Die flotte Lotte

Charlotte Möhring (rechts) war auf dem Flugplatz Rotthausen die ersteFlugschülerin.
Charlotte Möhring (rechts) war auf dem Flugplatz Rotthausen die ersteFlugschülerin.
Foto: Archiv Jo Gernoth
Charlotte Möhring war die zweite Pilotin in Deutschland. Die Kunst des Sportfliegens erlernte die damals 19-Jährige im Jahr 1912 in Gelsenkirchen.

Gelsenkirchen..  Die Bergbaustadt Gelsenkirchen ist in Deutschland in erster Linie durch den Schalker Kreisel bekannt geworden. Allerdings ist die Stadt der einst tausend Feuer auch so etwas, wie der Geburtsort der Sportfliegerei. Es gab Zeiten, da beheimatete Gelsenkirchen zwei Flugplätze, ein Flugzeugwerk und die berühmteste Flugschule des Reiches. Unter großer Anteilnahme der Öffentlichkeit wurde am 25. Mai 1912 auf dem Gelände des alten Gutes Nienhausen der Flugplatz Rotthausen eröffnet.

Dieser Flugplatz entwickelte sich zu einem Schwerpunkt der frühen Luftfahrtentwicklung im Ruhrgebiet und im Deutschen Reich. Es war die Zeit, in der Flugtage in Mode kamen und die Aviatiker, so nannte man seinerzeit die Piloten, Helden des Alltages waren. Frauen hatten in dieser Macho-Riege zunächst nichts zu suchen, aber genau da schrieb der Gelsenkirchener Flugplatz ein Stück Geschichte, das als Grundstein für die Selbstverständlichkeit, mit der heute Frauen als Sportfliegerinnen und Jetpilotinnen Flugzeuge lenken, bezeichnet werden kann.

Es befanden sich drei Flugschulen auf dem Terrain. Dazu kamen die ebenfalls 1912 gegründeten Kondor-Flugzeugwerke, die neben einigen Eigenkonstruktionen auch Militärflugzeuge in Lizenz fertigten und in der Spitze 1200 Arbeiter beschäftigten. Das Treiben auf dem Flugplatz begeisterte eine junge, unkonventionelle Frau: Charlotte Möhring. Sie war mit dem Luftfahrtpionier Georg Mürau (im Foto links) liiert. Der hatte nach der Einrichtung des Flugplatzes Rotthausen und der Eröffnung Pfingsten 1912 eine Flugschule eröffnet. Damals eine brotlose Kunst.

Um die Werbetrommel zu rühren, kamen Mürau und seine „flotte Lotte“ auf eine für die Kaiserzeit fast schon skandalöse Idee: Charlotte Möhring sollte der erste Flugschüler sein, der in Rotthausen die Kunst des Fliegens erlernen würde. Die damals 19-jährige kletterte unerschrocken in den Grade-Eindecker und lernte Fliegen. Für das Fliegen an sich hatte sich die in Berlin-Pankow geborene Frau bereits 1911 begeistert, als sie in Johannisthal mit einer Rumpler Taube aufstieg und nach Döberitz flog.

In Gelsenkirchen jedoch stand ihre Fliegerinnenkarriere zunächst unter keinem guten Stern: Während der Ausbildung legte sie bei einer Landung einen kapitalen Bruch auf die Landebahn. Sie blieb unverletzt und am 7. September 1912 erwarb sie die 285. Lizenz zum Fliegen. Damals wurde weltweit gezählt. Die Gelsenkirchenerin war die zweite Deutsche Frau, die ein Flugzeug steuern durfte. Sie wurde Fluglehrerin und zog mit ihrem Gatten bis zum Ausbruch des ersten Weltkrieges mit dem Grade-Eindecker durch das Reich, schulte Piloten und verkaufte dem ein oder anderen Dandy einen Flieger.

Mit dem Krieg war Schluss mit der Fliegerei, nach dem Krieg war sie verboten. Das letzte Lebenszeichen von Charlotte Möhring datiert aus dem Jahre 1953, als sie in einer Festschrift ihre Begeisterung für das Fliegen niederschrieb. Ihr Todesjahr ist nicht überliefert.

 
 

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