Was für ein Fußballer...

Portrait einer kurzen Karriere: Lutz Gerresheim, gestorben 10. 03. 1980
Portrait einer kurzen Karriere: Lutz Gerresheim, gestorben 10. 03. 1980
Foto: Archiv Ralf Piorr
Ein tragischer Unfall beendete ein Herner Fußball-Märchen, noch ehe es richtig begann. Lutz Gerresheim, hochtalentierter Westfalia-Stürmer der Goldin-Ära, verunglückte am Mittwoch vor 31 Jahren und starb wenig später.

Mitte der 1970er Jahre in Horsthausen. Die Spielervermittler reichen sich im Haus der Familie Gerresheim die Klinke in die Hand. Insbesondere Schalkes Präsident Günter „Oskar“ Siebert will Lutz Gerresheim, das schillernde Nachwuchstalent aus dem Herner Norden, unbedingt ködern, aber der junge Stürmer bleibt seinem Heimatverein Westfalia Herne treu. Auch aufgrund des Zuspruchs von Vater Karl-Heinrich.

Im Trikot des SCW wird der junge Stürmer zum 22-fachen Jugendnationalspieler und zum Stammspieler in der Zweiten Bundesliga. „Als Kröte begleitete uns Lutz mit der Westfalia-Fahne in der Hand zu Auswärtsspielen, und plötzlich stand er mit uns gemeinsam auf dem Platz“, erinnert sich Lothar Matuschak, damals im Kasten des „SC Westfalia Goldin Herne“. Nach der Meinung des heutigen Torwarttrainers der Schalker Jugendabteilung hätte Gerresheim unbedingt das Zeug für eine Bundesliga-Karriere gehabt: „Er war ein Vollblut-Fußballer, der technisch alles hatte und im Zweikampf auch einstecken konnte.“ Ein Urteil aus berufenem Munde, schließlich ist Matuschaks bekanntester Schüler Nationaltorhüter Manuel Neuer.

Auch außerhalb des Fußballplatzes läuft für Gerresheim alles glänzend. Mäzen Erhard Goldbach sponsert ihm einen Ausbildungsplatz als Groß- und Einzelhandelskaufmann im „Goldin“-Imperium. In Sachen Bundeswehr wird er freitags „ausgemustert“ und bestreitet einen Tag später ein Bundesligaspiel. Mit seinem fransigen Pagenschnitt und seinem kecken Auftreten zieht er im Stadion und in der Disco die Aufmerksamkeit auf sich und gilt in den Straßen Hernes fast als Star, was Team-Kollege Lothar Matuschak bestätigt: „Er war ein Sonnyboy und wusste um seine Ausstrahlung.“

Die Idylle endet erst, als im Juli 1979 die Steuerfahndung anrückt und das Goldin-Tankstellen-Imperium auffliegt – mitsamt aller Bundesligaträume am Schloss Strünkede. Gerresheim versucht nun, an der Castroper Straße beim Erstligisten VfL Bochum Fuß zu fassen. Bis zu jenem 26. Januar 1980. In dieser Samstagnacht gerät der junge Profi auf der Rückfahrt von einem Mannschaftsbankett mit seinem grünen BMW 525 auf der spiegelglatten Bochumer Universitätsstraße ins Schleudern und prallt gegen einen Betonpfeiler. Aus dem Wrack seines Wagens können sowohl er als auch seine Begleiterin befreit werden. Gerresheim wird von den Helfern bis zum Eintreffen des Notarztwagens auf den Seitenstreifen gelegt. Eine fatale Entscheidung, denn während der laufenden Bergungsarbeiten gerät ein weiterer PKW auf der Eisplatte ins Schleudern und schlittert in den ungeschützten Körper des jungen Fußballers. Hier erleidet Gerresheim seine fatalen Verletzungen.

Im Knappschaftskrankenhaus Langendreer diagnostizieren die Ärzte zahlreiche Brüche, einen Lungenriss und eine Gehirnquetschung. Spekulationen über Alkohol und überhöhte Geschwindigkeit als Unfallursachen erweisen sich als haltlos. Nach fünf Wochen im Koma stirbt Lutz Gerresheim am 10. März 1980. „Als wir von seinem Tod hörten, fuhren wir nach Riemke zu dem Gebrauchtwagenhändler, auf dessen Hof der zertrümmerte BMW stand. Es hatte nichts von Sensationslust, sondern wir suchten irgendwie Trost. Plötzlich war er weg, das konnten wir kaum fassen“, erinnert sich Doris Majorek, heute Lehrerin in Herne, an die Reaktion in ihrem Freundeskreis.

31 Jahre sind seit der tragischen Unfallnacht vergangen. Der Name „Lutz Gerresheim“ hat immer noch einen Klang, der weit über die sportliche Ebene hinausgeht und sicher auch seinem tragischen Tod geschuldet ist. Im Klubhaus der treusten Westfalia-Fans hängt noch heute ein gerahmtes Foto des einstigen Hoffnungsträgers an der kalkweißen Wand. Und auch „Neffe“ Marc Gerresheim, der es auf dem Fußballplatz selbst zu einer Karriere bei Westfalia und dem DSC Wanne-Eickel gebracht hat, ist es gewohnt, dass man ihn sofort auf seinen „Onkel Lutz“ anspricht. „Die Geschichten, die über ihn erzählt werden, haben mich seit meiner Kindheit begleitet“, erzählt er und fragt fast ungläubig: „Was muss das für ein Fußballer gewesen sein?“ Manchmal trifft es den Angestellten der Herner Sparkasse aber auch ganz überraschend - zwischen Kundenberatung und Kontoführung. Als er mit einer Kundin ins Gespräch kam und die obligatorische „Lutz Gerresheim“-Frage bejahte, bekam er unvermittelt zu hören: „Na ja, mit dem hätte ich noch ein Hühnchen zu rupfen.“

 
 

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