Vettel will in der Formel 1 zurück auf die Überholspur

Schonte weder sich noch den Wagen: Sebastian Vettel bretterte auch über die Randsteine auf der Ile Notre-Dame.
Schonte weder sich noch den Wagen: Sebastian Vettel bretterte auch über die Randsteine auf der Ile Notre-Dame.
Foto: Imago
Mehr PS und ein „Wundersprit“: Ferrari hat dem Heppenheimer ein schnelleres Auto gestellt. Von Platz 18 aus ist es aber auch damit schwer, Mercedes abzufangen.

Montreal.. Eine Sekunde Abstand, was ist das schon? Nichts, zwischen zwei Formel-1-Rennwagen – und trotzdem unheimlich viel. Mehrmals war Nico Rosberg beim Großen Preis von Kanada in dieser Schlagdistanz zu Spitzenreiter Lewis Hamilton, doch immer dann, wenn der Wiesbadener zum Angriff übergehen wollte, pfiff ihn der Mercedes-Renningenieur zurück.

„Kühle auf den nächsten zehn Runden Deine Bremsen, dann kannst Du es nochmal probieren“, hieß es dann. Hamilton wiederum wurde ständig, wenn er dem silbernen Rivalen davonziehen wollte, beschieden: „Achte auf den Spritverbrauch!“ Bremsen und Gasgeben, dass ist der berüchtigte Stepptanz auf den Rennwagenpedalen beim Gastspiel in Montreal. Eine unglaubliche Anstrengung für Mensch und Material, von der man auf den ersten Blick gar nichts mitbekommt, wenn zwei Autos so souverän vorneweg fahren wie die von Hamilton und Rosberg.

Vettels Aufholjagd war die Story des Kanada-Rennens

Vierter Doppelerfolg von Mercedes im siebten Rennen, der Brite hat seine Genugtuung für Monte Carlo und seinen Vorsprung in der WM auf 17 Punkte ausgebaut. Doch der Liebling des kanadischen Fernsehregisseurs war keiner der beiden, sondern der Fünftplatzierte, Sebastian Vettel. Dessen Aufholjagd mit dem Ferrari war die Story und die Show des Rennens.

Um sich die Laune nicht zu ruinieren, nachdem er auf den 70 Runden 13 Positionen gut gemacht hatte, stellte sich der Heppenheimer gar nicht vor, wo seine Reise von einem normalen Startplatz aus hingeführt hätte. „Schade, das Podium hier ist besonders schön“, hadert der bekennende Pokal-Fetischist. Seine Aufholjagd nach einem Elektronikdefekt in der Qualifikation und einer Strafe für illegales Überholen im Training rettete den Zuschauern den Nachmittag. „Ich habe gesehen, wie die Fans nach meinen Überholmanövern auf den Tribünen aufgesprungen sind“, freute sich der Deutsche.

Scuderia kann in Formel 1 Boden auf Mercedes gut machen

Sollte, hätte, könnte gehört für gewöhnlich nicht zum Wortschatz des 27-Jährigen. Aber angesichts seiner Bravourfahrt kam er doch etwas ins Grübeln: „Ich wäre gern weiter vorn losgefahren. Das hätte alles etwas einfacher gemacht. Aber viel mehr war nicht drin. Wir hatten zwar den nötigen Speed, meine Auto wurde immer besser im Verlauf des Rennens, aber mehr war einfach nicht drin.“ Als der Deutsche noch zweifelte, hatte Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene hat den vierten Rang von Kimi Räikkönen und den fünften Vettels bereits eingeordnet: „Wenn man sich Sebs Tempo ansieht, dann waren wir dabei. Aber bin ich damit zufrieden? Nein, sicher nicht.“

Immerhin, die aerodynamische Runderneuerung des roten Rennwagens, das gut 30 Zusatz-PS starke Motorenupgrade und der angebliche Wundersprit haben Arrivabene die Antwort gegeben, die er haben wollte: Die Scuderia kann aus eigener Kraft Boden auf Mercedes gut machen. Doch Arrivabene weiß auch: „Die Lücke gegenüber Mercedes in jedem Rennen schließen zu können, das ist schwer.“

Ferrari-Pilot Vettel unterstreicht seine Rolle als Herausforderer

Vettel weiß, wie steil die Lernkurve bis hoch zum Mercedes-Niveau noch ist, weshalb er es vermeidet, nach oben zu starren: „Ich würde sagen, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Leicht wird das nicht, aber die Neuerungen hier haben wie erwartet funktioniert.“ Lewis Hamilton ahnt die Gefahr: „Wir können überhaupt nicht entspannt sein, denn die wahre Stärke von Ferrari haben wir im Rennen nicht sehen können.“ Die Art und Weise, wie der in der WM 43 Zähler zurückliegende Vettel über die Randsteine auf der Ile Notre-Dame räuberte, unterstreicht diese Entschlossenheit der Herausforderer.

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