Beim Boxen auspowern statt nur sitzen und warten

Zusammen mit den 13 Flüchtlingen kommen die Aktiven des Box-Sport-Club Haspe jetzt auf 27 Nationen, die dreimal pro Woche in der Hasper Rundturnhalle bzw in der Gesamtschule Haspe trainieren.
Zusammen mit den 13 Flüchtlingen kommen die Aktiven des Box-Sport-Club Haspe jetzt auf 27 Nationen, die dreimal pro Woche in der Hasper Rundturnhalle bzw in der Gesamtschule Haspe trainieren.
Foto: WP
Das Projekt „Sport für Flüchtlinge“ hat der Landessportbund im Dezember gestartet. In Hagen ist der Box-Sport-Club Haspe der erste Klub, der dieses umsetzt. 13 Flüchtlinge trainieren bereits bei den Haspern mit.

Hagen..  „Rumdrehen. Weiterlaufen. Schattenboxen. Und jetzt alle: Liegestütze, 30 Sekunden.“ Die Stimme von Mahmut Kurukafa schallt durch die Hasper Rundturnhalle. Knapp 30 Männer und eine junge Frau folgen seinen Anweisungen, drehen Runde um Runde, schwitzen, boxen, schwitzen mehr. Einige von ihnen hängen immer ein paar Sekunden hinterher – weil sie kein Wort von dem verstehen, was der Trainer da ruft. Sie müssen gucken, was der Vordermann gerade macht. „Integration durch Sport“ ist ein Ziel des Landessportbundes – „Sport für Flüchtlinge“ eine im Dezember gestartete Maßnahme. In Haspe kann man den Sinn dieses Projektes beim Training des Box-Sport-Club Haspe (BSC) schon nach wenigen Minuten erkennen.

Sie heißen Rasi, Mohammed, Samson, Anush und Abdulkarim. Sie stammen aus Syrien, Palästina, Tadschikistan, Eritrea und Marokko. Sie leben an der Voerder Straße, in einem der drei Wohnheime, die die Stadt derzeit für die knapp 550 Flüchtlinge in Hagen vorhält. Sie dürfen nicht arbeiten, keinen Sprachkurs besuchen, viele haben auf der Flucht und davor Grauenhaftes erlebt. Sie sind allein. Ihr Alltag in Deutschland besteht normalerweise aus Rumsitzen und Warten. Doch seit zwei Wochen trainieren sie mit dem BSC – und vergessen dabei für ein paar Stunden in der Woche ihre Situation.

„Viele unserer Mitglieder haben ja selber einen Migrationshintergrund. Bei uns trainieren 22 Nationen. Das Projekt passt einfach zu uns.“ Fatih Kurukafa (32) ist Geschäftsführer des BSC, ein smarter, gebildeter Mann, der eloquent reden kann. Aber wenn es um das Projekt „Sport für Flüchtlinge“ geht, braucht er gar nicht viele Worte. „Wir haben nicht wirklich lange überlegt. Als wir die Info vom Stadtsportbund bekamen, war klar: Da machen wir mit.“

„Wegen der einmalig 500 Euro beteiligt sich sicher kein Verein“, vermutet Leni Hildebrand vom SSB: „Aber vielleicht können wir so noch ein paar Vereine für das Thema sensibilisieren.“ Ein Paar Boxhandschuhe kostet knapp 50 Euro – also haben die Vereinsmitglieder ihre Schubladen aufgeräumt und Trainingshosen, T-Shirts und Schuhe für die Neulinge gespendet. Vom SSB gibt es heute zehn Anfänger-Springseile. Doch den Flüchtlingen fehlt es an allem: Weil sie keine Handtücher, Taschen und Duschzeug besitzen, müssen sie nach dem Training verschwitzt zurück in die Unterkunft, wo nächtliches Duschen wahrscheinlich nicht so gern gesehen wird.

Integration und Willkommenskultur – das sind zwei Worte, die von den Politikern aller Parteien in diesen Tagen immer wieder heraufbeschworen werden. Überall im Land entstehen Runde Tische, und es wird viel geredet. In der Zwischenzeit laufen Mohammed und Samson in Haspe einfach mit. Die beiden jungen Männer sind von den 13 Flüchtlingen zwischen 18 und 25, die heute mittrainieren, sicher noch die talentiertesten. Erfolgreiche Boxer, so wie Haspes Co-Trainer Jörg Kästner (sechsfacher Deutscher Meister und Nationalboxer) werden sie aber sicher nicht werden.

Gilay Ghehremiced ist heute zum ersten Mal dabei. Er ist ein winziger Kerl. Der kleine Mann aus Eritrea sieht eher aus wie ein Langstreckenläufer; mit seinem Schattenboxen würde er nicht mal ein Kaninchen erschrecken. „Es geht ja auch gar nicht darum, aus den Jungs Boxer zu machen. Aber hier können sie sich mal auspowern, Menschen aus Haspe kennenlernen, vielleicht sogar Freundschaften schließen“, sagt Kästner. „Sie sollen sich ein bisschen bewegen und Spaß haben.“

Eritrea liegt im nordöstlichen Afrika. Das Land galt einmal als Vorzeigestaat, mit einer vorbildlichen Verfassung. Heute ist es eines der ärmsten Länder der Welt – und die Menschen leben seit der Unabhängigkeit des Landes 1993 in ständiger Angst, verhaftet und getötet zu werden. „Jeder einzelne der Flüchtlinge hier hat eine bewegende Geschichte. Die haben zum Teil wirklich Schreckliches erlebt“, erzählt Fatih Kurukafa. Folter, Willkür, Gewalt, Hunger und große Armut – jeder der 13 Männer trägt eine Geschichte mit sich herum, von der auch die Teamkollegen nur wenig ahnen.

Nun kann man sich die Vorurteile mancher Menschen schon vorstellen, wenn sie von diesem Projekt erfahren. Doch im Box-Sport-Club werden keine Kampftechniken an potenzielle Verbrecher vermittelt, sondern Werte wie Fairness, Respekt und Toleranz gelehrt und gelebt. Dem Urgestein des Vereins, dem 80-jährigen Vorsitzenden Erich Borowski, begegnen auch die Jüngsten höflich und respektvoll; auch untereinander lässt man den anderen ausreden, begegnet sich auf Augenhöhe. Religion oder Herkunft, das spielt keine Rolle für die knapp 200 Vereinsmitglieder. „Wir integrieren einfach alles, was nicht bei drei auf dem Baum ist“, lacht jetzt der Jugendtrainer Marc Chwalek. „Afrikaner oder Muslime, bei uns dürfen sogar Sachsen und Dortmunder mitmachen.“ Und Kurukafa nennt leichthin ein Beispiel, wie das gehen kann: „Beim Sommerfest liegt halt kein Schwein auf dem Grill.“ Das klingt so wunderbar einfach und ermutigend selbstverständlich.

Nach zwei Stunden ist das Training zu Ende. Alle räumen gemeinsam auf, verabschieden sich mit Handschlag voneinander. Es ist nicht sicher, dass sie sich alle in der kommenden Woche wiedersehen werden. Manchmal werden Flüchtlinge buchstäblich über Nacht abgeschoben. Doch die 13, die heute dabei waren, hatten zwei Stunden Spaß und Normalität – und das ist mehr, als sie sonst erleben. Und vielleicht träumt der kleine Gilay Ghehremiced heute Nacht von Schattenboxen und Liegestützen.

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