Ein Stück Geschichte

Erinnerungsstücke: Walter Schädlich mit seinen beiden WM-Goldmedaillen.
Erinnerungsstücke: Walter Schädlich mit seinen beiden WM-Goldmedaillen.
Foto: WAZFotoPool
Mit der deutschen Feldhandball-Nationalmannschaft holte er 1952 und 1955 jeweils den WM-Titel. 1958 wurde er mit Hamborn 07 Deutscher Meister. Auch die Fußballer der Löwen trainierte er erfolgreich.

Walter Schädlich erzählt gerne Geschichten. Wie jene von der Handball-Weltmeisterschaft 1955, als er am Abend nach dem Titelgewinn den Erfolg feierte – mit einer Flasche Sekt. Tags darauf habe es dann Ärger mit dem Präsidenten des Deutschen Handball-Bundes gegeben, der von Schädlich verlangte, den Sekt selbst zu bezahlen – der Verband habe nur Wein genehmigt.

Walter Schädlich erzählt gerne Geschichten, aber vor allem ist er selbst lebendige Geschichte. Als Sportler hat er den Namen Duisburgs in die ganze Welt getragen – oder doch eher sogar den Namen Hamborns. In der damals selbstständigen Stadt wurde Schädlich am 15. April 1922 geboren, und hier feiert er an diesem Sonntag seinen 90. Geburtstag.

„Es waren schöne Zeiten, es waren anstrengende Zeiten“, sagt Walter Schädlich rückblickend. Schöne Zeiten – das ließe sich ganz einfach auf die beiden Triumphe mit Deutschland bei der Feldhandball-Weltmeisterschaft in den Jahren 1952 und 1955 reduzieren. Und natürlich sind das bis heute zwei strahlende Höhepunkte in Schädlichs Leben. Aber da war ja noch so viel mehr.

14-Meter verworfen

Zum Beispiel der wohl größte Tag in der Hamborner Sportgeschichte – der 29. Juni 1958. Mit 36 Jahren war Walter Schädlich da schon im Spätherbst seiner Sportlerkarriere, aber immer noch als Spielertrainer unverzichtbarer Bestandteil des Handballteams von Hamborn 07. „Alles eigene Zucht“, sagt er schmunzelnd. Er und seine Kollegen trafen im Endspiel um die Deutsche Meisterschaft auf den VfL Wolfsburg, der – damals schon – dafür bekannt war, seinen Kader mit finanziellen Mitteln aufzurüsten. 17 000 Zuschauer waren in Oberhausen dabei, und Walter Schädlich erinnert sich noch genau an die Schlussphase: „Es stand 10:9, dann habe ich einen 14-Meter vergeben. Wolfsburgs Torwart brachte den Ball weit nach vorn, aber unser Torhüter Klaus Schmitt hielt den letzten Wurf. Und Schluss.“ Im Jubelkorso ging es danach durch Hamborn.

Es war der Schlusspunkt einer glanzvollen aktiven Karriere, die erst spät so richtig begonnen hatte – des Krieges wegen. Walter Schädlich kämpfte in Russland, wurde dort verwundet, kam zur Genesung nach Hause und wurde dann an die Westfront geschickt. In Belgien nahmen ihn die Amerikaner gefangen. Es folgte die Gefangenschaft, erst in Rheinberg, dann in Frankreich. In Le Mans wurde er im Straßenbau eingesetzt, eine schwere Zeit. „Wir waren teilweise nur noch Haut und Knochen“, erinnert er sich. Dann endlich, 1948, die Rückkehr in die Freiheit. In Flensburg wurde er zum Sportlehrer ausgebildet – der Beruf, dem er dann in der Hamborner Heimat über viele Jahre nachging.

Weltmeister mit Bernhard Kempa

1952 war er in der Schweiz dabei, als Deutschlands Handballer wieder in den Kreis der Weltgemeinschaft aufgenommen wurden. „Da gab es keinen Hass, keinen Neid. Unsere sportliche Leistung wurde allgemein anerkannt.“ Und was war das für eine Leistung: Die DHB-Auswahl ebnete sich mit vier Siegen den Weg ins Finale, schlug dort auch Schweden klar mit 19:8. Mit dabei an Schädlichs Seite: Bernhard Kempa. Das war die Zeit, als dessen berühmter Trick entstand: „Bernhard hat den Ball nach links oder rechts gespielt, von außen wurde der Ball dann wieder reingelegt, während er am Kreis in Richtung Punkt sprang.“ Der Kempa-Trick, noch heute viel bewundert – wenn er gelingt.

Ein Jahr nach dem zweiten Titel, errungen im eigenen Land, wurde die erfolgreiche deutsche Mannschaft nach Japan eingeladen. Schädlich schwärmt noch immer davon: „Das war einmalig. Prinz Takamatsu, der Bruder des Tenno, hat uns im Kaiserpalais empfangen und ist danach mit uns zu unseren Spielen durch ganz Japan gereist.“ Vor ausverkauften Rängen ging es in Tokio gegen Japans Nationalmannschaft, und auch ein Erdbeben erlebten die Deutschen hautnah mit.

Auch als Fußballtrainer erfolgreich

Zurück in Duisburg, wurde Walter Schädlich für seinen Heimatklub immer wichtiger – und das nicht nur im Handball. Kurz vor Ende des Jahres 1957 wurde er zu einem Gespräch bei der Fußball-Abteilung gebeten, deren Reserve er „nebenbei“ betreute. „Da saß dann der ganze Vorstand mit 16 Leuten. Die fragten, ob ich die erste Mannschaft übernehmen könnte.“ In der 2. Liga West waren die Löwen zu diesem Zeitpunkt Fünfter, der bisherige Trainer war aufgrund seines Verhaltens außerhalb des Platzes untragbar geworden. Schädlich sagte zu. „An den Aufstieg hat damals keiner mehr geglaubt“, weiß er noch. „Am Ende sind wir dann mit fünf Punkten Vorsprung Meister geworden.“ Im gleichen Jahr, in dem er auch mit den Handballern den deutschen Titel holte. Erfolgreicher als mit Walter Schädlich sollte Hamborn 07 nie wieder sein.

Gespräch mit Genscher

Unvergessen bleiben für ihn auch die Olympischen Spiele 1972 in München. Organisationschef Siegfried Perrey brauchte zuverlässige Mitarbeiter für seinen Stab – und wurde in Duisburg mit Werner Konrad, der die Regattastrecke unter seinen Fittichen hatte, und Handball-Experte Walter Schädlich fündig. Aus nächster Nähe erlebte er nach dem Anschlag palästinensischer Terroristen auf die israelische Mannschaft die Verhandlungen von Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher mit.

Und auch dazu gibt es wieder eine Geschichte: „Ich war für die Dauer der Olympischen Spiele vom Dienst freigestellt, aber dann hieß es auf einmal, ich solle für diese Zeit nun doch kein Gehalt bekommen. Da habe ich dann Hans-Dietrich Genscher darauf angesprochen. Wenig später war die Sache erledigt.“

 
 

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