„Fans sind unser Pfund für Zukunft“

Patrick Seidel hofft auf ein neues Kapitel in der wechselvollen Phoenix-Geschichte.
Patrick Seidel hofft auf ein neues Kapitel in der wechselvollen Phoenix-Geschichte.
Foto: Michael Kleinrensing

Hagen.  Erst gute sechs Wochen ist Patrick Seidel Geschäftsführer bei Phoenix Hagen. Nachdem der Basketball-Bundesligist einen Antrag auf ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung gestellt hat, ist der 36-Jährige gemeinsam mit Restruktierungsberater Dr. Dirk Andres in der Verantwortung, der Aufsichtsrat hat aktuell keine Befugnisse. Die WP sprach mit dem Sportmanager über Kader, Aktionen und Zukunftsaussichten.

Die erste Frage muss natürlich dem Kader gelten. Sind noch alle da?

Patrick Seidel: Es sind noch alle da, wir gehen auch davon aus, dass das am Sonntag noch so ist. Natürlich haben wir mittlerweile Bewegung drin, es haben Vereine angeklopft wegen ein, zwei Spielern. In unserer Situation darf man sich keiner Illusion hingeben, es kann natürlich zu ein, zwei Bewegungen im Kader in absehbarer Zeit kommen.

Betrifft das auch David Bell, der als Kapitän ja eine ganz wichtige Identifikationsfigur ist?

Ich habe mit David und seinem Agenten gesprochen. David ist im fortgeschrittenen Alter und Karrierestatus, hat sich hier ein unfassbares Standing mit Top-Leistungen erarbeitet. Er ist nicht nur das Kopf und Gesicht, sondern ein bisschen auch das Herz von Phoenix. Er hat nicht den Eindruck vermittelt, auf Biegen und Brechen weg zu wollen. Und man darf nicht vergessen, wir reden hier über einen Zeitraum von drei Monaten mit einer gewissen Gehaltseinbuße für manche Spieler. Danach hat der Spieler uns gegenüber wieder den Anspruch auf das volle Gehalt.

Wie sieht es beim Trainer-Duo aus?

Es gab ein längeres Gespräch am Montag mit Ingo Freyer, schon weil ich wissen wollte, ob er nach all den Jahren Phoenix auch in dieser schwierigen Situation treu bleibt. Es gab keinerlei Anzeichen, dass er da andere Gedanken hegt. Und der Trainer hat für uns elementare Bedeutung, gerade wenn man einkalkulieren muss, dass wir ein, zwei besserverdienende Spieler mit einem gewissen Marktwert verlieren werden. Umso wichtiger ist, dass das Trainergespann bleibt und mit uns, den Fans und Sponsoren den Laden zusammenhält.

Wenn Spieler gehen, besteht dann die Möglichkeit, das durch Neuzugänge zu kompensieren?

Die Möglichkeit zur Nachverpflichtung haben wir, wenn wir nachweisen können, dass wir so einen ordentlichen Betrag sparen. Und die Absprache mit unseren Spielern ist so, dass wir - wenn es irgendwie geht - nicht überrumpelt werden, so dass der Verein die Möglichkeit zur Reaktion hat.

Es ist viel von der Phoenix-Familie, die verloren gegangen sein soll, die Rede. Warum ist das so und wie wollen Sie dem entgegenwirken?

Ich bin mit einem Helfergrillen mit 60 Mitarbeitern sehr positiv empfangen worden und hatte da nicht den Eindruck, dass die Phoenix-Familie so klein geworden ist. Mittlerweile weiß ich, da ist ein gewisses Gefühl verloren gegangen. Und beim Spiel gegen Göttingen habe ich eine sehr ruhige Ischelandhalle kennengelernt, wie ich sie früher nie so wahrgenommen hatte.

