Vom Westhafen über London nach Kanada

Ein Traum wurde wahr: Schon mit 21 Jahren erlebte Constanze Siering vom RV Emscher Wanne-Eickel (2.v.l.) als Schlagfrau des deutschen Achters ihr Olympia-Debüt.
Ein Traum wurde wahr: Schon mit 21 Jahren erlebte Constanze Siering vom RV Emscher Wanne-Eickel (2.v.l.) als Schlagfrau des deutschen Achters ihr Olympia-Debüt.
Foto: AFP

Es war ein turbulentes Jahr. Nach dem U23-WM-Frust von 2011 hatte Constanze Siering die A-Nationalmannschaft gar nicht mehr auf der Rechnung, ehe sich dann im Laufe der Saison das Blatt plötzlich drehte. Am Ende startete die Ruderin vom Westhafen bis zu den Olympischen Spielen in London durch. Sogar als Schlagfrau des deutschen Frauenachters. Jetzt studiert sie in Kanada. Bis April. Dann kommt sie zurück in ihr altes Trainingsrevier.

21 Jahre war die Ruderin vom RV Emscher Wanne-Eickel jung, als sie ihr Olympia-Debüt auf der Regattastrecke auf dem Dorney-Lake in Eton betritt. So jung wie ihre Mutter Kerstin bei ihrem Olympia-Debüt 1984 auf dem Lake Casitas in Los Angeles. Dass Siering schließlich das Finale verpasste, sei zwar schade gewesen, aber realistisch gesehen, sei nicht mehr drin gewesen. „Wir haben uns verbessert und gut verkauft“, sagt sie. Olympia sei auch so toll gewesen. „Es war ein Fest für die Sportler, das fand ich besonders schön.“

Im März war London ganz weit weg

Im März hatte sie noch nicht in den kühnsten Träumen daran gedacht, sich im Sommer das Olympische Handball-Finale, Hockey, Turmspringen oder Basketball in London anzuschauen. Dass sie, eingekleidet vom Deutschen Olympischen Sportbund, zur Abschlussfeier ins Londoner Stadion einlaufen würde. Zwölfte war sie mit ihrer Leverkusener Partnerin Kathrin Marchand beim Zweier-Ranking in Duisburg geworden – kein Resultat für die Mannschaftsbildung im Achter, der ja ohnehin noch nicht für Olympia qualifiziert war und als Sorgenkind des Deutschen Ruderverbandes galt.

Dann aber kam alles anders. Trainer Ralf Müller brach die vorhandenen Strukturen auf. Er suchte nicht wie sonst die schnellsten Zweier, sondern acht starke Frauen, die ein Team sein wollten. Plötzlich war Constanze Siering wieder im Rennen, rückte auf die verantwortungsvolle Schlagposition und führte ihr Team bei der Olympia-Qualifikationsregatta in Luzern auf den letzten verbleibenden Platz. Australien gewann, doch die sechs Minuten 15 Sekunden und 67 Hundertstel reichten zum Ticket für London. Weißrussland, der ärgste Rivale, war geschlagen.

Nach den tollen Eindrücken erst während der Regattaphase in Eton, dann in der zweiten Woche als zuschauender Athlet mit vielen bewegenden Momenten und neuen Freundschaften in aller Welt machte sich die Wanne-Eickelerin auf zu ihrem nächsten Abenteuer: nach Kanada, Vancouver-Island, Victoria. Dort bestreitet die 21-Jährige ein Austauschjahr und setzt nach einer intensiven Olympia-Vorbereitung ihr Wirtschaftswissenschafts-Studium fort.

Keine Frage, sie war natürlich im dortigen Uni-Ruderteam heiß begehrt, „der Trainer wollte mich auch unbedingt haben.“ Aber Constanze Siering entschied sich für eine ruderische Pause. Nach fünf Jahren Leistungssport in der Nationalmannschaft wollte sie endlich einmal frei haben für andere Dinge, für die man als Hochleistungssportlerin sonst keine Zeit findet.

Einfach mal den Kopf frei bekommen

„Sport ist mir immer wichtig. Aber ich mache jetzt das, wozu ich gerade Lust habe.“ Mal ist es ein Tennis-Match. Mal Laufen. Mal das Fitness-Studio. Oder einfach Kanu fahren und wandern. Einfach auch mal den Kopf frei bekommen. Auch für später. Denn der Olympia-Zyklus ist lang und viele Athleten legen gerade nach den Spielen bewusst eine Pause ein, um im Studium voranzukommen und um dann wieder mit frischer Energie anzugreifen: „Ich fühle mich auch jetzt noch fit.“

Rio de Janeiro 2016? „Klar will ich nach Rio“, sagt Constanze Siering. Aber sie sagt auch: Nicht um jeden Preis. Im Frauen-Riemenrudern hätte der Verband Nachholbedarf, was die Strukturen betreffe. Das wolle sie beobachten. „Ich lass es einfach auf mich zukommen.“ In jedem Fall stehe sie bereit für ein zweites Olympia-Abenteuer. Wie ihre Mutter, die vier Jahre nach ihrem Debüt in Los Angeles mit dem Frauenachter nach Seoul fuhr.

 
 

EURE FAVORITEN