NFL-Football-Star Tim Tebow wirft mit Gott

Dirk Hautkapp
Wie der Football-Star Tim Tebow mit regelmäßigen Kniefällen nach Spitzenpässen in Amerika einen Glaubenskrieg lostrat.

Washington/Denver. Halleluja. Er hat es wieder getan. Lange Zeit “geht so” bis grottig gespielt und 0:10 hinten gelegen. Diesmal gegen die Chicago Bears. Und dann zwei Minuten vor Ende der regulären Spielzeit den, man traut es sich ja kaum zu sagen, göttlichen Touchdown-Pass geworfen, der den Denver Broncos den Weg zum sechsten Sieg in Reihe ebnete.

Danach tat Tim Tebow am Sonntagabend das, was Profi-Football-Fans in Amerika seit Wochen in begeisterte Jünger und glühende Hasser aufteilt: beten. Vor entscheidenden (und nach geglückten) Spielzügen geht der 24 Jahre alter Quarterback mitten im Stadion auf den Rasen und führt mit demutsvoll gesenktem Haupt ein persönliches Gespräch mit seinem wahren Cheftrainer. Dem lieben Gott. Die Geste, die an Rodin’s Denker erinnert (halt nur eben mit Schulterpolstern und Blutflecken auf dem Trikot) hat es im Internet zu zehntausendfacher Nachahmerschaft gebracht. “Tebowing” ist das Reizwort der Stunde.

Tebow ist ein Profi des Glaubens

Der Erfinder belässt es im Moment des sportlichen Gelingens nicht wie andere Cracks mit dem kurzen Blick inklusive Fingerzeig gen Himmel. Tebow ist ein Profi des Glaubens. Der Sohn eines evangelikalen Missionars-Ehepaares geht an keinem Mikrofon vorbei, ohne der Welt seine religiöse Empfindungen zu wanderpredigen. Standard-Einleitung auf die klassischen Was-geht-gerade-in-ihnen-vor-Reporter-Fragen: “Ich muss mich zunächst bei meinem Herrn und Retter Jesus Christus bedanken. Und die Fans waren heute wieder mal der reine Wahnsinn.” Tebows wichtigste Botschaft stößt jedoch bei einem Teil des Publikums, das sich die Eintrittskarten im millionenschweren NFL-Zauber sauer verdienen muss, auf Befremden. Denn Football, sagt er, sei doch im Grunde unwichtig. Ein guter Mensch zu sein, darauf komme es an. Und auf Gott. Wie sehr, dokumentierte Tebow, der als College-Spieler in Florida zweimal Landesmeister wurde und die begehrte Heisman-Trophy als bester Uni-Spieler gewann, am eigenen Leib.

Die berufsspezifischen Schminke-Balken, die sich Football-Profis unter die Augen malen, verzierte Tebow mit einem Bibelvers aus dem Johannes-Evangelium. Kapitel 3, Vers 16. “Gott”, heißt es da, “hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat.” Inzwischen ist das in der Studenten-Liga verboten. Aber der bibeltreuen Evangelikalen-Bewegung in Amerika, die bei den anstehenden Präsidentschaftswahlen wieder argwöhnisch Wache darüber hält, dass bei den Republikanern ja kein Kandidat Auftrieb erfährt, der liberalen Abtreibungsregelungen oder der Homosexuellen-Ehe seinen Segen gibt, gilt der Satz nun mal als Leitstern. Und Tebow lässt ihn strahlen.

Ausgerechnet in der Pause des von 100 Millionen Fans verfolgten Super-Bowl-Endpsiels 2010 in Miami trat Mutter Tebow in einem von Abtreibungsgegnern finanzierten Fernseh-Werbespot auf. Der Hintergrund ist speziell: Die Ärzte hatten ihr seinerzeit wegen erheblicher Komplikationen von der Geburt abgeraten. Pam Tebow ignorierte die Mediziner. Und gebar Tim, von dem damals niemand erahnen konnte, dass man ihn 2011 mit der Broncos-Legende John Elway vergleichen würde, der in den 80er Jahren als Spielmacher Maß aller Dinge war.

Tebow “wirft mit Gott”

Tebows Anhänger in den Stadien huldigen dem strahlend lächelnden Glaubenskrieger mit Schutzhelm auch deshalb wie einem Messias. Sein eindrucksvoller sportlicher Erfolg, seit er als überschaubar talentiert geltender Linkshänder für den etatmäßigen Spielmacher Kyle Orton von der Bank kam, ist ihnen Beweis genug, dass Glaube Berge und Gegner versetzen kann. “Der wirft mit Gott”, geht eine landläufige Beschreibung über Tebows Fähigkeiten. In Deutschland würde man vom Papst in der Tasche sprechen. Eher an Blut, Schweiß, Tränen und Dosenbier orientierten Fans der modernen Gladiator-Spielart geht das Missionarische dagegen gehörig auf den Geist.

Internet-Foren des Football-Fernsehkanals ESPN kann man entnehmen, dass sich Tebow doch bitteschön “mit seinen Gottesdiensten auf dem Spielfeld zum Teufel scheren soll”. Auch ehemalige Mitspieler wie Jake Plummer glauben, dass der mit Abstand meist diskutierte Athlet Amerikas inzwischen ein bisschen “too much”, ein bisschen zu viel des Guten tue und stattdessen vielleicht mehr an der ausbaufähigen Zielgenauigkeit seiner Würfe arbeiten könnte. “Im Football geht es ums Gewinnen, nichts anderes”, sagt Plummer. Ein Rat, der vermutlich nicht verfangen will. Solange das himmlische Wurfglück Tebow gewogen bleibt und den Denver Broncos in der Nachspielzeit landesweit ehrfürchtig bestaunte Siege sichert, solange bleibt der kompakte Muskelmann, dessen Jersey mit der Nr. 15 verkauft wird wie geschnitten Brot, der Posterboy der Strenggläubigen.

Denen war mit Ben Roethlisberger schließlich unlängst ein Vorbild abhanden gekommen. Der Hüne von den Pittsburgh Steelers hatte zum wiederholten Mal bei jungen Damen unerbetene Touchdowns zu landen versucht. Ohne Ball. Tebow wüsste vermutlich gar nicht, wie. Der Mann ist 24 und erklärtermaßen enthaltsam. Also Jungfrau. Heilige Maria, Himmel hilf!