Steeler Spatzen sind seit 60 Jahren flügge

Sechs Jahrzehnte: Sie sind wie im Flug vergangen und das ist bei den Steeler Spatzen wörtlich zu nehmen. Der kleine, aber leistungsstarke Segelflugverein ist ein starkes Stück Essener Sporthistorie und erzählt auch ein ganz besonderes Kapitel aus der Geschichte der Nachkriegszeit und des Wiederaufbaus.

Rückblende: in der noch jungen Bundesrepublik normalisieren sich die Zeiten. Die Trümmerberge in den Städten werden kleiner und die Deutschen haben trotz der vielen Arbeit wieder so etwas wie Freizeit. Ein junger, blonder Schlacks namens Josef Verhoven begeistert als Boxer im Fliegengewicht sein Publikum, wird Deutscher Meister, aber der „Schöne Jupp“ will kein Boxer sein, sondern ihm steht der Sinn nach Höherem. Das ist wörtlich zu nehmen.

In den letzten Tagen des NS-Regimes hat Verhoven mit Freunden die Kunst des Segelfliegens erlernt. Gemeinsam mit seinen Freuden Heinz Barth, Reinhold Klug, Manfred Witt und Gerd Natzke schnuppert man in Mühlheim Segelfliegerluft. Viele Bewerber, wenige Flugzeuge: Spaß an der Fliegerei sah nach der Auffassung der verschworenen Gemeinschaft der Steeler Flieger anders aus, als das in der Realität der großen Vereine der Fall war. Jupp Verhovens Stunde schlägt. Der Mann weiß sich durchzuschlagen, ist charismatisch und sammelt Geld. Der „Verein für Luftfahrt Essen e.V.“ gründet sich im Juli 1953 und schon bald wird bei der Firma Scheibe in Dachau ein Bausatz eines Segelflugzeuges bestellt. Ein L-Spatz soll aus dem Haufen kleiner Drahtrohre und unzähliger Kiefernleisten entstehen. Verhoven hat bei Krupp Modellschreiner gelernt, bei den Hitler-Jungen an Flugzeugen gebastelt und war mutig. So wie seine Kumpels.

Der Spatz entsteht in Rekordzeit in den Kellerräumen der Kaiser-Otto-Schule in Essen-Steele. Pfingsten 1955 hob der Spatz mit Heinz Barth am Steuer ab. Mit dem kleinen Spatz, der den Steelern ihren Spitznamen und späteren Vereinsnamen verschafft, erzielen die Segelflieger beachtliche Erfolge. Im Frühjahr 1957 bejubelte die WAZ einen „Fernflug“ von über 265 Kilometer, den Heinz Barth absolvierte. „Wir hatten damals Spaß ohne Ende. Wir waren Freunde, unsere Frauen und Freundinnen verstanden sich bestens und wir sind mit unserem Spatz durch die Gegend gezogen“, erinnert sich Josef Verhoven, der Vorsitzender dieser, so sagt er es, „Segelflugkommune“ war.

Die Zeiten wurden besser, der Spatz wurde mit freundlicher Unterstützung der Bohlen und Halbach-Stiftung durch eine KA 6 ersetzt. Dieses Flugzeug war damals das beste Gerät, was es zu kaufen gab. „Klein, aber fein. Wir haben immer Sponsoren begeistern können“, sagt Verhoven heute. 55 Jahre hat der Mann den Verein gelenkt und mit seinen Freunden ausgebaut. Seit fünf Jahrzehnten fliegt der Verein in Dorsten und ist dort nicht mehr wegzudenken.

„Das passt und wir sind in Dorsten glücklich. Es hat nie einen Vertrag gegeben. Der Handschlag zählt“, sagt der blonde Jupp, der mittlerweile weiße Haare hat. Seine Idee vom kleinen Verein, der Spaß und Sport verbindet, ist zum Erfolgsmodell geraten.

Vor fünf Jahren hat der Spatzen-Häuptling den Steuerknüppel des Vereins in jüngere Hände übergeben: Manfred Stach, seit mehr als drei Jahrzehnten Eigengewächs des Vereins, führt den Verein im 21 Jahrhundert. Mit Spaß und Sachverstand. Der Verein bildet Segelflieger aus. Unter anderem Joana Hammer, die Enkeltochter des Gründers Jupp Verhoven, der jetzt als alter Adler, pardon Steeler Spatz, seine Aufgabe als Ehrenvorsitzender genießt. Er wird mit seinen Freunden das Fest zum 60. Geburtstages seiner Spatzen genießen und dabei Spaß haben. Garantiert.

 
 

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