Frederike Koleiskis erfolgreicher Kampf zurück ins Leben

Frederike Koleiski mit ihrer Bronzemedaille, die sie im Kugelstoßen bei der WM der Behindertensportler in Doha gewann.
Frederike Koleiski mit ihrer Bronzemedaille, die sie im Kugelstoßen bei der WM der Behindertensportler in Doha gewann.
Foto: FUNKE Foto Services / Gerd Herma
Sie galt als Kugelstoß-Talent, ehe eine schwere Krankheit sie stoppte: Bei der WM der Behindertensportler kehrte Frederike Koleiski aber auf die Leichtathletik-Bühne zurück.

Wesel..  Die Deutsche Nationalhymne ertönt aus den Lautsprechern. Der Frust über den verpassten zweiten Platz ist plötzlich vergessen. Frederike Koleiski ist von diesem besonderen Moment ergriffen, kleine Tränen kullern ihr über das Gesicht. Ihre Mannschaftskollegen jubeln ihr von der Tribüne aus zu. Die 28-Jährige aus Wesel gewinnt an diesem Tag bei der Leichtathletik-Weltmeisterschaft für Behinderte in Doha im Kugelstoßen die Bronzemedaille. Auf dem Treppchen wird ihr schlagartig bewusst, dass sie sich nach endlosen Tiefschlägen erfolgreich ins Leben zurückgekämpft hat.

Sie verpasst bei dem Wettbewerb den zweiten Platz denkbar knapp. Das wurmt Koleiski zunächst. Schließlich ist der große Ehrgeiz eine Eigenschaft, die sie schon seit Kindheitstagen prägt und immer wieder antreibt. Selten ist sie mit ihren Leistungen zufrieden, wie Koleiski selbst zugibt. Sie stößt an diesem Mittwoch die Kugel auf 11,75 Meter. Eine Konkurrentin kommt exakt auf die gleiche Weite. Für die Platzierung wird daher der jeweils zweitbeste Stoß herangezogen. Und da hat die Chinesin Yue Yang mit zwei Zentimetern die Nase vorn.

Rekord hat immer noch Bestand

In den ersten Sekunden nach der Entscheidung fühlt sich die Bronzemedaille wie eine Niederlage an. Doch Koleiski hat in den vergangenen Jahren gelernt, Rückschläge wegzustecken und die positiven Dinge in den Vordergrund zu rücken. Es ist die Geschichte einer ambitionierten Athletin, die beklemmend ist und betroffen macht. Doch zugleich spendet sie Lebensmut sowie Hoffnung und zeigt, dass mit dem Zusammenhalt der Familie und der Glaube an sich selbst ganz viel zu erreichen ist.

Im Alter von 15 Jahren gewinnt Frederike Koleiski bei den Nordrhein-Meisterschaften im Kugelstoßen mit der Rekordweite von 14,50 Meter, die bis heute Bestand hat, den Titel. Es folgen die Berufung in den Bundeskader und zahlreiche gute Ergebnisse bei deutschen Jugend- und Junioren-Meisterschaften. Damals startet sie für den Weseler TV und wird vom heutigen Leichtathletik-Abteilungsleiter Manfred Frach trainiert. Nebenbei spielt sie noch Handball. Es zeichnet sich eine Karriere als Profi-Sportlerin ab. Doch 2009 beginnt die schwere Leidenszeit Koleiskis.

Sie wird nach einer Junioren-Meisterschaft von starken Rückenproblemen heimgesucht, die weitere Wettkämpfe unmöglich machen. Die Ärzte tappen zunächst im Dunkeln, versuchen mit Spritzen die Symptome zu behandeln. Zwei Jahre später, an einem Morgen in Mai in Dortmund – Koleiski hat dort ein Sport- und Mathematikstudium auf Lehramt begonnen – kann sie plötzlich den rechten Fuß nicht mehr bewegen, knickt beim Aufstehen um. Ihr Hausarzt vermutete einen Schlaganfall, ein Neurologe glaubt an eine Beschädigung der Nerven im rechten Bein.

Sie vertraut sich schließlich einem Sportmediziner an, dessen Arbeit sie seit ihrem 14. Lebensjahr schätzt. Er erkennt bei einer Untersuchung eine starke Beschädigung des Rückens und verweist sie an ein Krankenhaus in Essen. Dort wird sie fünf Tage lang von Kopf bis Fuß untersucht. Die Ärzte machen einen Bandscheibenvorfall, der das Rückenmark gequetscht habe, als Ursache für die Lähmung des Fußes aus. Sie wird operiert, anschließend folgt eine Reha in Bad Driburg.

