Nach der Finalniederlage muss Bayern über eigene Fehler nachdenken

Klaus Wille
Ein Häufchen Elend: die Bayern-Spieler nach der Niederlage.
Ein Häufchen Elend: die Bayern-Spieler nach der Niederlage.
Foto: imago
Das Finale war einseitig wie selten eins zuvor, der Sieg Chelseas unverdient - auf diese Sichtweise haben sich Spieler und Verantwortliche nach der Finalniederlage offenbar geeinigt. Dabei war die Niederlage auch ein Produkt eigener Fehler.

München. Was soll ein Mann von 67 Jahren mit Andenken an eine Niederlage? Er trägt sie künftig ohnehin in sich, deshalb will Jupp Heynckes jetzt diese silberne Medaille, die man ihm in die Hand gedrückt hat, loswerden.

Heynckes steuert auf den ersten greifbaren Ordner zu und drückt ihm seine Medaille in die Hand. Der Mann wird sie wohl für Heynckes verwahren, er könnte sie aber auch mit nach Hause nehmen oder in den nächsten Mülleimer feuern: spielt alles keine Rolle. Jupp Heynckes und der FC Bayern München brauchen keine Erinnerungsstücke an diese Niederlage gegen den FC Chelsea, dieses Spiel wird sie so schnell nicht loslassen. Es wird, wenn sich die ganzen aufgewühlten Gefühle dieser Nacht erst einmal gelegt haben, auch den FC Bayern München noch lange beschäftigen.

Aber zuerst müssen die Emotionen heraus. Keiner weint auf dem Platz so sehr wie Bastian Schweinsteiger. Keiner steht so einsam herum wie Philipp Lahm. Keiner schaut so lang ins Leere wie Manuel Neuer. Diese Nacht, die Nacht der Niederlage in der Champions League, die Nacht des verlorenen Finales im eigenen Stadion, vom Verein urbayrisch und kraftmeierisch Finale dahoam genannt, ist dafür nicht der richtige Zeitpunkt. Es ist zu früh. Trauer braucht Zeit.

Den Bayern-Verantwortlichen fehlen die Worte

Uli Hoeneß etwa steht später beim Bankett neben Edmund Stoiber. Und immer noch neben sich. Der frühere Ministerpräsident redet auf dem amtierenden Bayern-Präsidenten ein, manchmal hat man sich ja gefragt, wer im Land mehr zu sagen hat. Stoiber redet und Hoeneß hört: weg. Alles, was er öffentlich sagt, ist: „Ich kann dazu nichts sagen.“ Dann hält Karl-Heinz Rummenigge eine Rede. Der Bayern-Chef ist für seine Ansprachen durchaus berüchtigt. Doch nach dem Bauchmensch Hoeneß hat auch der kühle Rummenigge nichts außer einer Frage: „Wie konnte es sein, dass wir dieses Spiel nicht gewonnen haben?“

Ja wie?

Die Bayern haben dieses Finale vorher regelrecht überhöht, manchmal hätte man meinen können, nach dem 19. Mai drehe sich die Welt nicht mehr. „Dieses Finale ist das Highlight in der Geschichte des FC Bayern“, hatte Hoeneß gesagt, „und wenn man weiß, wie viele große Momente der FC Bayern erlebt hat, ist damit fast alles gesagt.“ Mehr ging nicht. Und darum müssen sie nun mit dem Gefühl zurecht kommen, noch nie so viel verloren zu haben.

Bayern hatte alles aufs "Finale dahoam" gesetzt 

Dieser Verein, der in der Bundesliga zum zweiten Mal in Folge Borussia Dortmund an sich vorbei ziehen lassen musste, der dann vom BVB auch noch im DFB-Pokalfinale gedemütigt wurde, hatte alles auf die dritte, auf die letzte und wichtigste Karte gesetzt. Kann man ihm verübeln, dass unmittelbar nach dem 1:1 über 120 Minuten und dem 3:4 im Elfmeterschießen gegen Chelsea die Distanz fehlt, die rationale Klarheit, das Spiel einzuordnen? Wer überhaupt etwas sagt, beklagt: Nie sei ein Finale so einseitig gewesen, nie ein Sieg so unverdient. Hier die Bayern, begeisternd, alles investierend. Dort Chelsea, Dunkelmänner allesamt, Götzen der Destruktion, am Ende auch noch in der Elfer-Lotterie zu Unrecht belohnt. Das ist die Sichtweise, auf die sich alle Bayern geeinigt haben. Damit kann der Verein leben. Zumindest für den Moment.

Aber wenn sich der Nebel aus Trauer, Emotion und Trotz erst einmal gelichtet haben wird, öffnet sich zwangsläufig der Blick auf die Fehler und Schwächen dieser Saison, die auch im Finale nachgewirkt haben: Der Kader? Zu klein. Wen hatte Bayern noch auf der Bank, um einen Impuls zu bringen? Der Spielstil? Immer noch von Ex-Trainer Louis van Gaal geprägt. Fehlte es nicht am Samstag doch an einer Idee, an Präzision? Die Abwehr? Ist es wirklich nur Zufall und Pech, dass man Drogba einmal aus den Augen ließ und das prompt nicht gut ging?

Fatale Abhängigkeit von Robben und Ribery

Man wird über vieles nachdenken. Über Angreifer neben Mario Gomez, sogar über Fluch und Segen dieser besonderen Flügelzange aus Franck Ribery und Arjen Robben, ohne die der heutige FC Bayern nichts ist, was aber auch heißt, dass er von ihr auf Gedeih und Verderb abhängt. Gegen Chelsea tänzelte Robben über die Nerven seiner Mitspieler, nicht nur beim verschossenen Elfmeter in der Nachspielzeit, der nach dem 1:1 nach 90 Minuten durch Thomas Müller (83.) und Didier Drogba (89.) alles hätte ändern können. Robben stürzte von dem schmalen Grat, voran gehen zu wollen und beanspruchte wie aufgedreht jeden Ball für sich. Aber es war niemand da, der ihm Grenzen gesetzt hätte.

Fußball kann gnadenlos sein, am Ende war, was paradox klingt, Chelsea nicht so unverdient Sieger wie jetzt alle tun. Und doch hatte Bayern diese Niederlage nicht verdient. Der Spott ist dann nicht weit, dreimal Vize macht aus Bayern glatt: Bayer München. Braucht da noch jemand eine Medaille zur Erinnerung?