Schnelligkeitsgefühle

Christoph Winkel

22,85 Sekunden bei maximal zwei Metern Rückenwind.

Sekunden, für die Christina Haack in den kommenden Monaten hart trainieren wird. Läuft die 24-Jährige die 200 Meter in dieser Zeit, erfüllt sie sich ihren Traum. Den Traum von den Olympischen Spielen 2012 in London.

Dafür wechselt sie sogar den Verein. Haack hat den TV Gladbeck nach vier Jahren verlassen, wird sich dem TV Wattenscheid anschließen. Bei einem Gespräch am Dienstag betont die Gladbeckerin immer wieder, wie schwer ihr die Entscheidung gefallen sei. „So lieb ich den TV Gladbeck habe, aber das Umfeld in Wattenscheid ist einfach ein anderes.“

Eigentlich wollte sie nach dieser Saison kürzertreten, der Sport sollte nur noch ein schöner Ausgleich zu ihrem Beruf sein. Christina Haack ist Diplom-Verwaltungswirtin bei der Stadt Recklinghausen, dort in der Kämmerei beschäftigt.

Und dann diese unglaubliche Saison. Eine Saison, geprägt von Höhen und Tiefen: Die Vorbereitung lief unglücklich, Verletzungen warfen die Sprinterin immer wieder zurück. Drei Tage vor den Deutschen Meisterschaften wollte sie ihre Teilnahme noch absagen. Christina Haack lief trotzdem. Und wie: Mit 23,45 Sekunden der Konkurrenz davon. Sowohl in der Halle als auch unter freiem Himmel war sie nicht zu schlagen. 23,36 Sekunden waren es später sogar trotz mäßiger Bedingungen bei der DLV-Juniorengala in Mannheim.

Die Olympischen Sommerspiele 2012 sind greifbar: Das spürt sie, das weiß sie: „Da ist auf jeden Fall noch Luft nach oben.“

Als Ersatzläuferin der 4x100 Meter-Staffel fuhr sie Ende August zur Weltmeisterschaft nach Daegu, sah von der Tribüne, wie der Staffelstab beim ersten Wechsel zu Boden fiel, sah, wie der Traum von einer Medaille platzte. „Obwohl ich nicht selbst gelaufen bin, war es der bitterste Moment meiner Karriere. Man trainiert die ganze Zeit so hart und dann passiert so ein Unglück.“

Jetzt will Christina Haack mehr. Dazu bedarf es eben eines Trainings, das um ein Vielfaches leistungsorientierter ist. Der Vereinswechsel ist die logische Konsequenz. „Ich will mir später nicht vorwerfen, nicht alles probiert zu haben. Ich bin in einer Phase meines Lebens, in der ich Spitzenleistungen bringen kann. Wenn man läuft, als Erste aus der Kurve kommt und es dann auf die lange Gerade geht. Das ist unbeschreiblich. Dieses Schnelligkeitsgefühl.“

Bei der Stadt Recklinghausen sind ihre Arbeitszeit halbiert, nur noch 22 Stunden pro Woche wird sie fortan in der Kämmerei tätig sein. Dienstags ist ihr freier Tag. Christina Haack erklärt ihn zum „Haupttrainingstag mit zwei langen Einheiten.“ Der Sport ist die Nummer eins im Leben der 24-Jährigen. Bis auf Weiteres.

Ihre Eltern, ihre beiden Schwestern, ihren Lebensgefährten, den Gladbecker Sprinter Sebastian Fricke, natürlich auch die Arbeitskollegen und die Freunde: Sie alle hat Christina Haack um Rat gefragt. Sie alle haben ihr zu diesem Schritt geraten.

Auch wenn ihre Eltern auf einen Städtetrip nach London wohl verzichten würden. „Die Kartenpreise sind wahnsinnig hoch. Mein Vater hat gesagt, dass er sich dafür lieber einen neuen Fernseher kaufen würde, um mich zu sehen“, sagt sie und lacht.

Mit ihrem neuen Trainer Andre Ernst hat sie bereits einen Trainingsplan entworfen. Ernst betreut im Wattenscheider Olympiastützpunkt unter anderem Sebastian Ernst, den Deutschen Hallenmeister über 200 Meter und die Weitspringerin Sosthene Moguenara. „Es wird bei mir nicht von null auf hundert gehen“, sagt Haack. Vorerst stehen sechs Einheiten pro Woche auf dem Plan, das Pensum soll dann kontinuierlich gesteigert werden.

Mitte November geht es ins Intensivtrainingslager nach Teneriffa, ein paar Wochen später bittet auch der Deutsche Leichtathletikverband ins Trainingslager.

Anfang Dezember wird aber noch einmal Urlaub gemacht. 14 Tage mit ihrem Lebensgefährten. „Wir haben den Urlaub im Mai 2010 gebucht. Da habe ich an alles gedacht, aber bestimmt nicht daran, dass Olympia mal mein Ziel sein wird. Da muss ich mich jetzt wohl auch irgendwie bewegen.“

Sie bekomme im Moment Einblicke in eine Welt, die man sich als Nichtleistungssportler gar nicht richtig vorstellen kann. „Was ich mit 24 Jahren schon von der Welt gesehen habe, ist Wahnsinn.“

Einen Plan B hat sie übrigens nicht. Was zählt, sind allein die Olympischen Spiele. Diese 22,85 Sekunden bei maximal zwei Metern Rückenwind.

Dieses Schnelligkeitsgefühl.