Wie Hans Heyer in Hockenheim die Formel 1 austrickste

Klaus Wille
Der Rennfahrer und Unternehmer Hans Heyer an seinem Firmensitz in Wegberg.
Der Rennfahrer und Unternehmer Hans Heyer an seinem Firmensitz in Wegberg.
Foto: WAZ FotoPool/ Ralf Rottmann
Das Aus im Training hielt ihn nicht von einem Start ab: Der erfolgreiche Rennfahrer aus Wegberg mogelte sich 1977 in das einzige Formel-1-Rennen seiner Laufbahn. Und das ausgerechnet beim Großen Preis von Deutschland in Hockenheim.

Wegberg. Hans Heyer bestellt sich den zweiten Latte Macchiato. Er sagt: „Noch einen Spezialkaffee“. Das genügt, man weiß in Wegberg, wer Hans Heyer ist, wer er war und wie er seinen Kaffee mag. Dann erzählt der 71-Jährige. Von früher, von seiner Laufbahn als Rennfahrer und von dem irren Ding, das er bei seinem einzigen Rennen in der Formel 1 vor 37 Jahren in Hockenheim gedreht hat.

Und das geht so: 1977, der Große Preis von Deutschland, am Start ist alles, was Rang und Namen hat. Und Hans Heyer. Im Training fährt Jody Scheckter auf die Pole-Position, den zweiten Startplatz sichert sich Brabham-Pilot John Watson, noch vor Niki Lauda im Ferrari und vor WM-Titelverteidiger James Hunt.

Für Heyer dagegen läuft es nicht. Er ist damals 33 Jahre alt und hat im Motorsport einen klangvollen Namen. Als Kart-Fahrer war er ein Ass, Europameister und Vize-Weltmeister. Er hat damals schon zweimal die Deutsche Rennsport Meisterschaft gewonnen, er ist die 24 Stunden von Le Mans gefahren, ein Knochenbrecher-Job.

Aber Formel 1?

Heyer: "Im Motorsport darf man nicht aufgeben"

„Das war schon ein Traum“, sagt Heyer heute. Oder doch ein Alptraum? Die Formel 1 fraß damals ihre Kinder, in jedem Jahr verunglückte ein Fahrer tödlich. Heyer fuhr bereits in der Formel 2, er überlegte hin und her, und vielleicht gab am Ende sein Vater den Ausschlag: „Er hat mich beschworen“, sagt Heyer, „es zu lassen.“

Aber ein Rennen? Nur eins!

In Hockenheim startet er also für ATS, ein Privatteam, mit einem Penske PC 4. Er ist schnell, aber im zweiten Trainingslauf legt ihn ein Defekt lahm. Heyer liegt in der Endabrechnung auf Platz 27. Die besten 24 dürfen starten.

Aus der Traum. Oder?

„Im Motorsport“, sagt Hans Heyer 37 Jahre später, „darf man nicht aufgeben. Darum geht es doch: spucken, kratzen, beißen, sich wehren.“ Es zieht sich wie ein Faden durch Hans Heyers Leben.

Bei allen großen Marken Werkspilot

Er wächst in Wegberg bei Mönchengladbach auf, Vater Matthias baut ein Asphalt- und Betonmischwerk auf und sein Sohn sitzt schon mit vier Jahren am Steuer eines Lastwagens und rollt über das Firmengelände. Der Vater verbietet es, der Sohn klettert weiter hinters Steuer. Als er neun Jahre ist, schicken ihn die Eltern in die Eifel auf die Schule. „Nur weg von den verflixten Autos“, sagt Hans Heyer und lächelt.

Was der Vater nicht bedacht hat: Die Schule liegt in Adenau. Wenn der kleine Hans aufsteht, hört er das Dröhnen der Silberpfeile auf dem Nürburgring. Er radelt hin, streift durch die Boxen, lernt alle Fahrer kennen, sogar den großen Juan Manuel Fangio. „Irgendwann“, erinnert sich Heyer, „haben sie mich rausgeworfen. Aber am nächsten Tag stand ich wieder da.“

Es ist der Beginn einer Leidenschaft, die er vor dem Vater erst geheim halten muss, die der alte Herr dann stillschweigend toleriert und am Ende nach Kräften fördert. Hans Heyer steigt in den Betrieb ein und baut ihn aus, aber er fährt im Laufe seines Lebens parallel dazu genau 1000 Rennen. Er ist Werkspilot bei allen großen Marken, er tüftelt an Motoren, er feiert Triumphe und er verliert weiter Freunde und Konkurrenten, auch im Motorsport: „Unsere Schutzengel mussten ja permanent Überstunden machen“, sagt er heute.

Niemand bekommt etwas mit

Aber ein Rennen in der Formel 1? Nur dieses eine?

Das Aus nach dem Training in Hockenheim ist offiziell, aber Heyer kratzt jetzt, er beißt und wehrt sich. Heyer kennt alle und jeden in der Szene, und so heckt er einen verrückten Plan aus: Zum Startbereich gehört damals in Hockenheim eine Boxengasse. Heyer schiebt mit ein paar Komplizen seinen Rennwagen hinein, organisiert sich zwei Helfer, die die Schranke zur Strecke öffnen sollen und einen, der auf ein Fass klettert, um ihm ein Signal zu geben, wenn der Start erfolgt ist. Niemand bekommt etwas mit. Als das Feld losdonnert, öffnet sich im richtigen Moment die Schranke und Heyer jagt den 24 Rennwagen hinterher.

Acht Runden später ist er schon Zwölfter, die Rennleitung hat noch nichts gemerkt. Nur ZDF-Reporter Harry Valerien ruft verdutzt: „Wo kommt der Kerl denn her?“ Eine Runde später ist der Spaß vorbei. Eine Schaltstange reißt ab, Heyer rollt aus. Später fragt man ihn, wie man ihn bestrafen soll. „Sperrt mich in der Formel 1 für den Rest der Saison“, schlägt er vor. Da ist er wieder, der gewiefte Hund. Fahren will er dort ja eh nicht mehr.

„Vielleicht“, sagt Hans Heyer heute, 37 Jahre später, „bin ich ja nur deshalb noch da.“