SKV jubelt nach Turn-Thriller

Einmal mehr die Präzision in Person: Jonas Rohleder, hier bei seiner Reckübung.
Einmal mehr die Präzision in Person: Jonas Rohleder, hier bei seiner Reckübung.
Foto: Lutz Großmann
  • Dramatik beim 40:39 bei der KTV Obere Lahn
  • Sebastian Bock der umjubelte Held
  • SKV legt am Boden 14:0-Punkte vor

Biedenkopf.  Als Sebastian Bock seine Reckübung im sicheren Stand zu Ende bringt, ballt er die Faust, streckt triumphierend die Arme aus und kann sich vor anerkennendem Schulterklopfen der gesamten Turn-Mannschaft der Siegerländer KV kaum retten. Das muss es doch mit dem Sieg im ultimativen Wettkampf beim Rivalen KTV Obere Lahn um den Einzug ins „kleine Finale“ am 3. Dezember in Ludwigsburg sein.

Dann geht Andrey Likhovitskiy ans Gerät. Es ist die letzte Übung an diesem lange in Erinnerung bleibenden Abend in der mit 1426 Zuschauern ausverkauften Sporthalle der Lahntalschule in Biedenkopf. Kann der Weißrusse, gerade von einer Verletzung genesen, die Kohlen für die KTV noch aus dem Feuer holen? Er muss überragend turnen, um die für den Sieg notwendigen fünf Scorepunkte zu bekommen. Und Likhovitskiy spult seine Kür in überragender Manier ab, meistert alle Schwierigkeiten, wirbelt im hohen Bogen durch die Luft und landet wie festgemeißelt auf der Matte.

Die Begeisterung der KTV-Anhänger bordet über, nähert sich der Lärmpegel dem eines packenden Handballspiels. Auch Likhovitskiy wird von seinen Kollegen bestürmt, fast zu Boden gerissen. Dann die Wertung: 14,70 Zähler, aber nur vier Scorepunkte. Das reicht nicht, denn es heißt am Ende 40:40. Unfassbar! Lähmendes Entsetzen in den KTV-Reihen, grenzenloser Jubel wenige Meter weiter im SKV-Block. Sebastian Bock wird auf Händen getragen. Er hat dem Druck stand gehalten und in dieser außergewöhnlichen Situation die Nerven bewahrt. Der Aufsteiger gewinnt zwar nur zwei Geräte, aber den Wettkampf nach Scorepunkten sogar mit 40:39, weil Sportlicher Leiter Heinz Rohleder beim Kampfgericht interveniert, Kanji Oyamas Reckübung noch nach oben korrigiert wird und das Duell gegen Jakob Paulicks damit 0:0 endet.

Boden

Wohl kaum jemand in der Halle hätte gedacht, dass gleich die erste Disziplin, das Bodenturnen, von besonderer Bedeutung sein würde. Die SKV unterstrich nämlich hier ihre Dominanz, aber ein 14:0 war schon ein starkes Stück. „Da haben wir zu viel eingebüßt“, sagte Albert Wiemers, Sportlicher Leiter der KTV Obere Lahn. Artur Davtyan und Lasse Gauch mussten sogar die Matte verlassen. Youngster Moritz Müller wurde zum ersten Mal am Boden eingesetzt. Das SKV-Quartett turnte dagegen souverän, allen voran Routinier Matthias Fahrig.

Pferd

Fabian Lotz brach mit „einer meiner besten Übungen in diesem Jahr“ und einem 4:0 gegen Daniel Uhlig den Punkte-Bann für die Obere Lahn, aber nach weiteren drei Paarungen hatten die Gastgeber dieses Zittergerät „nur“ mit 8:5 geholt. Gut für die SKV waren die zwei Punkte des 17-jährigen Lucas Herrmann gegen Jakob Paulicks, der für den erkrankten Sebastian Quensell eingesprungen war.

Ringe

Die KTV musste auf Nick Klessing, der wenige Stunden zuvor beim „Turnier der Meister“ in Cottbus mit Platz drei an den Ringen geglänzt hatte, verzichten – eine Schwächung für die Hinterländer, denen aber die starken Übungen von Jasper Vennemann und Artur Davtyan, der Philipp Herder drei Scorepunkte abnahm, reichten, um die SKV zu bezwingen. Deren belgischer Ringe-Spezialist Dennis Goossens konnte es trotz 14,80 Punkten nicht mehr rausreißen. Zur Halbzeit war das SKV-Polster damit auf 24:15 geschrumpft.

Sprung

Zwar begeisterte der Armenier Artur Davtyan mit der einzigen 15er-Wertung, aber in den weiteren Duellen dominierte die SKV – musste sie auch, um die Chance auf den Gesamtsieg zu wahren. Philipp Herder und Sprung-Wunder Matthias Fahrig machten ihr Ding, aber das Kanji Oyama gegen Fabian Hambüchen vier Scorepunkte holen würde, hatte niemand auf der Rechnung. Hambüchen stürzte sogar, erhielt trotzdem 13,20 Punkte – ein Olympiasieger-Bonus, der die SKV-Verantwortlichen die Zornesröte ins Gesicht trieb. Nicht auszudenken, hätte diese Fehleinschätzung der Kampfrichter am Ende über Sieg und Niederlage entschieden.

Barren

Artur Davtyan rundete seinen guten Wettkampf mit drei Scorepunkten gegen Sebastian Bock ab. Philipp Herder glich, mit den letzten Tropfen Sprit im Tank, gegen Lasse Gauch nur zum 3:3 aus. Ein mit Flugelementen wie am Reck turnender Kanji Oyama legte zwei Zähler gegen Jakob Paulicks nach, aber die KTV hatte ja noch Fabian Lotz in petto, der dem jungen Lucas Herrmann vier Punkte abluchste und sein Team damit vor dem finalen Durchgang auf 26:40 heranbrachte.

Reck

Es ging ans Reck, es ging in die Entscheidung, es ging ans Eingemachte. Würde sich die SKV ins Ziel retten? Oder gelingt der KTV doch noch die Wende? Legte man die Ausgangswerte zugrunde, waren rund 15 Scorepunkte für die Gastgeber nicht unrealistisch. An seinem Gold-Gerät von Rio legte Fabian Hambüchen standesgemäß und eingeplant fünf Punkte gegen Tim Leibiger, der die Stange nicht zu fassen bekam und absteigen musste, vor. Elegant wie eh und je turnte der Deutsche Hochschulmeister 2016 am Reck, Jakob Paulicks, aber Kanji Oyama, beileibe kein Reck-Spezialist, konterte, holte ein (nachträgliches) 0:0 – gut für die SKV. Fabian Lotz verkürzte mit vier Scorepunkten gegen Jonas Rohleder, der sich beim Abgang einen Ausfallschritt leistete, auf 35:40. Der Turn-Thriller in Biedenkopf steuerte seinem Höhepunkt entgegen.

Sebastian Bock, in diesem Jahr von Blessuren und Krankheiten, Höhen und Tiefen, geplagt, musste die Sache für die SKV jetzt klar machen, turnte 13,35 Punkte und setzte Andrey Likhovitskiy damit unter noch größeren Druck. Dem hielt der Weißrusse zwar stand, aber am Ende eines mitreißenden Wettkampfes mit allem, was ein Turnerherz höher schlagen lässt, jubelte der Nachbar aus dem Siegerland.

 
 

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