückendeckung spüre.“

Niersbach will „Gutes bewahren“

Nachdem Ligapräsident Reinhard Rauball abgewunken, der frühere VfB-Stuttgart-Präsident Erwin Staudt verzichtet und sich schließlich auch Zwanziger pro Niersbach positioniert hatte, musste noch die Haltung der Basis abgeklopft werden. Schließlich darf der DFB-Präsident nie nur als Profiversteher auftreten, er muss die oft stark unterschiedlichen Interessen von 6,8 Millionen Mitgliedern unter einen Hut bringen. „Wir freuen uns, dass Wolfgang Niersbach kandidieren möchte“, sagt nun der westfälische Verbands-Chef Hermann Korfmacher, beim DFB „Erster Vizepräsident Amateure“.

Niersbach stellt sich nicht als großer Revolutionär auf. Er will „Gutes bewahren“ und meint: „Der DFB ist ein zuverlässiger Partner, der von manchen zu Unrecht als Behörde dargestellt wird.“ Solche Worte werden sogar Theo Zwanziger gefallen, der in den vergangenen Tagen mehrere potenzielle Kandidaten ins Spiel gebracht hatte und jetzt sagt: „Wolfgang Niersbach ist die beste Wahl.“ Eine Wahl, die nach dieser Vorarbeit im nächsten Jahr nur noch förmlich vollzogen werden muss.