Ganz dringend ist es, zu zeigen, dass wir auf die Fans zugehen. Nicht als Einmal-Aktion sondern als dauerhaftes Konzept. Die Fans sind unser Pfund für die Zukunft, das wurde in der Vergangenheit ein bisschen zu wenig gelebt. Wir werden den Fan-Talk wieder einführen, das Foyer mit Einzelaktionen beleben. Gerade in der Situation jetzt werde ich mit Hans-Uwe Schröer gemeinsam zum Dialog bereit stehen. Das soll der Beginn von sich wiederholenden Elementen sein.

Da wird - wie schon bei der Reaktion der Fans in Bonn - deutlich werden, dass es aktuell ein großes Misstrauen gegenüber dem Aufsichtsrat gibt. Wie wollen Sie Vertrauen zurückgewinnen?

Da kann ich nur für mich sprechen. Ich möchte Vertrauen wecken, indem ich greifbar bin und auf die ein oder andere mir zugetragene Idee eingehen kann. Ganz wichtig wird sein, dass wir jetzt die notwendige Transparenz schaffen. Wir haben eine ganz, ganz schwierige Situation, aber auch eine große Chance, jetzt mal einen richtigen Neustart aufzusetzen. Und da kann ich mit meiner Vita, wenn es über die 2. Liga gehen soll, positiv beitragen. Dabei hoffe ich, dass es positiv aufgenommen wird, dass ich die Herausforderung annehme und nicht nach wenigen Wochen Fahnenflucht begehe.

Die Vertrauenskrise betrifft vor allem die Sponsoren. Ist hier eine Trendwende in Sicht?

Die Kernfrage wird sein, was Sponsoren - bestehende oder neue - im laufenden Betrieb noch beisteuern können. Darauf sind wir angewiesen, damit wir über den Berg kommen und Ende März das Anrecht haben, eine neue Lizenz zu beantragen. Aus vielen Gesprächen habe ich ein Gefühl mitgenommen: Die Leute sind bereits, Geld auszugeben, aber eher für einen Neustart. Die Haltung ist schön zu wissen, hilft uns im Status quo aber nicht unbedingt weiter.

Und wie kann man Sponsoren motivieren jetzt einzusteigen?

Man muss sehen, dass Phoenix selten national so eine mediale Aufmerksamkeit bekommen hat wie aktuell. Wer jetzt also investiert, bekommt das gleiche Feedback zurück. Der Effekt, wenn man jetzt einsteigt und als Unternehmen hilft, ist gerade stark wie nie. Dazu gehört, dass man den Sponsoren sagt, dass man zu 99 Prozent für die 2. Liga plant und transparent Konzept und Zahlen offen legt. Ich bin jetzt der vierte Geschäftsführer in 14 Monaten. Warum sollen die Unternehmen mir jetzt glauben, wenn das in der Vergangenheit nicht so geklappt hat. Doch da ist nun das große Pfund, dass Dr. Andres an meiner Seite steht und wir die Zahlen gemeinsam präsentieren. Das könnte in der Neuakquise ein entscheidender Faktor sein.

Durch Ticketaktionen wollen Sie jetzt mehr Zuschauer in die Halle locken. Verärgert man so nicht die Dauerkarten-Besitzer?

Das ist das Vabanquespiel in der laufenden Saison, Ticketpreise sind ein heikles Thema. Dieses Jahr sind wir auf das Verständnis der Dauerkarten-Inhaber angewiesen, dass wir um Einzelaktionen nicht umhin kommen, um mehr Leute in die Halle zu bekommen. Nächstes Jahr werden wir die Preise generell - auch die der Dauerkarten - ligaunabhängig nach unten anpassen.

28 Spiele sind eine lange Strecke. Was macht Sie zuversichtlich, dass es auch danach noch Profi-Basketball in Hagen gibt?

Da ist der spürbare Zusammenhalt innerhalb der Helfer und Mitarbeiter, der erste positive Effekt der Fans in Bonn. Das wollen wir schon Sonntag intensivieren. Und ich glaube schon, dass wir die Geschichte, in der Phoenix schon richtig was zu bieten hat, damit um ein weiteres Kapitel auffüllen können. Bei aller operativen Tagesarbeit sehe ich das als längste Saisonvorbereitung, die es je gab.

 
 

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