MSV-Chef Steffen: Angriff vor dem Abschied

Dirk Retzlaff

Duisburg. Dieter Steffen hat mehrere Karteikärtchen beschrieben. Im Foyer der Schauinsland-Arena wartet seine Frau, bis der 64-Jährige die Karten im Medienraum des Stadions im Anschluss an eine Pressekonferenz von Ivica Grlic abgearbeitet hat. Steffen weiß hier schon, dass er als Vorstandsvorsitzender des MSV Duisburg über die nächsten 14 Tage hinaus keine Zukunft mehr hat. Nach der gescheiterten Wahl von Stadtwerke-Vorstand Edmund Baer ist seine Amtszeit nach nur elf Monaten gefühlt beendet.

Auch Vorstandsmitglied Stephan Bock ist da. Der Mediziner erzählt, dass er mit Steffen zuvor gewettet hatte, ob der Aufsichtsrat Baer wählen würde. Zumindest hier hat Dieter Steffen gewonnen: Er hatte das Dilemma kommen sehen.

Tomalak empört

Steffen schaut mehrfach nur kurz auf die Karteikarten. Die Abrechnung mit MSV-Aufsichtsratschef Hans-Werner Tomalak hat er im Kopf, mit fester Stimme formuliert er die Vorwürfe. Ein zentraler Punkt: Sparkassenchef Tomalak habe Sparkassen-Mitarbeiter Thomas Kretschmer angewiesen, von seinem Vorstandsposten beim MSV zurückzutreten. Steffen und Bock wittern eine Intrige. Der Aufsichtsrat könne auf diese Weise den Vorstand stürzen. Ohne Kretschmers Rücktritt wäre dies nicht möglich gewesen.

Tomalak reagiert später empört: „Das ist blanker Unsinn.“ Kretschmer formuliert seine Rücktrittsbegründungen diesmal ausführlicher als noch vor drei Wochen. Es habe im Führungsgremium in der jüngsten Vergangenheit keinen gemeinsamen Nenner gegeben. Und: Er habe „Bielefelder Verhältnisse“ auf den MSV zukommen gesehen. Aus Kreisen des Aufsichtsrates wird an diesem Tag zudem der Vorwurf laut, Steffen habe in seiner Arbeit zu sehr die Nähe zu MSV-Geschäftsführer Roland Kentsch gesucht.

Dieter Steffen wirft dem Aufsichtsratschef vor, „ein System Tomalak“ auf den MSV übertragen zu wollen. Im Aufsichtsrat würde Tomalak „wirtschaftliche und persönliche Abhängigkeiten ausnutzen.“ Auch dies weist Tomalak zurück. Dass Steffen ihm vorwirft, dem MSV wirtschaftlich geschadet zu haben, löst bei Tomalak ein Kopfschütteln aus. Der neue Sponsorenvertrag des Geldinstituts sei um 20 Prozent schlechter als der vorherige ausgefallen, überdies habe die Sparkasse für auslaufende Darlehen mit höheren Zinsen verlängert.

Einen zweiten Versuch, dem Aufsichtsrat einen Kandidaten vorzuschlagen, wollen Steffen und Bock nicht unternehmen. „Wir kleben nicht an unseren Stühlen“, sagt Stephan Bock.

Hans-Werner Tomalak macht später deutlich, dass er mit „so einer unsachlichen Auseinandersetzung nicht gerechnet habe.“Der 62-Jährige beklagt seinerseits, dass es nicht sein könne, dass der Vorstand dem Aufsichtsrat ohne Rücksprache einen Kandidaten präsentiert habe. Zudem, si Tomalak, habe Baer kein überzeugendes Konzept vorgelegt. Der Technische Vorstand der Stadtwerke kann die Ablehnung nicht verstehen. „Ich bin seit 20 Jahren in verantwortlicher Position tätig. Ich bin mir sicher, dass ich dem MSV hätte helfen können“, so Baer gegenüber der Sportredaktion.

Mitgliederversammlung

Der MSV Duisburg wird in knapp zwei Wochen keinen Vorstand mehr haben. „Wir haben keinen Plan B in der Schublade“, betont Tomalak. Steffen und Bock können sich Ablehnung Baers nur damit erklären, dass ein größerer Investor vor einem Engagement stehe. Der Name des Hamburgers Jürgen Uhlemann, der im letzten Jahr beim MSV erst als KGaA-Chef und dann als Vorsitzender einsteigen wollte, geistert schon wieder seit einigen Tagen durch die Arena.

Dieter Steffen will nun eine außerordentliche Mitgliederversammlung auf den Weg bringen – auch wenn er dann nicht mehr im Amt sein sollte. „Unsere Mitglieder müssen erfahren, welche Intrigen in den letzten Monaten im Gange waren“, sagt Steffen.

Die Mitglieder des Aufsichtsrates treffen sich derweil bereits heute um 8.30 Uhr in den Räumen der Sparkasse, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Hans-Werner Tomalak will diesem Gremium nur noch kurze Zeit vorstehen. „Nach der Mitgliederversammlung ist Schluss“, sagte er gestern.