Training zwischen Job und Kindern

Sebastian Weßling
Die Freizeitsportlerin Silke Niehues aus Essen läuft beim RWE-Marathon mit - dafür ist viel Training nötig. Foto: Stefan Losch
Die Freizeitsportlerin Silke Niehues aus Essen läuft beim RWE-Marathon mit - dafür ist viel Training nötig. Foto: Stefan Losch
Foto: WAZ

Essen.  Die Grundschullehrerin Silke Niehues tritt beim RWE-Marathon am Sonntag an - das Training ist für die Lokalmatadorin ein ständiger Balanceakt zwischen Beruf und Kinderbetreuung.

Marathonläufer sind viel unterwegs. Wer bei den Rennen vorne mitlaufen will, muss Woche für Woche rund 200 Kilometer abspulen. Im Jahr ergibt das über 10 000 Trainingskilometer, nach vier Jahren hat ein Marathoni also eine Strecke zurückgelegt, die einer Erdumrundung entspricht. Da nicht jeder Läufer alleine vom Marathonlaufen leben kann, muss dieses Training zwischen Job und Familie untergebracht werden, so gut es eben geht – oder im Training Kompromisse machen.

Die Essenerin Silke Niehues beispielsweise, die am Sonntag beim RWE-Marathon antritt (10.10 Uhr, Baldeneysee), ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und kommt in der Woche auf 60 bis 70 Trainingskilometer. „Die muss ich irgendwie zwischen Job und Kinderbetreuung unterbringen“, erzählt die 38-Jährige. Zwar sei es etwas einfacher, seit ihr jüngster Sohn in diesem Sommer eingeschult worden ist, aber: „Schwierig sind immer noch die langen Läufe am Sonntag“, erzählt die Grundschullehrerin. Schließlich kann man die Kinder da schlecht mitnehmen, auch wenn sie das schon versucht hat. „Ich hatte mal einen Jogging-Kinderwagen, aber der zog immer nach rechts“, sagt Niehues. „Damit konnte ich nicht vernünftig laufen.“ Immerhin begleitet ihr mittlerer Sohn sie inzwischen manchmal auf dem Fahrrad, wenn sie am Baldeneysee trainiert.

Der See ist für sie das im Wortsinne naheliegendste Trainingsgelände, denn sie wohnt nur einen Kilometer entfernt. Am Sonntag hat Niehues, die an der Ardeyschule Sport und Englisch unterrichtet, also ein Heimrennen, auf dass sie sich ganz besonders freut. „Hier mitzulaufen ist für mich eine Ehre, weil ich ja für den Tusem laufe“, sagt sie. „Eigentlich müsste ich als Vereinsmitglied ja mithelfen und beispielsweise die Strecke absichern, deswegen bin ich dankbar, dass ich laufen darf.“

Dieses Recht hat sie sich mit guten Vorleistungen gesichert: Bei den Westdeutschen Halbmarathon-Meisterschaften belegte sie Platz vier, beim Düsseldorf-Marathon im Mai war sie in 2:59,01 Stunden zweitbeste Deutsche. Diese Zeit will Niehues am Sonntag unterbieten, was für einen Platz ganz vorne wohl nicht reichen wird. „Ich erwarte die Silke in der Gruppe direkt hinter den Topleuten“, sagt Stefan Losch, 1. Vorsitzender der Leichtathletik-Abteilung des Tusem, der drei andere Läuferinnen aufgrund ihrer Vorleistungen stärker einschätzt. „Der Stefan hat jetzt die ersten drei Plätze schon fast vergeben, aber Marathon ist Marathon“, widerspricht Gerd Zachäus, Organisator des Marathons. „Abgerechnet wird zum Schluss.“ Und immerhin: Beim Köln-Marathon vor einer Woche hätte eine Zeit von 2:59 Stunden sogar für Platz zwei gereicht.