Und abends in der Sportschau

Offensivmann mit Torinstikt: Wolfgang „Kröller“ Dedic machte einst für den VfB Kleve die gegnerischen Strafräume unsicher. (Archivfoto: Kurt Michelis / Repro: Heinz Holzbach)
Offensivmann mit Torinstikt: Wolfgang „Kröller“ Dedic machte einst für den VfB Kleve die gegnerischen Strafräume unsicher. (Archivfoto: Kurt Michelis / Repro: Heinz Holzbach)
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Oliver Kahn ist für seinen übersteigerten Ehrgeiz bekannt. So wird der Torwart auch einst in den Freundschaftskick beim VfB Kleve hochmotiviert gegangen sein. Es war im Juli 1994, Kahn kam gerade vom Karlsruher SC zu den Münchner Bayern und stand im Gustav-Hoffmann-Stadion zwischen den Pfosten. Er konnte die Sonne bei über 30 Grad genießen, sein Team führte früh mit 3:0– bis Unglaubliches geschah.

Kleve.. Auf dem rechten Flügel setzte ein leicht untersetzter Spieler zum Sprint an, nahm Maß und zimmerte den Ball in den Giebel. Unhaltbar. Nun machte auch Kahn Bekanntschaft mit einem Spieler, der am Niederrhein schon zuvor Kultstatus genoss: „Kröller“ Dedic.

Eigentlich steht im Personalausweis Wolfgang, doch den richtigen Vornamen kennt kaum jemand. „Als Jugendlicher hatte ich kröllige Haare und schon erhielt ich den Spitznamen“, erklärt der gebürtige Klever. Neben der ­Lockenpracht hatte ihm der liebe Gott noch Schnelligkeit und Torinstinkt geschenkt, und deshalb machte Dedic bald Karriere. Horst „Pille“ Gecks entdeckte das Talent und gab seinen alten Spezies vom MSV Duisburg einen heißen Tipp. So wechselte Dedic als B-Jugendlicher an die Wedau. „Ich hatte auch ein Angebot vom NEC Nimwegen. Da hätte ich viel Geld verdienen können. Ich wollte aber weiter in den Auswahlmannschaften bleiben und dafür musste man damals in Deutschland spielen“, begründet Dedic seine Entscheidung.

Bei den Zebras avancierte er zum Stammspieler. Und dann klingelte eines Samstags, es war der 6. März 1982, sein Telefon. „Ein Betreuer war dran und hat gesagt, ich soll meine Tasche packen und nach Frankfurt kommen“, erzählt Dedic. Bei der Profitruppe war ein Spieler kurzerhand ausgefallen, der Nachwuchsmann musste einspringen. Also fuhr „Kröller“ Dedic mit seinen Geschwistern von Kleve aus nach Frankfurt. Dort gab’s das komplette Profi-Programm: Einchecken im Sheraton-Hotel, Massage, Teambesprechung mit Trainer Kuno Klötzer. Die Bundesliga-Partie im Waldstadion sah der 18-Jährige zunächst von der Bank aus, in der 71. Minute betrat er für Roland Wohlfahrt den Platz. Vier Minuten später gab es auch beim Gegner einen Wechsel im Angriff – ein gewisser Joachim Löw kam ins Spiel. „Zwei Chancen habe ich vergeben“, erinnert sich Dedic. Sein Team verlor mit 1:4, wenigstens durfte sich der Jungspund später in der ARD-Sportschau bewundern.

Angebote aus Essen und Homberg

Ein weiterer Kurzeinsatz folgte zwei Monate später: Gegen Darmstadt 98 durfte Dedic für 18 Minuten im Wedau­stadion ran. „Da waren wir leider schon abgestiegen, und deshalb haben ich und andere Spieler auch keinen neuen Vertrag bekommen“, berichtet der Angreifer. Gute Angebote gab’s trotzdem: Zweitligist Rot-Weiss Essen oder der VfB Homberg buhlten um Dedic‘ Gunst. Und was machte der Umworbene? Ging zurück zum VfB Kleve – in die Bezirksliga. „Das war vielleicht ein bisschen dämlich“, gibt „Kröller“ Dedic heute zu. Er verzichtete auf gutes Geld und sportliche Perspektive, um mit seinen alten Kumpels zu spielen. Fortan blieb er dem Niederrhein treu, ging zwischendurch jeweils eine Saison für den 1. FC Bocholt (Oberliga) und Eintracht Emmerich auf Torejagd.

Auch eine kurze Stippvisite beim Klever Sportclub weist Dedic‘ Vita auf. „Ich wollte ein Jahr mal mit meinem älteren Bruder zusammen spielen“, lautete der Grund. Wilfried Dedic war nämlich „blaublütig“ und so machten die Brüder auf dem Bresserberg gemeinsame Sache. In dieser einen Saison jubelten den Fans auf dem legendären „Promille-Hügel“ auch dem jungen Dedic zu. Ansonsten feindeten sie ihn an, wenn der VfB-Angreifer dem Sportclub mal wieder reichlich eingeschenkt hatte.

Mit Kontertaktik bei Verbalangriffen

Heute ist Dedic, der als Fahrer und Lagerist beim Logistiker Prowerb seine Brötchen verdient, häufiger als Zuschauer auf dem Bresserberg. Mit Kritik hält er sich nicht zurück. „Das Niveau hat ganz schön nachgelassen“, sagt der 48-Jährige. Oft führt er Gespräche über die gute, alte Zeit. „Du hast auch nichts aus deinem Talent gemacht“, hört Dedic dann oft genug. Bei solchen Verbalangriffen setzt er sofort die Kontertaktik ein: „Ich habe es fußballerisch doch geschafft.“ Bundesliga-Minuten hat nun mal nicht jeder Klever Zuschauer vorzuweisen.

Mit dem aktiven Fußball hat Dedic mittlerweile abgeschlossen. In der Altherren-Truppe des VfB Kleve vermisste er den nötigen Ehrgeiz, also hörte er in diesem Jahr auf. „Da gehe ich lieber mit meiner Frau ins Fitnessstudio“, erzählt der Klever.

Vor kurzem holte ihn die Vergangenheit ein. „Da habe ich Autogrammpost bekommen“, sagt Dedic. Und es gab noch mehr Sammler, denen noch ein echter „Kröller“ in ihrer Kollektion fehlte. Also fertigte der Torjäger a.D. ein paar Karten an – mit einem alten Foto im MSV-Dress. Wer weiß, vielleicht formuliert auch Olli Kahn demnächst einen Autogramm-Wunsch an seinen einstigen Bezwinger.

 
 

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