Inka Wesely – die Kämpferin aus Ginderich

Der größte Erfolg: Inka Wesely (2. von lnks) steht beim 3:0-Sieg gegen ihren Ex-Klub SG Essen-Schönebeck am 13. März 2011 auf dem Platz und feiert ihre erste deutsche Meisterschaft mit Turbine Potsdam.
Der größte Erfolg: Inka Wesely (2. von lnks) steht beim 3:0-Sieg gegen ihren Ex-Klub SG Essen-Schönebeck am 13. März 2011 auf dem Platz und feiert ihre erste deutsche Meisterschaft mit Turbine Potsdam.
Foto: dapd

Wesel..  Inka Wesely hat ihr Weihnachtsgeschenk in diesem Jahr verfrüht empfangen: am 5. Dezember auf einem OP-Tisch in Berlin-Schöneberg. Keinen Kilometer entfernt vom vorweihnachtlichen Einkaufstrubel im KaDeWe bescherte Kniespezialist Dr. Oliver Miltner seiner Patientin einen Moment des Glücks in einer tristen Zeit.

Genau einen Monat zuvor hatte sich die Fußballerin des deutschen Meisters Turbine Potsdam schwer am rechten Knie verletzt. Wesely, ihr Verein, die Ärzte - alle hatten sich mit der niederschmetternden Nachricht abgefunden, dass das Kreuzband der 21-Jährigen zum dritten Mal gerissen war. Doch die Arthroskopie brachte ein anderes Ergebnis. Diagnose: Kreuzbandanriss. Die Zuversicht kehrte zu Inka Wesely zurück.

Sie sitzt nun in ihrem Elternhaus in Ginderich auf der Couch im Wohnzimmer, eine schwarze Schiene stabilisiert ihr Knie. Sie wirkt entspannt: „Ich habe überhaupt keine Probleme mit dem Knie.“ Vor sechs Tagen wurden die Fäden gezogen, Wesely baut schon wieder die Muskulatur auf.

Die „bedrückte Stimmung“ der ersten Tagen fühlt die Abwehrspielerin längst nicht mehr, an die Tristesse kann sie sich aber noch erinnern: Ihre Eltern Jutta und Herbert waren zu Besuch in Potsdam. Beim Abschied ermahnen sie ihre gerade wieder genesene Tochter: „Lass’ dir Zeit!“ Dann der nächste Tag, das erste intensive Training nach dem Wiedereinstieg. Die Bundesliga-Fußballerinnen verausgaben sich erst bei kräftezehrenden Pendelläufen, danach setzt Trainer Bernd Schröder eine Zweikampfübung an. „Ich habe mich gut gefühlt“, sagt Wesely im Rückblick. Die Trainingsform zieht sich und bei einer Drehbewegung im dritten Umlauf spürt die Gindericherin den Schmerz, den sie genau kennt. „Das war’s dann. Jetzt kannst du aufhören.“ Dunkle Gedanken schießen durch den Kopf.

Wesely kann die Situation gut einschätzen, denn 2009 riss das Kreuzband im linken Knie und im April dieses Jahres zog sie sich die gleiche Verletzung im rechten Knie zu. Zusammen mit ihrer Mitspielerin und besten Freundin Kristin Demann arbeitete die U 20-Weltmeisterin von 2010 akribisch in der Reha an ihrem Comeback: „Ich hatte den Ehrgeiz, in der Hinrunde noch einmal zu spielen.“ Die Ärzte gaben grünes Licht, doch dann riss eines der vier Sehnenbündel, die das lädierte Band zusammenhalten sollten. Zudem war das Innenband in Mitleidenschaft gezogen. „Vielleicht brauchte ich den Rückschlag, diesen Tritt in den Hintern, um dem Knie noch mehr Zeit zu geben“, überlegt Wesely laut.

