Motordoping erreicht die Profis

Empoli.  Ein Rennrad steht aufgebaut bei Bhoss Cycling, einem Fahrradladen in einem Außenbezirk Empolis. Kabel hängen aus dem Rahmen heraus, der elektrische Motor ist im Sitzrohr zu erkennen. Er verschwindet völlig. Schnell verklebt Alessandro Bartoli, Besitzer des Ladens, die Öffnung des Unterrohrs. Dort hängen die Kabel für die Batterie heraus. „Es soll niemand wissen, wie wir das machen“, sagt er. Bartoli, dessen Laden eine knappe Stunde vom Parcours des Giro d’Italia entfernt liegt, ist stolz auf seine Lösung des Batterieproblems. Andere Hersteller platzieren sie in Trinkflaschen oder in der Werkzeugtasche. Doch dort sind sie sichtbar.

Zwei solcher Räder verkauft Bartoli pro Woche. Die Warteliste ist lang. „99 Prozent meiner Kunden sind Radamateure“, meint er. Über das fehlende Prozent schweigt er. Er prüft auch nicht, ob hinter einem Kunden nicht doch ein Freund steckt, der Hochleistungssport betreibt. Das ist auch nicht seine Aufgabe. Dass der Profisport ein E-Motorenproblem hat, glaubt indes auch Bartoli. „Wenn ich mir nur angucke, was es alles an Radwechseln vor einem Anstieg gibt...“, sagt er und lässt den Satz offen. Vor allem Alberto Contador ist wegen seiner häufigen Radwechsel in den Verdacht geraten, mitten im Rennen mal ein Rad mit Motor zu nehmen und im Ziel wieder auf einem unverdächtigen Nur-Muskel-Rad zu sitzen. Bewiesen allerdings ist nichts. „Inzwischen kontrolliert die UCI doch auch die Ersatzräder. Ich bin mir sicher, dass man bei diesem Giro keinen Motor finden wird“, meint Tristan Hoffman, sportlicher Leiter vom Contador-Rennstall Tinkoff. Sein Ausschlussgrund: „Es wären viel zu viele Leute involviert: sportliche Leiter, Mechaniker, der Sportler selbst.“ Es ist vor allem Unglaube, der daraus spricht. Niemand will sich vorstellen, dass jetzt beim Giro Motoren betrieben werden. „Was wäre das denn für ein Gefühl, wenn du in einer Ausreißergruppe steckst und plötzlich mit dem Motor davon fährst?“, sagt Giant-Profi Nikias Arndt.

Da wandert der Diskurs in den Glaubensbereich. Teamdoping war mal typisch für den Radsport.

Aufmerksam macht ein Mann, der für Grenzüberschreitungen berüchtigt ist. Doping-Guru Michele Ferrari schreibt in seinem Blog, dass E-Motoren seit 2005 von Profis eingesetzt wurden. Er bezieht sich in seinem Beitrag aber ausdrücklich aufs Training und sieht Vorteile darin, dass Radprofis auf diese Art das Tempotraining hinter Motorrädern ersetzen können.

Ferraris Notiz darf man als Beleg dafür werten, dass es seit 2005 Leute gibt, die wissen, wann man am besten wie viel Watt hinzuschaltet und in welcher Kadenz der Motor das geringste Geräusch macht.

Begrenzte Wirkung der Kontrollen

Dass bei den Kontrollen des internationalen Radsport-Verbandes UCI bislang nur die belgische Cross-Fahrerin Femke Van Den Driessche erwischt wurde, ist eher ein Hinweis auf die Lücken im Kontrollsystem. Beim Giro wurden die Teams nach übereinstimmender Auskunft bisher drei Mal kontrolliert – jeweils bei den Zeitfahren und einmal überraschend. Drei von 15 Wettkampftagen also. Ein Gütesiegel mit begrenzter Aussagekraft.

 
 

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