Wir sind die Oper des Sports

Recklinghausen. Aus dem Teenageralter ist das Marktplatzspringen längt raus. Am Freitag macht der Höhepunkt der Recklinghäuser Woche des Sports die 30 voll. Zeit für eine Krise? Keineswegs.

Auch wenn Organisator Hans Timmermann jedes Jahr aufs neue anmerkt, dass es immer schwieriger wird Sponsoren zu finden und damit eben auch schwieriger, gute und sehr gute Athleten nach Recklinghausen auf den Altstadtmarkt zu locken. 2011 ist das so. 1982 war das nicht anders. In diesem Jahr begründete das Marktplatzspringen seinen immer noch gültigen Titel, die „Mutter“ aller ähnlichen Innerstädtischen-Veranstaltungen zu sein.

1982. Da hatte auch diese „Mutter“ noch Kinderschuhe an und alles war ein Abenteuer. Eins, das Günther Lohre nicht scheute. Er war zu der Zeit der beste deutsche Stabhochspringer, gewann in seiner Laufbahn 19 Deutsche Meistertitel, nahm an Olympia teil. Er folgte Timmermanns Ruf. Er gewann die Premiere. Er gewann auch in den beiden Folgejahren. Er versucht auch immer noch mal vorbeizuschauen. WAZ-Redakteur Markus Rensinghoff fragte ihn, ob es diesmal klappt, wie es damals war und wie es um die Leichtathletik in Deutschland und überhaupt bestellt ist. Lohre ist inzwischen schon etliche Jahre Ehrenamtler und inzwischen Vizepräsident des Deutschen Leichtathletik-Verbandes.

Auch 1982 gab es schon für den Sieger des Marktplatzspringens einen Silberbarren. Haben Sie Ihren noch?

Ja. Und bei den Silberpreisen bin ich froh, dass es so ist.

Schaffen Sie es in diesem Jahr nach Recklinghausen?

Leider nicht. Ich habe so viele Termine, bin mit meinem Job als selbstständiger Berater für Business Development und als Ehrenamtler voll ausgelastet.

Sie waren bei der Premiere dabei, gewannen. Erinnern sie sich noch daran?

Natürlich. Das ist die Mutter aller Außer-Stadion-Veranstaltungen und ich finde gut, dass es sich so lange gehalten und stolz darauf, dabei gewesen zu sein und meine Spuren dort hinterlassen zu haben. Das war damals der richtige Schritt und hat danach Schule gemacht. Jetzt gibt es eine aktive Szene, die kreativ ist, intensiv arbeitet. Ich stand schon damals hinter dem Konzept.

Wie waren seinerzeit die Bedingungen?

Schwierig! Es lag nur ein Läufer, noch nicht so ein Anlauf-Steg, der mit einem Laser vermessen wird. Der Anlauf fiel nach hinten schräg rechts ab. Da musste man die letzten Schritte ein bisschen anders als gewohnt setzen, man musste die Balance halten, weil man jede Abweichung merkt. Aber das war klasse. Ich fand es wahnsinnig gut. Die Zuschauer waren ganz nah dran. Dadurch gab es eine gute Stimmung. Das hatte Atmosphäre. Jetzt ist ja schon mehr eine Sportstätte geworden mit Tribüne und Geländer. Es bleibt dennoch einfach und ursprünglich.

Als besondere Attraktion und Lockmittel gab es damals auch Sprünge über einen Wohnwagen. Haben Sie das auch gemacht?

Nein. Ich hatte nicht die Zeit dazu, mich darauf vorzubereiten.

Sie als Vizepräsident des DLV können das beurteilen. Wie geht es der Leichtathletik im Lande des König Fußball?

Fußball ist Fußball, Leichtathletik ist Leichtathletik. Die Sportarten sind von ihren Elementen her sehr unterschiedlich. Fußball ist ganz nahe dran am Thema Unterhaltung. Wo nicht jede Leistung gemessen wird, ist es leichter. Die Leichtathletik steht unter einem enormen internationalen Druck. Sie ist eine Welt umspannende Sportart. Permanent der Beste zu sein ist schwer und es ist schwer, sich da durchzusetzen. Da muss man schon sehen, dass man sich behauptet. Wissen Sie, ich habe in meinem Leben ganz viele Fußballspiele live gesehen. Das Verhältnis zwischen spannend und langweilig war fünfzig zu fünfzig. Aber die Medien machen auch aus schlechten Spielen nachträglich noch spannende, schneiden die besten Szenen zusammen. Bei der Leichtathletik kann man nicht jede Woche Weltklasse-Leistungen bringen. Das geht nur bei den Saisonhöhepunkten, also zwei, drei mal im Jahr. Wir sind die Oper des Sports. Wir kosten Geld, haben aber eine andere Zielrichtung.

Von den Leichtathleten wird bemängelt, dass das Fernsehen zu wenig zeigt.

Man muss deutlich sagen, dass es da eine Produktisierung gibt. Über Fußball wird mehr als ausgiebig berichtet, über die Formel 1, jetzt wieder ein bisschen über Tennis, weil da deutsche Frauen wieder sehr gut sind. Früher gab es in der Sportschau Sport zu sehen. Jetzt eben nur noch Fußball.

Fehlen der Leichtathletik die Typen?

Wir haben interessante junge Leute, die super sympathisch sind. Die machen neben dem Hochleistungssport auch noch eine Berufsausbildung oder beenden ihr Studium in Regelstudienzeit. Ich finde, wir haben tolle Leute. Aber ich verstehe, dass man das relativ wenig mitbekommt. Der Leichtathletik fehlt die Reichweite. In Zeiten, in denen der Arschbomben-Wettbewerb oder eine Ohrfeige für Manuel Neuer wichtiger ist, ist das schwierig. Ich weiß nicht, ob es an den Redakteuren liegt, dass über die Leichtathletik so wenig berichtet wird. Es ist aber nichts, wo ich sage, dass ich traurig darüber bin. Natürlich hoffe ich auf wieder bessere Zeiten.