Die unwahrscheinliche Autogrammreise zu Raul Tagliari

Dafür lohnte sich die Mühe: Stefanie Liebelt mit zwei unterschriebenen Autogrammen von Raul Tagliari.
Dafür lohnte sich die Mühe: Stefanie Liebelt mit zwei unterschriebenen Autogrammen von Raul Tagliari.
Foto: WAZ FotoPool
Stefanie Liebelt aus Walsum fand in Brasilien den ehemaligen MSV-Spieler Raul Tagliari, der noch gern an die Zeit in Duisburg zurückdenkt.

Duisburg..  Ob diese ganze Sache ein gutes Ende nehmen würde? 26 Stunden Busfahrt hatte Stefanie Liebelt hinter sich gebracht – und nun stand sie hier vor diesem riesig anmutenden Appartementkomplex mitten in der Millionenstadt Porto Alegre. Namensschilder an den Klingeln oder Briefkästen? Gab’s nicht. Wie sollte sie jetzt bloß den Mann finden, für den sie diese Strapaze überhaupt erst auf sich genommen hatte? Doch das Glück stand der jungen Frau aus Walsum zur Seite: Eine Bewohnerin des Hauses trat auf die Straße. Die sprach zwar nur Portugiesisch, aber mit Händen und Füßen und den Wortbrocken „Tagliari, Futbol“ gelang es Stefanie Liebelt, sich verständlich zu machen. Und so kam es, dass er wenige Minuten später vor ihr stand. Raul Tagliari, der erste Brasilianer in der Fußball-Bundesliga-Geschichte des MSV Duisburg.

Raul wer? Brasilianer gab’s ja einige in der jüngeren Geschichte der Zebras, sehr bekannte wie Roque Junior oder Ailton, aber auch ganz schnell vergessene wie Cacá, Serjao oder Emerson. Aber Raul Tagliari – das ist ein Name, der wohl nur noch den ganz eingefleischten Fußballfans etwas sagt. Und da fängt die Geschichte dieses Besuchs in Porto Alegre an.

Stefanie Liebelt reist für ihr Leben gern. Die 27-Jährige plante im Sommer einen Trip nach Südamerika. Argentinien, Bolivien, Brasilien, das ganze Programm, vier Monate lang. Und das auch noch allein – bei solchen Abenteuern hat ihr Vater Manfred normalerweise nicht das allerbeste Gefühl. Das war diesmal nicht anders, aber zugleich kam ihm auch eine Idee. Brasilien, da war doch was. Eine Lücke, die es zu füllen galt. In seiner Sammlung. Denn was seiner Tochter das Reisen, ist für Manfred Liebelt das Sammeln von Autogramme. Eine wahre Leidenschaft, die er seit über 20 Jahren pflegt.

Stolz präsentiert der 58-jährige Walsumer seine Auswahl von Schriftzügen der kickenden Prominenz. Die Weltmeister von 1954, das WM-Aufgebot von 1966 und auch sonst alles, was im Fußball von gestern und heute Rang und Namen hat. Fast alles jedenfalls. „Ein paar Leute sind schwer zu kriegen“, sagt Liebelt und erzählt beispielsweise von Ex-Nationalspieler Jürgen Grabowski. Anfragen auf dem Postweg lasse der Frankfurter prinzipiell unbeantwortet. Aber als es Manfred Liebelt dann gelang, ihn einmal persönlich zu treffen, gab es natürlich sofort die Unterschrift. „Ein total netter Typ“, erinnert er sich.

Gut im Rucksack verstaut

Innerhalb Deutschlands mag das so noch klappen. Andere Lücken lassen sich hingegen kaum schließen. Wie die von Raul Tagliari. Von 1964 bis 1966 stand der Brasilianer im Aufgebot des Meidericher SV, wie Duisburgs Vorzeigeklub damals noch hieß. Lief auf mit den alten Strategen wie Günter Preuß oder „Lulu“ Nolden, die heute noch immer für alle MSV-Fans präsent sind. Doch im kollektiven Gedächtnis ist er nicht geblieben, und das trotz einer Torquote, die einen jungen Spieler heutzutage zu einem Kandidaten für die Nationalmannschaft machen würde: Neun Einsätze, vier Treffer. Es reichte aber nicht für eine große Karriere, und Raul Tagliari kehrte bald in seine Heimat zurück.

