Protest gegen DFL-Konzept - alle Fans sollen heute schweigen

Oliver Ricken von "The Unity" hält nichts vom Sicherheitspapier der DFL - und wird dies an den kommenden drei Spieltagen auch zum Ausdruck bringen.
Oliver Ricken von "The Unity" hält nichts vom Sicherheitspapier der DFL - und wird dies an den kommenden drei Spieltagen auch zum Ausdruck bringen.
Fangruppierungen planen für den kommenden 14. Bundesliga-Spieltag bundesweit Protest-Aktionen, um ihre ablehnende Haltung gegenüber dem DFL-Sicherheitspapier zu verdeutlichen. Im Interview spricht Oliver Ricken, Vorstandsmitglied der BVB-Fangruppe "The Unity", über den Fan-Boykott.

Dortmund.. Heute werden die Fans von Borussia Dortmund und Fortuna Düsseldorf beim Spiel ihrer Mannschaften in den ersten zwölf Minuten und zwölf Sekunden den Mund halten – und erst danach alles geben. Was es mit dieser Aktion auf sich hat, erklärt Oliver Ricken aus dem Vorstand der BVB-Fangruppe „The Unity“.

Wie genau sieht die Aktion "Ohne Stimme keine Stimmung aus"? Worum geht es den Fangruppen?

Oliver Ricken: Die Aktion „Ohne Stimme, keine Stimmung“ ist ein Bündnis bzw. eine Initiative deutscher Fankurven, um ihre ablehnende Haltung gegenüber dem DFL-Sicherheitspapier gemeinsam zu verdeutlichen. Hierfür werden die meisten deutschen Fankurven ab dem 14. Spieltag für vorerst drei Spieltage die ersten 12 Minuten und 12 Sekunden schweigen. 12:12 deswegen, weil am 12. Dezember dieses Jahres über die einzelnen Punkte des Sicherheitspapiers abgestimmt wird.

Zwölf Minuten ohne Gesang sind eine lange Zeit für die schwarz-gelbe Fanseele. Werden da alle mitziehen?

Ricken: Das ist natürlich verdammt schwer abzuschätzen, denn ein geplanter Boykott bei einem Heimspiel ist für uns natürlich auch vollkommenes Neuland. Sicherlich ist es in Dortmund mit der riesigen Südtribüne und der aktuellen sportlichen Lage auch ein schwieriges Unterfangen. Fakt ist aber, dass wir versuchen werden, möglichst viele Leute zu sensibilisieren und mit ins Boot zu holen. Hierfür werden wir an den jeweiligen Spieltagen ausreichend Flyer verteilen und zudem auch noch einmal durch Spruchbänder auf den anstehenden Boykott aufmerksam machen. Es wäre natürlich utopisch, zu glauben, es würde jeder mitziehen. Dafür ist die Masse im Westfalenstadion einfach zu riesig und das Spiel auf dem Rasen oftmals viel zu emotional. Ich kann es aber nur noch einmal betonen: Dieses Papier beeinträchtigt jeden Stadiongänger und ist aus diesem Grunde auch konsequent und geschlossen abzulehnen!

"Wir erhoffen uns natürlich einen Paukenschlag"

Kam die Idee für die Aktion bei allen Fanvertretern gut an? Gab es Stimmen dagegen? Wenn ja, warum?

Ricken: Wir haben uns unter der Woche in einer Dortmunder Lokalität mit ca. 60 Fanclubvertretern zusammengesetzt und über das Sicherheitspapier so wie den geplanten Boykott diskutiert. Wobei, richtig diskutiert wurde eigentlich gar nicht, denn niemand, der im Raum saß, hatte sich für das Papier bzw. gegen die Proteste ausgesprochen. Auch nachdem die DFL das erste Sicherheitspapier überarbeitet hat, waren wir - so wie die Fanclubvertreter - der Meinung, die Proteste weiterhin fortzuführen, denn bei der Neuauflage ist inhaltlich die gleiche Ausrichtung zu erkennen. Teilweise sind Passagen schwammiger formuliert worden, lassen aber immer noch die Konsequenzen wie z.B. Ganzkörperkontrollen zu.

Wie ist deine Einschätzung, wird der Stimmungsboykott tatsächlich Einfluss auf die Entscheidungen am 12. Dezember haben?

Ricken: Wir erhoffen uns natürlich einen Paukenschlag. Bei uns in Dortmund und auch bundesweit. Alle Fans in allen Stadien schweigen zu Beginn des Spiels. Wenn das klappt, gibt es kein nachhaltigeres Zeichen! Wir wollen ein Bild erzeugen und verdeutlichen, dass die Mehrheit der Fans, die Mehrheit der Stadiongänger in Deutschland sich nicht weiter gängeln lassen will. Die Innenministerkonferenz muss merken, dass die Bevölkerung bei ihrer Scharade nicht mitspielt. Im konkreten Fall wünschen wir uns dann natürlich, dass die Vertreter auf der DFL-Tagung am 12. Dezember einlenken und das Konzeptpapier nicht als weitere Grundlage für weitere Maßnahmen verabschieden. Wir fordern einen fairen Dialog auf Augenhöhe und eine Akzeptanz der Fans als Teil der Lösung und nicht als störendes Element!

