Ein Mann mit großen Visionen

Daniel Gürschner wird am Rande dabei sein, wenn es für die deutschen Judoka in London um Medaillen geht.
Daniel Gürschner wird am Rande dabei sein, wenn es für die deutschen Judoka in London um Medaillen geht.
Foto: Oliver Schinkewitz

Köln..  Von seiner Erscheinung her könnte man meinen, Daniel Gürschner wäre auch heute noch fit genug, sofort wieder in der Bundesliga auf die Judo-Matte zu gehen. Doch dieses Kapitel liegt hinter dem heute 39-Jährigen. 2006 hat er seinen letzten Kampf bestritten. Mittlerweile hat er seine Bestimmung auch anderweitig gefunden - und ist dem Judo treu geblieben: Gürschner ist seit nun schon drei Jahren Bundestrainer, macht die U23-Kämpfer am Kölner Stützpunkt fit für eine hoffentlich goldene Zukunft.

Doch jetzt gilt die Konzentration erst einmal dem Abschneiden der deutschen Judoka bei den Olympischen Spielen in London. Keine Frage, dass Gürschner auch dabei ist, wenn in der britischen Metropole um die Medaillen gekämpft wird - schließlich hat der DJB eine starke Mannschaft an die Themse entsandt. „Die eine oder andere Medaille sollte schon drin sein“, sagt der gebürtige Cottbuser - und denkt dabei vor allem an die Gold-Kandidaten Ole Bischof (gewann schon 2008 in Peking) und seinen früheren Mannschaftskollegen bei der SU Annen, Andreas Tölzer.

„Olympia ist einfach etwas ganz Besonderes“, berichtet Daniel Gürschner - und seine Augen fangen dabei beinahe an zu leuchten. 2000 in Sydney war er selbst Olympionike - und auch wenn es für ihn in der 100-kg-Klasse seinerzeit nicht zu einer Medaille reichte, hat ihn diese Erfahrung bereichert. „Ich kann jedem, der dabei ist, nur empfehlen, das in vollen Zügen zu genießen“, erklärt der 39-jährige Ex-Europameister.

Nach Beendigung seiner Bundesliga-Laufbahn wurde Gürschner zunächst 2006 Leiter der Judo-Sportfördergruppe. „Und dann ging’s irgendwie Schlag auf Schlag.“ War er zunächst als Entlastung für den damaligen Bundestrainer Frank Wieneke vorgesehen, kletterte er in der Hierarchie schnell empor. Mittlerweile kann sich die Ausbeute der U23-Judoka unter seiner Ägide durchaus sehen lassen: „Bis jetzt haben wir da vier EM-Titel geholt und zweimal Bronze“, ist Gürschner stolz auf diese glanzvolle Bilanz. „Zweimal stand ich zudem in einem WM-Finale von Andreas Tölzer als Trainer am Rand - in Tokio 2010 und in Paris 2012. Es ist mein Glück, dass mir unser Bundestrainer Detlev Ultsch da voll vertraut.“

Man sieht Gürschner an, wie viel Spaß ihm das Training am Bundesstützpunkt macht. „Ich erkenne mich in einigen selbst wieder - daher sehe ich manches durchaus etwas gelassener“, sagt er schmunzelnd. Dabei hat der Hüne mit den dunklen Augen ganz klare Vorstellungen, wohin der Weg des deutschen Judos mittelfristig gehen soll: „Meine Vision ist, dass wir eines Tages nicht mehr nach Frankreich ins Trainingslager fahren müssen, sondern dass die Franzosen zu uns kommen. Ich würde den Stützpunkt in Köln gerne noch ausweiten - aktuell sind die Bedingungen in Frankreich aber noch besser als bei uns. Aber ich hab’ ja noch ein paar Tage Zeit.“

Dass Judo in anderen Nationen noch einen ganz anderen Stellenwert besitzt als hierzulande, sieht Gürschner als Ansporn für seine tägliche Arbeit. „Wenn man alleine Schwergewichtler Teddy Riner sieht - der hat in Frankreich ja jetzt schon ausgesorgt.“ Doch zumindest die sportliche Perspektive der DJB-Talente ist allemal vorhanden - in Daniel Gürschners „Stall“ tummeln sich einige vielversprechende Youngster, darunter neben Karl-Richard Frey, André Breitbarth und Max Strote auch Annens Nicki Graczyk. „Sie haben alle ihre Qualitäten. Ich möchte einfach, dass sie es eines Tages schaffen.“ Vielleicht ja schon 2016 bei Olympia in Rio de Janeiro - „dann wird sich zeigen, ob das System von Detlev Ultsch Erfolg hat“, so Gürschner. Er selbst sieht sich in seiner Trainingsarbeit „,mehr so als der Feinmechaniker, der hier und da mal an einem Schräubchen dreht.“ Und das scheint allemal ganz gut zu funktionieren.

Kaum zu glauben, aber 20 Jahre ist es mittlerweile schon her, dass der Modellathlet von Cottbus nach Nordrhein-Westfalen kam. „Irgendwie waren das schon zwei Welten - und ich bin froh, dass ich da weg bin“, sagt Gürschner, dessen Vater aus Tansania stammt, nachdenklich. Der damals eher introvertierte Typ fand sein Glück auch und vor allem in Witten. „Die SU Annen hat auch neben dem Sport sehr viel für mich getan“, pflegt er weiterhin noch engen Kontakt mit seinem langjährigen Verein, zu dem es ihn nach zwei Jahren beim JC 90 Frankfurt/Oder zog. Vor allem mit Trainer Andreas Reeh verbindet ihn weiter eine enge Freundschaft: „Er wusste immer, wo man bei mir den Schalter drückt. Frank Wieneke hatte hingegen schon seine liebe Mühe mit mir. In Annen zu kämpfen, das war die richtige Entscheidung für mich.“

 
 

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