London calling

Der deutsche Frauenachter mit Constanze Siering (vorne, 2. v. r.) vom RV Emscher Wanne-Eickel. Foto: Detlev Seyb
Der deutsche Frauenachter mit Constanze Siering (vorne, 2. v. r.) vom RV Emscher Wanne-Eickel. Foto: Detlev Seyb
Mit dem zweiten Platz auf dem Luzerner Rotsee buchte Constanze Siering vom RV Emscher Wanne-Eickel mit dem deutschen Frauenachter noch das Ticket für die Olympischen Spiele in London.

Weißrussland drückte. Bis zum Zielstrich. Dann aber, nach 2000 packenden Metern, nach prickelnden sechs Minuten, 15 vollen und 67 Hundertstel Sekunden, ließen die Frauen ihrer Freude freien Lauf. Einfach nur die Hände zum Himmel und lasst sie fröhlich sein.

Steuerfrau Laura Schwensen hält es nicht mehr auf dem Sitz und sie schickt mit ihrer Siegerpose ein Dankeschön an das Team, das in einem irren Rennen möglich gemacht hat, was vor wenigen Monaten kaum noch für möglich gehalten worden war. Schlagfrau Constanze Siering, die erst 20-jährige Ruderin vom RV Emscher Wanne-Eickel, fährt mit dem Frauenachter zu den Olympischen Spielen nach London.

Kaum zu glauben, was sich im Ruderleben von Constanze Siering seit dem letzten Sommer abgespielt hat. Nach dem frustrierenden vierten Platz bei der U23-WM in Amsterdam hatte sie erst gar keine Lust mehr aufs Ruderboot, wollte – wegen des großen Drucks – sich auch vom A-Team fernhalten und lieber auf „ihre“ U23-Klasse konzentrieren. Heute ist sie Leistungsträgerin eines hoffnungsvollen Bootes, das sich auf dem Rotsee hinter Australien, jedoch vor Weißrussland, der Ukraine und Russland durchgebissen hat und einen von zwei noch freien Olympia-Plätzen in diese Bootsklasse sichern konnte.

Möglich, dass gerade die gelöste Stimmung bei den deutschen Frauen für diesen immensen Schub gesorgt hat. Trainer Ralf Müller hat im April alte Strukturen durchbrochen, ist weggegangen vom reinen Prinzip, den Achter aus den besten Zweiern zu bilden. Er hat acht starke Frauen gesucht, die zusammen Achter fahren können, die ein Team sein wollen und über sich hinauswachsen können. Constanze Siering, die mit ihrer Leverkusener Partnerin Kathrin Marchand vom Zweier-Ranking schon so gut wie raus war, ist heute nur noch happy: „Ralf hat uns richtig gut zusammengeführt. Wir waren das bessere Team.“ Auch Verbands-Cheftrainer Hartmut Buschbacher und Verbands-Präsident Siggi Kaidel waren mächtig stolz auf den Achter, der nach gutem Start in den Olympia-Zyklus 2009 plötzlich 2011 zum großen Sorgenkind geworden war und in allerletzter Sekunde dank der neuen Besetzung noch die Kurve gekriegt hat.

Die mitgereisten Fans, auch ehemalige Nationalmannschaftsruderinnen, feierten am Rotsee eine Mannschaft ab, die zum Schluss auf allen Positionen nahezu perfekt funktionierte. Denn mit der besten 500-Meter-Zeit auf diesem Abschnitt hielten Constanze Siering und ihr Team den härtesten Verfolger aus Weißrussland die entscheidenden Zentimeter auf Distanz. Constanze Siering fällt es im ersten Moment schwer, diese Phase in Worte zu fassen: „Ich war fertig, aber ich habe gemerkt, dass alle hinter mir noch voll da waren.“ Ein gutes Gefühl. Steuerfrau Laura Schwensen plauderte dagegen gelöst im Regattainterview drauf los: „Mir ging nur durch den Kopf, dass ich jetzt dieses verdammte letzte Ticket für London unbedingt haben wollte. Es war ein großartiges Rennen, wir haben im richtigen Moment an den richtigen Knöpfen gedreht. Ich bin nur noch stolz auf meine Mädels.“

Nach der Siegerehrung war Party angesagt – allerdings mit entsprechender Zurückhaltung. Denn Ralf Müller schickt sein Team noch in den am Freitag beginnenden Weltcup, um sich mit den derzeit besten Achtern der Welt zu messen. Allerdings hält er es für möglich, dass er noch ein Experiment wagt und die Ersatzfrauen einbaut.So wäre er in London auch für den Ernstfall gewappnet, wenn eine Stammruderin krank würde. Denn eines ist nach Luzern sicher: Der Achter muss laut Statuten in dieser Besetzung in London antreten und darf nur im Krankheitsfall „auswechseln“.

 
 

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