So vergiftet ist das Klima in der Formel 1 nach dem Silverstone-Rennen

Sebastian Vettel feierte in Silverstone seinen vierten Saisonsieg. Lewis Hamilton (l.) landete auf Rang zwei, Dritter wurde der Finne Kimi Räikkönen.
Sebastian Vettel feierte in Silverstone seinen vierten Saisonsieg. Lewis Hamilton (l.) landete auf Rang zwei, Dritter wurde der Finne Kimi Räikkönen.
Foto: Getty Images

Silverstone. Hätte Lewis Hamilton die schwarze Kappe noch etwas tiefer ins Gesicht gezogen, der Formel-1-Weltmeister wäre weder zu erkennen noch zu verstehen gewesen. Das wäre ihm wohl auch am liebsten gewesen. Selbst als er bei den Interviews nach dem vielleicht schlimmsten zweiten Platz seiner Karriere wieder aufrecht vor den Kameras saß, war seine Körpersprache eindeutiger als seine Worte. Er hatte sich demonstrativ von den Ferrari-Piloten Sebastian Vettel und Kimi Räikkönen abgewendet, erwähnte weder deren Namen noch den von Ferrari. Die erste Talkrunde, noch in der Boxengasse, hatte er komplett geschwänzt, im Raum hinter dem Podium rang er um Fassung, beschäftigte sich intensiv mit den Wasserflaschen, und würdigte seine Gegenspieler keines Blickes. Hamilton trollte sich in die Ecke, das Handtuch vorm Gesicht, es reichte gerademal zu einem mageren Händedruck für Vettel. Später sprach er von einer „interessanten“ Taktik, die „die andere Seite“ da anwende. Eiszeit in der Formel 1, und das im britischen Hochsommer.

Drei Rennen in drei Wochen haben das Befinden an der Spitze der Königsklasse dramatisch verändert, nachdem zweimal ein Silberpfeil-Pilot von einem Ferrari-Fahrer kurz nach dem Start abgeräumt worden war. Das Klima ist vergiftet. Vettel gegen Valtteri Bottas in Frankreich, diesmal Räikkönen gegen Hamilton. Mercedes-Technikdirektor James Allison fragt rhetorisch: „Unvermögen oder Absicht?“ Allein der Gedanke bringt Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene auf die Palme. Nachdem sich die beiden Top-Teams mittlerweile auch hinter den Kulissen, wo es um die technische und monetäre Zukunft der Formel 1 geht, nicht mehr einig sind, ist die Verlagerung des Zwists auf die Rennstrecke beinahe zwingend. Diese Zuspitzung war auch zu erwarten, nachdem die italienischen Rennwagen inzwischen gleichauf, häufiger auch vorbei sind, selbst auf Mercedes-Strecken. Zwei Ausnahmefahrer und zwei führende Rennställe, die das Limit zur Kampfzone ausweiten.

Vettel hat als einziger Fahrer alle zehn Rennen beendet

„Wie ein Löwe“ habe Vettel gekämpft, bescheinigt Arrivabene seinem Schützling nach dem vierten Saisonsieg, dem 51. seiner Karriere. Der Heppenheimer ist der einzige Formel-1-Pilot in diesem Jahr, der alle zehn Rennen beendet hat, und immer in den Punkten war. Die kleinen Schwächen Ferraris scheint er besser wegzustecken als Hamilton die taktische Ungewissheit im silbernen Lager. Trotz seines grandiosen Comebacks vom 18. Rang nach dem Unfall zum zweiten Platz am Ende hatte der Brite permanent darüber gemault, dass er anders als seine Gegner während der Safety-Car-Phase keine frischen Pneus bekommen hatte. Für Mercedes-Teamchef Toto Wolff die „absolut richtige“ Entscheidung: „Beide hatten ja noch frische Reifen, für uns war es wichtiger, Positionen gutzumachen, in dem wir draussen bleiben. Das hat sich am Ende ausgezahlt.“ Bottas verlor zwar die Führung und stürzte ab, aber Hamilton betrieb die bestmögliche Schadensbegrenzung, er liegt jetzt in der WM-Gesamtwertung acht Punkte zurück.

Aber einen Groll auf die Rotkäppchen hegt natürlich auch Wolff: „Ich weiß nicht, ob wir gewonnen hätten, aber ohne den Crash hätten wir eine bessere Siegchance gehabt. Das ist es, was hängen bleibt.“ Er rät den Rennkommissaren beim Strafmaß auch darauf zu gucken, was die Vorfälle insgesamt für Auswirkungen haben. Zufrieden kann er deshalb mit den zehn Sekunden gegen Rowdy Räikkönen nicht sein, „überhaupt nicht“. Gewiefter Taktiker wie der Österreicher nun mal ist, münzt er die Diskussion in Motivation um: „Zuallererst müssen wir uns selbst fragen, was wir am Start tun können, damit wir nicht in solche Situationen geraten.“ Denn erst Hamiltons schlechter Start hatte die Ereignisse ausgelöst, und seine tiefe Enttäuschung rührt daher, dass er ausgerechnet das von ihm selbst emotional so aufgeladene Heimspiel nach einem eigenen Fehler verloren hat. Später am Abend stellte er sich zehntausenden noch wartenden Fans auf der Showbühne und kündigte einen großen Kampf gegen Ferrari an: „Die beste Möglichkeit, solche Vorfälle zu verhindern, ist eine komplett silberne erste Startreihe.“ Einfach gesagt, dem Ärger einfach davonfahren zu wollen.

Niki Lauda: "Ich finde das nicht mehr lustig"

Auch Wolff plagt der Frust, aber an der Grundeinstellung bei Mercedes liegt es seiner Meinung nach nicht: „Wir wollen immer aggressiv sein, aber offenbar gibt es ein paar da draußen, die noch aggressiver sind.“ Hamilton ergänzt süffisant: „Es sind eine Menge Punkte, die Valtteri und ich wegen dieser Aktionen von Ferrari verloren haben.“ So sieht das auch Mercedes-Teamaufsichtsrat Niki Lauda: „Es ist unfair, dass uns schon wieder ein Ferrari in der ersten Kurve trifft, und ich finde das auch nicht mehr lustig. Mir gehen die Unfälle mit den Ferrari in der ersten Kurve langsam auf die Nerven. Dass die Stewards Räikkönen zehn Strafsekunden geben statt der fünf wie bei Vettel zeigt, dass sie merken, was da vor sich geht.“ Solche zweideutigen Sätze dienen vor allem dazu, den Gegner zu beunruhigen.

Für diese oder weniger versteckte Anschuldigungen, Ferrari würde der Konkurrenz absichtlich die Autos und Rennen zerstören, hat Sebastian Vettel nur ein Wort übrig, eins mit Ausrufezeichen: „Quark!“ Er vergleicht solche Annahmen mit jenen 80 Millionen Bundestrainern in Deutschland, die es auch immer besser gewusst hätten als Joachim Löw. Die Herangehensweise in den ersten Kurven gehören für ihn zum Berufskodes des Rennfahrers: „Wo gehobelt wird, fallen Späne. Aber ich glaube nicht, dass man von Absicht sprechen kann. Fehler passieren, auch wenn sie nicht passieren sollten.“ Kimi Räikkönen hält seine Strafe für verdient, merkt aber an: „Es war sicher nicht meine Absicht, dass sich Lewis in der ersten Kurve verbremst hat…“

 
 

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