Doch die Operation bringt nicht den erhofften Erfolg. Im Gegenteil: Während der Reha spürt Koleiski plötzlich Beeinträchtigungen im linken Fuß. Es geht zurück ins Krankenhaus nach Essen. Dort wird eine Autoimmunerkrankung der Nervenwurzeln (Polyneuropathie) der Brustwirbelsäule festgestellt. Zudem drücken Wirbelkörper, die einen Knick gebildet haben, erneut aufs Rückenmark. Es folgt eine aufwendige, siebenstündige Operation, ohne die Koleiski wahrscheinlich im Rollstuhl sitzen würde.

Die OP gelingt, die Folgen sind dennoch schwerwiegend. Sie ist halbseitig querschnittgelähmt, einige Nerven von Organen können nicht angesteuert werden. Der rechte Fuß ist gelähmt. Sie kann nur mit einer Schiene laufen, die das Bein stützt. Die Muskulatur ist in vielen Körperbereichen erschlafft. Beinahe zwei Jahre pendelt sie zwischen Krankenhaus und Reha-Orten. Koleiski leidet nicht nur an den körperlichen Folgen, auch ihr Seelenleben gerät durcheinander.

In dieser schweren Zeit weiß sie die Familie und enge Freunde stets an ihrer Seite, die sie durch das dunkle Tal führen. Aus diesem engen Zusammenhalt schöpft sie Kraft und Lebensfreude. 2013 beginnt für Koleiski eine neue Zeitrechnung, sie erhebt wieder den Kopf und richtet den Blick optimistisch in die Zukunft. Sie erwirbt die Lizenz als Leichtathletik-Trainerin und arbeitet seither mehrmals wöchentlich mit vielen Kindern bei Eintracht Duisburg. „Das tut mir richtig gut“, sagt sie.

Ende vergangenen Jahres der endgültige Wendepunkt: Eher unbedarft greift Koleiski im Trainingslager für die Kids in Paderborn zu ihrem „Lieblingsgerät“, der Kugel und stößt sie ein paar Meter weg. Sie spürt, dass ihr Körper der Belastung standhält. Sie trainiert anschließend wieder regelmäßig, besucht bis zu vier Mal die Woche ein Fitnessstudio. Da ist er also wieder, der große Ehrgeiz, der sie antreibt, ihre Ziele zu erreichen. Neben dem Kugelstoßen übt sie – wie früher auch – noch Diskuswerfen aus und schafft für beide Disziplinen im Laufe der Saison die Norm für die Weltmeisterschaft in Doha. Mit dem Diskus verpasst sie in Doha als Vierte eine Medaille nur knapp.

Seit drei Semestern studiert Koleiski neben dem Sport an der Fernuniversität in Hagen Psychologie, noch vier sollen bis zum Abschluss folgen. Ein ambitioniertes Vorhaben. „Damit ich meine Schützlinge in Wettkampfsituationen besser mental zur Seite stehen kann“, sagt die 28-Jährige mit einem Lächeln im Gesicht. Sie braucht diese fordernde, geistige Tätigkeit als Ausgleich.

Europameisterschaft in Italien

Der Terminkalender für das Jahr 2016 ist pickepackevoll. Im Juni stehen die Europameisterschaften in Grosetto (Italien) an. Im September möchte Koleiski sich einen Kindheitstraum erfüllen. Dann finden die Paralympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro statt. Dafür will sie sich qualifizieren, allerdings im Diskuswerfen, weil Kugelstoßen dort nicht als Disziplin ausgetragen wird. Natürlich wird sie sich akribisch darauf vorbereiten. So ist sie eben. „Wenn schon Olympia nicht klappen kann, dann will ich bei den Paralympics antreten“, so Koleiski.

Und sollte in Brasilien dann die deutsche Nationalhymne durch die Lautsprecher dröhnen und Frederike Koleiski auf dem Treppchen stehen, würde sie sich vermutlich unter dem Applaus der Zuschauer erneut die Tränen von der Wange wischen. Das ehrgeizige Kämpferherz wäre dann am Ziel.

 
 

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