„Die Sportstadt ist ein Treppenwitz!“

Große Sprünge: Mit seinen Leichtathleten zählte der ART 2013 zu den besten sechs Vereinen in Deutschland.
Große Sprünge: Mit seinen Leichtathleten zählte der ART 2013 zu den besten sechs Vereinen in Deutschland.
Foto: WAZ
ART-Lenker und Förderer Peter Kluth klagt im NRZ-Gespräch über die Situation des Sports. Der 45-Jährige, der im vergangenen Jahr zur Düsseldorfer Sportpersönlichkeit des Jahres gewählt wurde, fordert von Unternehmen und dem zukünftigen Oberbürgermeister mehr Unterstützung.

Düsseldorf.  Peter Kluth hat resigniert. Zwei Jahre lang versuchte der Rechtsanwalt mit seinen Mitstreitern beim ART, den aus der insolventen HSG hervorgegangenen Profi-Handball in der Stadt vor allem wirtschaftlich auf solide Beine zu stellen. Während die vom 45-Jährigen auch finanziell unterstützte Leichtathletik des Rather Traditionsvereins in Deutschland weiterhin eine Spitzenposition einnimmt, ist der Handball seit dem Abstieg Anfang April nur noch viertklassig. Kluth, der im vergangenen Jahr zur Düsseldorfer Sportpersönlichkeit des Jahres gewählt wurde, sprach im Interview mit der NRZ über die sportlichen Probleme innerhalb der Stadt.


Herr Kluth, ist Düsseldorf für Sie eine Sportstadt?
Ich halte die Sportstadt Düsseldorf für einen Treppenwitz. Dieses Attribut ist vollkommen realitätsfern.


Wie kommen Sie zu dieser Einschätzung?
An der Stadtspitze in Düsseldorf steht ein Oberbürgermeister, für den der Spitzensport zwar als geeignetes Wahlkampfthema in Anspruch genommen wird, für den der Leistungssport allerdings im täglichen Geschäft auf der Prioritätenskala sehr weit unten angesiedelt ist.
Woran machen Sie das fest?
Die sportpolitische Verwaltung muss sich rückblickend auf die letzten Jahre die Frage gefallen lassen, ob ihr Vorgehen die für Spitzensport erforderliche Transparenz, Effizienz, Umsetzungsfähigkeit und Umsetzungsgeschwindigkeit hatte. An diesem Punkt darf man getrost Zweifel haben. Meinem Eindruck nach hat sich insbesondere in den vergangenen Monaten eine Art lebende Blockade eingeschlichen.


Wie spiegelt sich diese in der täglichen Vereinsarbeit wieder?
Bevor man mit dem Finger auf andere zeigt, müssen sich die Vereine mit Ausnahme der Fortuna zunächst einmal selbst hinterfragen, ob sie in der Vergangenheit immer professionelle Strukturen und die richtigen Personen in den richtigen Ämtern hatten. Im Düsseldorfer Sport gibt es leider nur sehr wenige Leute wie Herrn Preuß (Manager von Tischtennis-Bundesligist Borussia, Anm. d. Red.). Zudem ist die Zuschauerresonanz in vielen Sportarten eher unterdurchschnittlich, Fortuna wie immer ausgenommen. Selbst bei Klubs, die gute Arbeit leisten. Vielen fehlt es an der Identifikation mit den Profisportvereinen in der Stadt. Viele empfinden keine Genugtuung und Stolz, wenn ein Verein ihre Stadt repräsentiert. Es gibt einige andere attraktive Großstädte, die ihre Hallen weitaus besser füllen als Düsseldorf.


Wie ist es um die Identifikation der lokalen Wirtschaft mit dem Düsseldorfer Sport bestellt? Welche Erfahrungen haben Sie bei der Sponsorensuche für die ART-Handballer gemacht?
Die Sponsorenlandschaft in Düsseldorf ist tot. Der Zugang zu kommunalen Unternehmen ist zu. Es mangelt an der Identifikation mit dem Sport in der Stadt. Unmittelbar benachbarte Handball-Drittligisten aus kleineren Städten arbeiten beispielsweise mit einem Etat von einer Viertelmillion Euro. Das war für uns in der vergangenen Saison schlichtweg nicht realisierbar. Dass der Düsseldorfer Handball mit dem Abstieg in die vierte Liga von Städten wie Korschenbroich, Neuss oder Ratingen überholt wurde, ist einfach nur peinlich. Zumal wir beim ART mit über die beste Nachwuchsarbeit in Nordrhein-Westfalen verfügen.


Hätte der Abstieg mit städtischer Unterstützung verhindert werden können?
Man hat den Drittliga-Handball ohne Not fallen gelassen. Mit 45 000 Euro hätte die Mannschaft problemlos stabilisiert werden können. Wir haben die städtischen Institutionen bereits vor einem Jahr auf die missliche Lage aufmerksam gemacht. Sie wollten die Lage prüfen. Auf eine Antwort warten wir noch immer. Hinzu kommt, dass wir in den vergangenen fünf Jahren rund 20 Düsseldorfer Nachwuchsspieler an andere Klubs verloren haben. Sie spielen jetzt alle in der ersten oder zweiten Bundesliga. Mit den nötigen finanziellen Mitteln könnten wir in Düsseldorf problemlos eine Zweitliga-Mannschaft auf die Beine stellen, die ausschließlich aus einheimischen Talenten besteht.


