Einer für die große Bühne

Das Nachwuchstalent ist schon als Jugendlicher europaweit erfolgreich. - vl. Ramon Logisch (Trainer), Maurice Nellesen und Andreas Maslanka (Trainer und Manager). Foto: Tom Thöne / WAZ FotoPool
Das Nachwuchstalent ist schon als Jugendlicher europaweit erfolgreich. - vl. Ramon Logisch (Trainer), Maurice Nellesen und Andreas Maslanka (Trainer und Manager). Foto: Tom Thöne / WAZ FotoPool
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Kickboxer Maurice Nellesen hat das Talent, die Dynamik und den Charakter für die Spitze.

„Den werden wir mal im Fernsehen sehen, er hat das Zeug dazu“, loben Trainer ihre Schützlinge mitunter über die Maßen. Oft geht der Schuss nach hinten los. Im Fall von Maurice Nellesen ist das Lob von Andreas Maslanka aber nicht weit hergeholt, denn nach der deutschen Jugendmeisterschaft und dem Europameistertitel im Kickboxen wäre alles andere wohl Tiefstaplerei.

Der 19-Jährige mit ghanaischen Wurzeln fing mit sieben Jahren mit Taekwondo an und erreichte nur vier Jahre später den schwarzen Gurt. „Das wurde mir schnell zu langweilig, ich wollte unbedingt kämpfen“, erklärt er den Wechsel zum Kickboxen mit elf Jahren. Auch Fußball hat er bis vor einem Jahr noch gespielt, „aber meine Eltern wollten, dass ich lerne, mich zu verteidigen. Die dachten, dass ich wegen meiner Hautfarbe irgendwann gehänselt werden könnte“, erzählt er über seinen Start in den Kampfsport.

Mittlerweile betreibt er nur noch das Kickboxen, denn „für mehr hätte er auch gar keine Zeit. Er würde gerne alles machen, aber irgendwann geht die Arbeit vor“, berichtet Vater Horst über sein Pflegekind. Maurice kam mit drei Monaten zu seiner jetzigen Familie, deren Namen er im Ring gerne und stolz vertritt. Kontakt zu seinen leiblichen Eltern hat er aber immer noch.

Wer jetzt im Ring einen Schläger, auf dem Platz einen beinharten Verteidiger und im Beruf einen angehenden Maler und Lackierer erwartet, muss alle Klischees abschütteln. Maurice Nellesen macht eine Ausbildung zum Sozialversicherungsfachangestellten bei der Knappschaft, war auf dem Fußballplatz ein dynamischer Dribbler mit gutem Abschluss und Übersicht und ist im Ring ein disziplinierter und cleverer Kämpfer. „Disziplin ist das Wichtigste, du kannst ja nicht einfach drauf los schlagen“, erzählt Nellesen.

Knie wie Messer

Neben der Disziplin hat er aber auch noch eine andere Stärke: „Maurice hat einen unglaublich festen Tritt. Selbst wenn wir mit Schonern mit ihm trainieren, haben wir am Ende blaue Flecken“, erzählt Maslanka, Manager und Inhaber von „Athletics Sport“ an der Max-Eyth-Straße. Er begleitet den jungen Kämpfer nun schon seit acht Jahren. „Er ist pfeilschnell, hat lange Beine und seine Knie sind wie Messer“, schwärmt Maslanka und ergänzt: „Trotz seiner Behinderung hat er ein riesen Potenzial.“

Der Chef des Fitnessstudios spricht damit von der Behinderung Nellesens, bei der sich durch das so genannte Poland-Syndrom der rechte Brustmuskel nicht entwickeln konnte und auch die rechte Hand nur teilweise ausgebildet ist. Eine Schwächung, oder Belastung? „Ich schlage mit rechts manchmal sogar häufiger, mich belastet das überhaupt nicht“, geht der 19-Jährige ganz locker mit dem Handikap um. Im Ring hat er sowieso nicht die Zeit, über solche Kleinigkeiten nachzudenken. „Da geht es um einen festen Plan, den ich umsetzen muss. Zwar kann ich nicht den gesamten Kampf im voraus planen, aber ich muss auf jede Situation reagieren können.“

Auf den Punkt fit

Dafür sorgen vor allem die Coaches Ramon Logisch und Maslanka, bei denen er zusammen mit 19 anderen aktiven Kämpferinnen und Kämpfern auf den Schlagabtausch im Ring vorbereitet wird. „Die müssen auch jederzeit für mich kämpfen“, erzählt Maslanka. Was sich zunächst wie Bevormundung anhört, erklärt sich ganz einfach: „Ich bekomme Mittwochabend einen Anruf, dass für Samstag ein Event geplant ist und ein Kämpfer gebraucht wird. Dann handele ich die Gage aus und dann müssen die Jungs und Mädels auf den Punkt fit sein.“ Ausnahmen sind natürlich möglich, wenn die Kämpfer krank werden oder ein Geburtstag ansteht - „das berücksichtige ich aber schon vorher.“

„Wie ein Spiel“

Im Ring stehend geht es dann aber nur noch um den Sieg. „Ich merke die Schläge und Tritte erst nach dem Kampf. Im Ring schießt das Adrenalin durch den Körper und ich muss trotzdem die Ruhe bewahren und auf den Fehler des Gegenübers warten. Das ist wie ein Spiel.“ – ein Spiel, das Maurice Nellesen beherrscht wie kaum ein Anderer. Daher ist es nur logisch, wenn er nach dem Titel auf deutscher und europäischer Ebene als nächstes Ziel den Weltmeistertitel nennt.

 
 

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