Ganz bescheiden nach ganz oben

Philipp Ziser
Foto: Bongarts/Getty Images

Bescheiden, fast schüchtern wirkt Lena Oberdorf, wenn sie nicht auf dem Fußballplatz steht. Es sei schon „ein krasses Gefühl“ gewesen, als sie das erste mal für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen durfte. „Das ist es aber eigentlich jedes Mal.“ Was ihr schönstes Erlebnis mit der Nationalelf gewesen sei? „Das sind alles tolle Erinnerungen gewesen“, sagt sie. Herausheben könne man vielleicht das 5:0 gegen Tschechien. Um zu erfahren, dass drei der fünf Tore auf ihr Konto gingen, muss man noch zweimal nachfragen.

Auf dem Platz sieht das schon ganz anders aus. Mit Ausnahmegenehmigung spielt Oberdorf, die im Dezember 15 Jahre alt wird, für die B-Jugend der TSG Sprockhövel. Mit Jungs, die bis zu zwei Jahre älter sind. In der Landesliga. Falls es anfangs noch den ein oder anderen Vorbehalt in der Mannschaft gegeben hat, hat sie den ganz schnell beseitigt. Unterschätzt wird sie nicht. „Die Jungs kennen mich schon“, sagt Oberdorf.

Die Belohnung für die starken Leistungen: Als jüngste Spielerin steht sie im Kader der DFB-U17-Juniorinnen, der am Sonntag nach Jordanien zur Weltmeisterschaft aufbricht. Zwölf U15- und vier U16-Einsätze für Schwarz-Rot-Gold hat Oberdorf schon absolviert, die U17-Berufung kam doch überraschend: „Die Nominierung habe ich per E-Mail bekommen, ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet. Ich habe das am Anfang erst gar nicht kapiert und brauchte erst einmal einen Tag, um das zu realisieren.“

Ihr Spiel charakterisiert sie so: „Meine Position ist Zehner, Sechser oder in der Abwehr. Ich mag es, Zweikämpfe zu bestreiten, ansonsten bin ich noch im Passspiel gut.“

Ihrem Trainer bei der TSG, Oliver Triestram fallen noch ein paar weitere Vorzüge ein: „Ihre Positionen sind breit gefächert, sie kann das alles spielen. Sie hat Überblick, Pass- und Schusstechnik. Sie ist mutig und scheut offensiv wie defensiv keinen Zweikampf und ist sehr kopfballstark.“ Deshalb nominierte er sie zuletzt als Innenverteidigerin für die Startelf. „Sie hat schnell durch ihre Leistung überzeugt.“

Oberdorf, deren Lieblingsspielerin die US-Amerikanerin Alex Morgan ist, wohnt in Gevelsberg und spielt im dritten Jahr für Sprockhövel. Ihr älterer Bruder Tim spielt dort schon seit der D-Jugend unter Andrius Balaika und gehört jetzt zum Regionalliga-Kader.

Was die eigenen Ambitionen angeht, hält sich Oberdorf aber bedeckt und sagt ganz bescheiden: „Ich habe noch fast zwei Jahre bei den B-Junioren.“ Dann hoffe sie, den Sprung zu einem Bundes- oder Zweitligisten zu schaffen – „das muss man aber abwarten.“ Ebenso wie weitere DFB-Ambitionen im Seniorinnenbereich: „Ob ich Nationalspielerin werde, lasse ich auf mich zukommen. Da kann ja immer etwas dazwischenkommen“, eine Verletzung oder schulische Probleme zum Beispiel.

Nicht einmal die unmittelbare Zukunft will Oberdorf zu mutig kommentieren. „Es macht richtig Spaß mit den ganzen anderen Mädchen. Alle kennen sich, alle sind wie eine große Familie.“ Sie weiß aber auch, dass alle anderen im Team mindestens ein Jahr älter sind. „Ich kann nur gut trainieren, ob ich dann spiele, kann nur der Trainer entscheiden.“

Wenn es um die Zielsetzung bei der WM geht, ist sie sogar bescheidener als ihre Trainerin. Sie wolle möglichst lang im Turnier bleiben, sagt Oberdorf. Trainerin Anouschka Bernhard: „Wir streben natürlich den Titel an. Es wäre komisch, wenn wir als amtierender Europameister nicht mit diesem Ziel nach Jordanien reisen würden.“