Ein Hauch von Hoppegarten

Dorsten. Vieles aus der sogenannten wilhelminischen Zeit lässt uns heute schmunzeln, und in Dorsten wird man ungläubig den Kopf schütteln, wenn man davon hört, dass es einst ernsthafte Bestrebungen in der Lippestadt gab, Dorsten zu einer Metropole des Pferderennsports zu machen.

Es gibt historische Beweise dafür, dass bereits gegen Ende des 19. Jahrhundert in den Lippeauen Pferderennen ausgetragen wurden. Allerdings hatten diese Rennen wohl eher den Charakter von wilden Rennen, und es ist auch nichts darüber überliefert, ob es Wetten zu diesen Rennen gab. Überliefert und belegt ist hingegen die Existenz des Rennplatzes in Dorsten, der offiziell im Jahre 1907 zum Rennen lockte. Der Dorstener Rennsportverein, über den auch keine konkreten Beweise mehr existieren, veranstaltete im Frühjahr 1907 einen Renntag, mit dem erstmals ein Pferderennen in Dorsten dokumentiert wird. „Eigentlich gehörte diese Gemarkung zu Hervest und nicht mehr zur Stadt. Erst später nach dem Bau des Kanals wurde das Gelände, auf dem die Villa Keller steht und die Galopprennbahn war, „Dorstener Gebiet“, sagt Walter Biermann, der sich mit der Geschichte einer längst vergessenen Sportstätte auseinander gesetzt hat.

Fakt ist, dass der Rennverein damals im Trend lag. Man genoss im Kaiserreich und auch in Dorsten den Wohlstand, den eine steile wirtschaftliche Entwicklung beschert hatte. Dabei war der Dorstener Rennverein einer von vielen im nördlichen Ruhrgebiet. Allerdings hatte der Vorstand um Herrn Schürholz und Herrn Lappe Geld in die Hand genommen und eine kleine Tribüne gebaut. Hier ließ man sich sehen und dort war auch in einem Zelt der Totalisator, also die Wettberechnungsmaschine. Per Telegramm wurden Ergebnisse der Rennbahnen aus Mülheim und aus dem Berger Feld in Gelsenkirchen übermittelt. Über Wettsummen oder Preisgelder sind keine Unterlagen mehr zu finden.

Allerdings wurde die feine Gesellschaft Dorstens durch schriftliche Einladung zum Rennplatz gebeten. „Das Einladungsschreiben ist ein Spiegel der Zeit. Verschraubte Rhetorik und Standesdünkel. So wie man sich das zu Kaiserzeit vorstellen muss“, sagt Walter Biermann, der jetzt das letzte Zeugnis der alten Rennbahn ausfindig gemacht hat. Ein Sandsteinpoller, der den Lippekilometer 147 markierte, ist der Fluchtpunkt für die Rennbahn gewesen. Wie endete dieses mondäne Vergnügen in Dorsten?

Während des ersten Weltkrieges wurde die Tribüne in eine Baracke umgebaut und es wurde eine Feldfliegerschule errichtet. Der Dorstener Emil Damm erlernte die Fliegerei. Später vermachte er den Segelfliegern einen Holzpropeller mit dem Staffelabzeichen dieser Einheit, der auf dem Flugplatz zu besichtigen ist. Nach dem ersten Weltkrieg fand auf dem Gelände des Rennplatzes noch im Jahre 1919 ein Flugtag statt, doch Pferderennen gab es nicht mehr. „Dort, wo die Rennbahn lag, wurde der Kanal gebaut. Ab 1923 verwandelte sich dort das Landschaftsbild von Dorsten vollständig, so dass alle Spuren dieses Pferdesportplatzes verschwunden sind. Der Rennverein löste sich auf, denn in den unruhigen Zeiten der 1920er Jahre gab es wichtigere Dinge zu erledigen, als das knappe Geld beim Galopprennen zu verspielen“, sagt Walter Biermann.

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