Der HSV als der ehemals erstklassige Kooperationspartner des ART musste im Dezember 2011 Insolvenz anmelden, weil selbst eine Düsseldorfer Bank als einer der damaligen Hauptsponsoren nicht bereit war, eine Bürgschaft über rund 30 000 Euro zu übernehmen. Muss die Stadt über ihre Tochterfirmen mehr Verantwortung für den Profisport in der Stadt schultern?
Wir hatten bei der Stadtsparkasse ein Mittagessen bei dem uns signalisiert wurde, dass an Sportförderung kein Interesse besteht. Die Stadtwerke haben uns einen Tag vor einem vereinbarten Termin abgesagt und sind mittlerweile Hauptsponsor bei Mettmann-Sport. Sportsponsoring genießt mittlerweile noch nicht einmal mehr ein durchschnittliches Ansehen. Sicherlich ist es nicht die Aufgabe der Stadt, Vereine mit Finanzspritzen künstlich am Leben zu halten. Vielmehr geht es darum, wie bei anderen Unternehmen auch, ein vernünftiges Mittelmaß zu finden. Es muss ja nicht immer gleich der Anspruch eines Vereins sein, erste Bundesliga spielen zu wollen.


Haben Sie ähnliche Erfahrungen auch bei der Sponsorensuche für die Leichtathletik gemacht?
Auf der Suche nach Förderern für die Leichtathletik haben wir es bei den Stadtwerken noch nicht einmal zur Tür hinein geschafft. Der TV Wattenscheid erhält von den Stadtwerken Bochum, denen es nicht besser geht als dem Düsseldorfer Pendant, jährlich rund 600 000 Euro. Das ist das Vierfache unseres Gesamtetats. Dennoch zählten wir im vergangenen Jahr in der Leichtathletik zu den besten sechs Vereinen Deutschlands.


Ist Sport-Sponsoring in Düsseldorf nur noch über Mäzenatentum möglich?
Von einem großen Gönner abhängig zu sein ist immer ein ungesundes Modell. Sicherlich muss man einem Peter Hoberg, der die DEG seit Jahren mit Millionen unterstützt, ein Denkmal vor dem Rather Dome setzen. Auf Dauer kann das aber nicht funktionieren. Es muss das oberste Ziel auch der Stadt sein, Spitzen-Eishockey in Düsseldorf schnellstmöglich auf gesunde Füße zu stellen. Dies kann aber wie in allen Sportarten nur durch einen möglichst großen Pool an Sponsoren und Unterstützern funktionieren.


Angesichts der Fülle von namhaften Unternehmen in der Stadt fällt es schwer zu glauben, dass mangelndes Interesse alleine auf fehlende Identifikation der Unternehmen mit den Vereinen zurückzuführen ist. Fehlt es bei einigen Vereinen an Synergieeffekten und einem wirtschaftlichen Gegenwert für Sportsponsoring?
Das muss man differenziert betrachten. Fortunas Fußballer muss man wie immer ausklammern. Ebenso die Borussia, die mit ihrer 26. Tischtennis-Meisterschaft wieder einmal unter Beweis gestellt hat, dass sie ein leuchtender Stern am Düsseldorfer Sporthimmel ist. Man muss dankbar sein, dass es diesen Verein gibt. In der Regel beginnt es bei Unternehmen mit Gefälligkeitssponsoring. Danach muss das Unternehmen kritisch hinterfragen, welchen Gegenwert es bekommt. Viele Firmen tun viel für die Stadt, aber eben nicht im Spitzensport. Sicherlich fehlt es auch an Synergieeffekten. In einem gewissen Umfang rechtfertigt sich ein Local-Sponsoring allerdings in der kulturellen und sozialen Verantwortung der Firmen. Ich empfinde es als Verpflichtung von lokalen Unternehmen gegenüber der Stadt, etwas zu tun.
Wie ließe sich das Sponsoring-Problem für den Profisport lösen?
Sport und Wirtschaft müssen sich unter Federführung der Stadt in einem konstruktiven Dialog aufeinander zubewegen. Mittels eines Fonds wie beispielsweise dem der Stiftung ProSport, könnten Gelder von Unternehmen gesammelt werden, die nach einem sportlichen Erfolgsschlüssel an leistungssportorientierte Vereine verteilt werden. So würde man ein breiteres Spektrum abbilden, das sich besser vermarkten ließe als Einzelsport, wovon letztendlich auch die Unternehmen profitieren. Die Idee ist nicht ausgereift, aber es wäre zumindest ein Anfang.


Was wünschen Sie sich vom künftigen Oberbürgermeister?
Es wäre wünschenswert, wenn der zukünftige Oberbürgermeister den Sport in einer seinem Stellenwert in der modernen Gesellschaft gebührenden Art und Weise mit Herz persönlich unterstützt und fördert. Der OB-Kandidat Geisel hat mich eigeninitiativlich angerufen und sich ausführlich über die Strukturen im Düsseldorfer Profisport informiert. Ich habe bei unserem zweistündigen Gespräch den Eindruck gewonnen, dass er ein gesteigertes Interesse für die sportlichen Dinge in Düsseldorf hegt. Für den zukünftigen Oberbürgermeister, egal ob nun Herr Elbers oder Herr Geisel, kann Scherbenkehren jedenfalls kein Konzept sein.


Haben Sie ein solches Gespräch in den letzten Jahren auch einmal mit Herrn Elbers geführt?
Nein, habe ich nicht. Er muss mich auch nicht anrufen. Es hätte allerdings von Interesse am Düsseldorfer Sport gezeugt.

 
 

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