Gibt es in Dortmund weitere Begleitaktionen zu 12:12?

Ricken: Ja die gibt es! Beim letzten Heimspiel dieses Jahres gegen Wolfsburg ist eine Demo unter dem Motto „Für den Erhalt der Fankultur“ geplant. Grundsätzlich ist anzumerken, dass wir explizit nicht gegen die DFL, ihr Sicherheitspapier oder gar gegen den BVB demonstrieren, sondern wir wollen bewusst „Für den Erhalt der Fankultur“ marschieren, also eine Positivdemo. Unter diesem Titel ist die Demo auch angemeldet. Wir wollen aufzeigen, wie farbenfroh und erhaltenswert unsere Fußballkultur ist und was die DFL durch dieses Papier aufs Spiel setzt.

Protest "in keinster Art und Weise gegen die Mannschaft"

Hat sich der Verein zu der Aktion geäußert? Wenn ja, in welche Richtung?

Ricken: Wir stehen natürlich im dauerhaften Gespräch mit dem Verein und haben ihm auch den Unmut über dieses Papier zugetragen. Nach dem Amsterdam-Spiel haben sich mehrere Fanvertreter mit Herrn Dr. Hockenjos (Leiter Organisation beim BVB, Anm. d. Red.) zusammengesetzt und man ist gemeinsam das Konzept durchgegangen. Wir haben dort unsere Kritikpunkte im Einzelnen vorgetragen und den Verein wiederum gebeten, unsere Anliegen an die DFL weiterzuleiten. Die Gespräche waren sehr positiv und intensiv, wie der Verein sich aber letzten Endes positioniert, mag ich nicht beurteilen.

Jürgen Klopp hat sich vor dem Hamburg-Spiel und dem dortigen Boykott nicht nur positiv geäußert, weil er fürchtete, der Mannschaft fehle dann die Unterstützung der Fans. Habt ihr solche Befürchtungen berücksichtigt?

Ricken: Natürlich sind uns die Worte von Jürgen Klopp noch in den Ohren, allerdings hatte er auch damals recht rasch seine Aussage revidiert, nachdem man ihm den Tenor des Protests erklärt hatte. Diesmal haben wir mit Sebastian Kehl, Kevin Großkreutz und Roman Weidenfeller ein recht intensives Gespräch geführt und ihnen über den anstehenden Stimmungsboykott berichtet. Dabei wurde ganz klar gesagt, dass es sich in keinster Art und Weise gegen die Mannschaft richtet, denn diese gibt aktuell überhaupt keinen Anlass für so eine Aktion. Sie konnten unsere Ansichten nachvollziehen und versprachen, unsere Worte in den Rest der Mannschaft hineinzutragen. Wir wiederum versprachen ihnen konsequente Unterstützung nach der geplanten Protestzeit.

"Dieses Stadionpapier beeinträchtigt jeden regelmäßigen Stadiongänger"

Wie begegnet ihr Kritikern, die sagen, die Ultras würden mit der Schweige-Aktion ihre Belange über den sportlichen Erfolg stellen?

Ricken: Dies sind aber definitiv keine Belange für Ultras, denn dieses Stadionpapier beeinträchtigt, wie oben angesprochen, jeden regelmäßigen Stadiongänger. Seine Mannschaft und seinen Verein nicht zu unterstützen, tut immer weh, das steht außer Frage. Wir müssen aber gewährleisten, dass wir den Verein auch noch in den nächsten Jahren unterstützen können.

Zum DFL-Papier hat sich der BVB noch nicht öffentlich geäußert. Soll mit der Aktion auch der Druck auf dem Verein erhöht werden, sich endlich zu positionieren?

Ricken: Der BVB wird in den kommenden Tagen Stellung zu dem Papier „Sicheres Stadionerlebnis“ nehmen. Dies wurde uns bei einer mehrstündigen Sitzung mit Herrn Dr. Hockenjos zugesichert. Inwiefern sich der BVB positioniert, ist schwer einzuschätzen. Wir haben dem Verein aber unsere Kritikpunkte am Konzeptpapier vorgetragen und erhoffen uns natürlich, dass diese Einfluss auf die Entscheidung hat.

Machen solche Boykott-Aktionen noch Sinn? Kann der Fan überhaupt auf Ergebnisse hoffen?

Ricken: Ich denke schon, dass der Fan durch diverse Protestformen auf Missstände aufmerksam und sich ausreichend Gehör verschaffen kann. Generell wird die Macht der Fans oftmals unterschätzt, zumal der Fußball ohne seine Fans deutlich an Image verlieren würde und so deutlich schlechter vermarktet werden kann. Nicht umsonst wird europaweit neidisch auf die vollen Stadien und deren Stehplätze geblickt. Das immense Medieninteresse der letzten Tage und Wochen bestätigt uns in unserem Handeln und gibt uns zudem Kraft, dem angeblichen Kampf gegen Windmühlen weiter stand zu halten.

 
 

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