Darum ist das Singapur-Rennen der Härtetest für den Formel-1-Zirkus

Allein das Hingucken ist schweißtreibend. Der Abendhimmel über dem  Formel-1-Kurs in Singapur.
Allein das Hingucken ist schweißtreibend. Der Abendhimmel über dem Formel-1-Kurs in Singapur.
Foto: imago

Singapur. Sich in das Rennwagen-Cockpit beim Äquator-Grand-Prix hinzuversetzen, ist nicht so ganz einfach vom Fernseh-Sofa im deutschen Spätsommer aus. Am besten stellt man sich vor, dass man in einer auf 60 Grad erhitzten Sauna sitzt, die direkt über der Achse eines mit Tempo 250 dahinrasenden ICE montiert ist, und dabei Playstation spielen muss – volle zwei Stunden lang. Wenn man das schafft, kommt man dem nahe, was die 20 Formel-1-Piloten am Sonntag (14.10 Uhr/RTL) beim Großen Preis von Singapur durchmachen. „Es ist das härteste Rennen des Jahres“, sagt Sebastian Vettel, der auf dem Marina Bay Street Circuit die Wende im Titelrennen gegen Lewis Hamilton schaffen will, „man fühlt sich immer so, als ob man nicht genügend vorbereitet ist.“

Seit zehn Jahren im Formel-1-Programm

Selbst wenn die Lufttemperatur nach Einbruch der Dunkelheit gerade eben unter die 30-Grad-Marke rutscht, bleibt die Luftfeuchtigkeit bei 70 Prozent. Ein Härtetest selbst für die Fittesten. „Es fällt schon schwer, im Cockpit überhaupt zu atmen“, gesteht der Mexikaner Sergio Perez. Am Wichtigsten ist es, genug zu trinken. Seit zehn Jahren ist das Flutlichtspektakel jetzt im Formel-1-Programm, es ist aus kommerzieller Sicht immer wichtiger geworden. Es ist häufig entscheidend für den Ausgang des Titelrennens, aber an physischen und psychischen Belastungen wird man sich nie ganz gewöhnen. Lange Geraden, um ausgiebig Luft zu holen, gibt es im Stadtverkehr von Singapur auch nicht.

Dazu kommt, dass die aktuelle Rennwagen-Generation deutlich schneller ist als im Vorjahr, bei 23 Kurven (den meisten von allen Grand-Prix-Strecken) summieren sich die Fliehkräfte über die insgesamt 300 Kilometer gewaltig. „Man schwitzt schon, bevor man überhaupt ins Auto einsteigt“, sagt Titelverteidiger Lewis Hamilton, „während einer Trainingssitzung verliere ich zwei Kilo an Körpergewicht.“ Im Rennen kann es leicht das Doppelte sein. Manchmal kommt es dem Briten so vor, als hätte er eine Sitzheizung im Rennwagen. In seinem Silberpfeil kommt die größte Trinkflasche der Saison zum Einsatz, sie fasst 1,3 Liter. Denn Studien haben erwiesen, dass die kognitive Leistungsfähigkeit nachlässt, wenn eine Person 1,5 bis 2 Prozent des Körpergewichts in Flüssigkeiten verliert.

Beim Weltmeister-Rennstall Mercedes kümmert man sich nicht nur um die beiden Chauffeure, das Augenmerk gilt auch der Mannschaft, 11 000 Kilometer von der Heimat entfernt. Bis jetzt war schon jeder Helfer 100 Tage des Jahres in Formel-1-Mission unterwegs, und mit sieben Übersee-Rennen in zehn Wochen fangen die Strapazen erst richtig an. Das bedeutet mehr als 100 Stunden in Flugzeug und das Durchqueren unzähliger Zeit- und Klimazonen.

Bis zu 80 Termine beim Arzt

Vier Elemente haben auf den Energiehaushalt der 80-köpfigen Rennmannschaft einen entscheidenden Einfluss: Gesundheit, Fitness, Schlaf und Ernährung. Deshalb reisen ein Arzt und ein Physiotherapeut im Tross mit, die manche Mechaniker häufiger sehen als den Hausarzt. Etwa 60 bis 80 Sprechstundentermine werden pro Rennwochenende angesetzt. Permanent werden klinische Untersuchungen und Bluttests nach strengem Schema durchgeführt, dazu die aufgestellten individuellen Entwicklungspläne überwacht.

Aber weil die Formel 1 ein Sport ist, in dem alles auf die Spitze getrieben wird, geht es nicht um die Gesundheit allein. Der Physio beobachtet genau jede Bewegung bei den Boxenstoppübungen: Bewegt sich jeder so, dass es perfekt zu seinem Bewegungssystem passt? Sonst wird die Position am Auto getauscht, um Abhilfe zu schaffen. Auch in der Box wird es heißer als sonst, oft noch 15 Grad wärmer als die Außentemperatur. Die Formel 1 als Garküche für alle Beteiligten.

 
 

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