Ohne Autogramme von sich hinterlassen zu haben, versteht sich. Klar, dass dies den Ehrgeiz eines passionierten Sammlers wecken musste. Die Reise seiner Tochter auf die südliche Halbkugel bot eine unverhoffte Möglichkeit. „Ein Sammlerkollege hat mir die Adresse besorgt“, so Manfred Liebelt. Ob seine Tochter das denn auch für ihn machen würde? „Klar“, sagt sie, „das lag doch auf meiner Route“. Was man auf einem derart großen Kontinent eben als Route bezeichnet. Gesagt, getan, Bilder von Tagliari aus seiner MSV-Zeit ließen sich schnell beschaffen. „Die habe ich dann schön ganz unten in meinem Rucksack verstaut, damit sie nicht geknickt werden“, erinnert sich Stefanie Liebelt. Und tatsächlich überstanden sie die lange Reise unbeschadet.

Bis zu dem Moment, als sie vor besagtem Haus stand. Die Nachbarin, der sie sich irgendwie verständlich gemacht hatte, gab jemandem Bescheid, der nach unten auf die Straße kam – einem jungen Mann. Das konnte nicht Raul Tagliari sein. War er auch nicht, sondern sein Neffe. Der einstige Fußballspieler folgte aber wenig später. „Der hat sich vermutlich gefragt: Was will die von mir?“ Das konnte Stefanie Liebelt ihm aber ohne große Mühe verständlich machen, denn Raul Tagliari spricht Englisch und sogar noch ein paar Brocken Deutsch. „Klar, kein Thema“, sagte er zum Autogrammwunsch. Und war seinerseits sofort wissbegierig über die Stadt, die ihm für einige Zeit zur Heimat geworden war. „Er hat mich nach Werner Krämer gefragt, der wohl damals viel für ihn in Duisburg getan hat“, so Stefanie Liebelt, die ihm darauf aber keine Antwort geben konnte. Sie wusste nicht, dass „Eia“ im Februar 2010 verstorben war.

„Er fand es sehr schade, dass er keinen Kontakt mehr zu seinen Freunden in Duisburg hat“, erzählt Stefanie Liebelt, die Raul Tagliari als ungemein freundlichen und hilfsbereiten Menschen kennenlernte. Wie lange sie denn noch in Porto Alegre sei, wollte er wissen. Einen Tag, antwortete sie. Prima, dann würde er alles, was sie mitgebracht hatte, unterschreiben und am nächsten Tag in ihrer Unterkunft vorbeibringen. Gesagt, getan: Tags darauf stand der 72-Jährige vor der Tür ihres Hostels – schweißgebadet, denn er hatte sich ihre Adresse offenbar falsch notiert und war den Rest des Weges bei großer Hitze steil bergauf zu Fuß gelaufen. Trotzdem bestens gelaunt, packte er alle signierten Fotos aus – und einen ganzen Block voller Blanko-Unterschriften. „Und mir hat er dann noch eine landestypische Holzkette geschenkt“, denkt Stefanie Liebelt lächelnd an die Zeit in Porto Alegre zurück.

Pelé unterschrieb im Fernsehen

In der Sammlung ihres Vaters nimmt das Autogramm von Raul Tagliari nun einen besonderen Platz ein. Geschlagen wird es, was die Umstände der Beschaffung angeht, wohl höchstens noch von jenem des wohl größten Fußballers aller Zeiten: Pelé. Wie Jürgen Grabowski schickt auch er nichts zurück, doch dann hatte Manfred Liebelt eine Idee: „Das war während der WM 2006 in Deutschland. Pelé war für einen Besuch im ZDF-WM-Studio angekündigt, und daraufhin habe ich ein Foto mit dem Autogrammwunsch ans ZDF geschickt.“ Und wie es halt immer so ist: Für ein paar Minuten hatte Liebelt an jenem Abend, als das passierte, was ihm hinterher Freunde am Telefon schildern mussten: „Johannes B. Kerner hat meinen Brief präsentiert, meinen Namen und mein Anliegen genannt und Pelé dann live vor den Kameras unterschreiben lassen.“

Da geht so schnell in der Tat nichts drüber. Und auch der nächste Trip von Tochter Stefanie verspricht keinen prominenten Zugang für die illustre Autogrammsammlung: Im nächsten Jahr geht es nach Kanada.

 
 

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