Man traf sich, schlug sich

Jürgen Fanghänel beim Internationalen Boxturnier um den Chemie-Pokal in Halle 1981.
Jürgen Fanghänel beim Internationalen Boxturnier um den Chemie-Pokal in Halle 1981.
Foto: imago
Jürgen Fanghänel, Bronze-Gewinner der Olympischen Spiele 1980 in Moskau, über seine Begegnungen mit dem Klassenfeind.

Wulfen..  „Ich war nie ein politischer Sportler!“ Der Satz steht da wie hingegossen. Und dennoch, Jürgen Fanghänel, Bronze-Medaillen-Gewinner im Schwergewicht bei den Olympischen Spielen 1980 von Moskau, ist alles andere als unpolitisch. Aber das lag nicht an ihm, sondern am Sport und der Zeit, in der er ihn betrieb.

Jetzt, wo in London die Box-Wettkämpfe bei Olympia 2012 im vollen Gange sind, strömen die Menschen wieder in Massen in die Halle. Jürgen Fanghänel, der seit rund 20 Jahren in Wulfen lebt, interessiert das wirklich nur noch am Rande. Dabei war er mal ein Teil der Weltspitze des Schwergewichtsboxens, war einer der großen Protagonisten dieses Sports, der im Amateurbereich, den es damals noch in Reinform gab, nur wenig bis gar nichts mit den Schiebereien des Profibereichs zu tun hatte.

1972 holte er seinen ersten von insgesamt acht Meistertiteln in der DDR, war von 1973 an zehn Jahre Stammgast bei allen internationalen Meisterschaften und startete 1980 bei der Boykott-Olympiade in Moskau. Wobei ihm der Boykott des Westens wegen des Afghanistan-Einmarsches der UdSSR reichlich egal war.

Die Weltspitze kam aus dem Osten oder Kuba. Teofilo Stevenson, der vielleicht beste Boxer aller Zeiten, dem die Liebe von acht Millionen Cubanos wichtiger war als eine Million Dollar, die ihm für einen Wechsel ins Profilager geboten werden, wird Olympia-Sieger, Fanghänel holt Bronze. Und – Fanghänel bleibt unpolitisch.

„Klar, unser Gegner war der Klassenfeind. Das haben wir immer wieder gehört“, sagt Fanghänel mit der Distanz von über 30 Jahren. „Wenn du einen West-Boxer besiegt hast, zählte das doppelt.“ Niederlagen aber auch. Peter Hussing, Hüne aus Siegen und vom Typ her ein ganz anderer Boxer als der elegante Mann aus Gera, war damals sein Dauergegner. „Ich war Repräsentant der Deutschen Demokratischen Republik. Und damit hatte ich einfach besser zu sein.“ Es gelang nicht immer, aber es gelang. Europameisterschaften, Weltmeisterschaften – man traf sich, schlug sich. Nur, das Miteinanderreden war verboten. Zumindest öffentlich. „Eine seltsam schwierige Situation“, sagt Fanghänel heute. „Eigentlich wollten wir nur Boxen.“ Aber – er blieb unpolitisch.

Der „Goldene Westen“? Eine Verlockung? „Nein, nicht wirklich. Ich hatte ja Privilegien. Ich hatte ein Auto, eine Wohnung. Und“, das betont Fanghänel, „meine Freunde, meinen Verein, meine Familie.“ Er war zufrieden, trotz Leuchtreklamen im Westen, trotz (Ost)-Druck von innen gegen diesen (West)-Druck von außen. „Da gab es Leute, die haben dir eine Rolle Scheine vor die Nase gehalten. Hab’ ich abgelehnt. Wusste ich denn, ob der Mann von der Stasi war und mich nur testen wollte?“ Angepasst? Nein – Boxer! Fanghänel blieb unpolitisch.

Ende der Laufbahn. Neuanfang als Trainer. Typische DDR-Muster. Er sollte weitergeben, was er konnte. Trainer-Schein, Sozial-Pädagogik, Menschenführung – Schlagworte, für einen, der mehr konnte, als nur schlagen. Und er suchte seinen Weg, den er auch fand. Und dann ist von heute auf morgen Schluss mit lustig. Die Vereinigung von zwei Staaten macht Jürgen Fanghänel arbeitslos. „Ich habe in einer Baukolonne als Helfer gearbeitet. Irgendwo musste ja Geld herkommen.“ Frau, drei Kinder, nie gekannte Sozialnot – kann man da unpolitisch bleiben?

1990 ruft ein Freund an, mittlerweile in Gelsenkirchen beheimatet: „Jürgen, hier ist ein Boxclub, der einen Trainer sucht.“ Der Oberligist aus Gelsenkirchen-Erle ist kein Lebensunterhalt, aber plötzlich so was wie Lebensinhalt. Fanghänels Frau Ute hat den gleichen Mut wie ihr Mann, eröffnet als ausgebildete Physiotherapeutin ihre eigene Praxis.Und Jürgen? Der geht zum Arbeitsamt: „Ich bin Trainer, Erzieher – haben Sie was für mich?“ Wenig später wird er im Jugendheim Grimberg als Erzieher angestellt. Sein Klientel? Oft 13, 14 Jahre alte Erwachsene (?), die bisweilen durch viele soziale Raster gefallen sind. „Respekt? Nein, gibt es nur ganz selten. Da steht dann schon mal ein Halbwüchsiger vor dir und fragt: ,Was willst du Wichser denn von mir?’“ Und dann steht der Mann, der auch mit 60 noch aussieht, als würde er jeden Tag an sich arbeiten, der Disziplin als Basiswert so akzeptiert, wie er den Boxsport als das Florettfechten mit den Fäusten verstanden hat, etwas hilflos da. Jürgen Fanghänel behauptet immer noch, ein unpolitischer Sportler zu sein.

Sein Beruf ist eine Konsequenz aus seinem Sport. Er wäre nicht in Gelsenkirchen, wenn er nicht Boxer geworden wäre. „Die Frustration der letzten 20 Jahre war enorm. Dass mal jemand kommt und ,Danke’ sagt, nein, das passiert so gut wie nie.“ Er kommt gerade von der Nachtschicht (die Kids brauchen Ganztagsbetreuung). Die Tagschicht ist noch unangehmer: „Da kann ich noch nicht mal mit den Jugendlichen arbeiten, da kommt auch noch der Papierkrieg der Verwaltung dazu.“ Ist das Sozialpolitik? Fanghänel ist unpolitisch!

„Vielleicht gehe ich doch mal nach Gera zurück. Da bin ich zu Hause.“ Und er sagt, dass bei manchen Menschen im platten Westfalen immer noch die Mauer im Kopf ist. Er hat die Deutsche Demokratische Republik repräsentiert. Heute repräsentiert er die Bundesrepublik Deutschland.

Nur – ganz anders.

 
 

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