Moderatorin von „Turbine zum Anfassen“

Die Gedanken ans Karriereende beschäftigen sie nicht mehr, denn „das möchte ich selber bestimmen“. Alle Konzentration gilt dem Heiligungsprozess, der Rückkehr auf den grünen Rasen. „Ich glaube, dass ich eine realistische Chance habe, wieder zu spielen.“ Es geht für die Studentin des Bachelors „Gesundheit, Sport und Prävention“ um viel: Ihr Drei-Jahres-Vertrag läuft im Sommer aus, seit dem Frühjahr konnte sie sich für keinen neuen empfehlen. Einen Tag vor ihrer Verletzung verriet Turbine-Geschäftsführer Mathias Morack, dass der Serienmeister auf jeden Fall mit der 1,78 Meter großen Defensivspielerin verlängern wolle. Nun liegen die Gespräche vorerst auf Eis. „Der Verein will natürlich schauen, ob ich nach der langen Pause wieder auf mein altes Niveau komme“, sagt Wesely.

Dies traut sich die gebürtige Weselerin zu, darum kämpft sie um eine Weiterbeschäftigung. „Inka engagiert sich und zeigt ihren Willen. Ich denke, Bernd Schröder sieht das“, vermutet Vater Herbert Wesely. Der schweigsame Erfolgstrainer wird registriert haben, dass die 21-Jährige während der Reha häufig beim Training vorbeischaute, kein Spiel verpasste und den Kontakt nie abreißen ließ. „Wer das nicht macht, der wird fallen gelassen“, sagt sie. Der 71-Jährige, der die Potsdamerinnen in der 41. Saison trainiert, wird Weselys Rolle in der Mannschaft gut einschätzen können: Die Abiturientin des Andreas-Vesalius-Gymnasiums spricht fließend Englisch und Französisch, sie ist das Bindeglied zwischen jungen und erfahrenen Spielerinnen im Team.

Und dann ist da ja noch die Sache mit der Radio-Sendung. Seit September moderiert Wesely die zweistündige Live-Show „Turbine zum Anfassen“ im Babelsberg Hitradio. Die wortgewandte und offene Frau führt Interviews mit Mitspielerinnen, gibt Fragen der Zuhörer weiter, erfüllt Musikwünsche - und erreicht so in Spitzenzeiten bis zu 23 000 Klicks. Man wird den Eindruck nicht los, dass Wesely in Potsdam eine zweite Heimat gefunden hat. „Als ich vor zweieinhalb Jahre dort hingekommen bin, war alles groß und neu. Aber man entwickelt sich ja auch menschlich weiter und baut viele Kontakte auf“, erzählt sie.

Das Mädchen vom Niederrhein möchte den Osten der Republik nur ungern wieder verlassen, auch wenn sie sagt: „Ich bin offen, woanders zu spielen.“ Ihre sportliche Zukunft ist mit der beruflichen verknüpft, denn im Herbst schreibt Wesely ihre Bachelorarbeit und blickt dann auf drei – trotz des großen Verletzungspechs – erfolgreiche Jahre in Potsdam zurück: Gleich zum Auftakt feierte sie als Stammspielerin ihren ersten deutschen Meistertitel und erreichte die Finalspiele in der Champions League und im DFB-Pokal.

Zum Wandern ins Zillertal

Auf dieses Niveau möchte sie zurückkehren, und der von einer beispiellosen Verletzungsmisere gebeutelte Tabellenzweite könnte eine ordnende Hand in der Abwehr gut gebrauchen. Vier Punkte Rückstand bei einem Spiel weniger weisen die „Turbinen“ gegenüber Spitzenreiter VfL Wolfsburg auf. In der europäischen Königsklasse kam das Aus bereits im Achtelfinale gegen Arsenal London, dafür steht im Halbfinale des DFB-Pokal das Kräftemessen mit dem FC Bayern München am 2. März an. Ein Termin, den sich Wesely im Kalender angestrichen hat. „Es ist möglich, bis dahin zurück ins Team zu kommen.“

Doch nun feiert die Gindericherin erst einmal zu Hause mit der Familie Weihnachten, trifft alte Freunde und fährt dann in den Skiurlaub ins Zillertal. Skiurlaub? „Ich habe mit meinem Physiotherapeuten abgesprochen, dass ich nur die Pisten hoch wandere“, beschwichtigt Inka Wesely. Sie will das Schicksal nicht herausfordern. Zwei Weihnachtsfeste genügen in diesem Jahr.

 
 

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